Sichere Wege in die Insolvenz. Ein Ratgeber.

von Klaus Woltron / 26.02.2015
Rütli2
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Pleiten rundum – Staaten, Banken, Firmen: Man stumpft ab, angesichts der versenkten Milliarden und des damit verbundenen Tarnens und Täuschens. Die wirklich herausfordernde Frage ist jedoch die: Wie schafft man das eigentlich?

Falls Sie Interesse daran haben, sich in die Gilde der Pleitiers einzureihen, wenn Sie wissen wollen, wie man seine Firma – oder auch seinen Staat – möglichst schnell und effizient an die Wand fährt, berücksichtigen Sie die unten aufgelisteten Rezepte. Tun Sie es aber bitte konsequent: Es ist gar nicht so einfach, ein gesundes Unternehmen oder eine Volkswirtschaft kaputtzumachen.

Die Sachlage, zusammengefasst

„20 bis 24 Milliarden kostet die Hypo-Pleite; mit zwei bis drei Milliarden schlägt die Kommunalkredit-/KA-Finanz-Geschichte zu Buche; 500 Millionen wurden in Linz „verswapt“, 350 Millionen in Salzburg versenkt. Mehrere hundert Millionen haben die restlichen Gemeinde-Swapper auf dem Gewissen.“

 

(Josef Urschitz in der PRESSE).

Alles zusammen beläuft sich allein die De-facto-Pleite im staatlichen und kommunalen Bereich auf fast 30 Milliarden Euro. Dazu kommen noch einmal über 30.000 Privat- und Firmenpleiten in den letzten beiden Jahren (im Gesamtvolumen von etwa € 9,2 Mrd.)

Insolvenzen 2014
Insolvenzen 2014
Insolvenzen 2013–2014

Das alles ist allerdings nichts gegen die versteckte oder offene Insolvenzsituation etlicher Staaten im EU-Raum: Die diversen Rettungsschirme (EFSF, ESM), die Mittel des QE (Quantitative Easing) und die direkte, mehrmalige und noch lange nicht abgeschlossene Bezuschussung z.B. des chronisch insolventen Griechenland. Ohne die Hingabe von unzähligen Milliarden Euro, die künstliche Erhöhung der Geldmenge und einen zunehmenden Transfer von Kapital von Norden nach Süden wäre die gesamte Konstruktion des Euro wahrscheinlich bereits gekippt.

Was tun, um pleite zu machen?

Die nachstehenden Handlungsanleitungen sind erprobt: Ich habe meine ganz konkreten, jahrzehntelangen Erfahrungen mit Pleiten und Zusammenbrüchen aller Art in der Praxis verarbeitet.

Alsdann: Die Kunst Pleite zu machen, hängt zum Ersten wesentlich von der Art des Unternehmens ab.

  • Sind Sie Jungunternehmer?
  • Oder haben Sie Ihre Firma über viele Jahre hinweg aufgebaut und wollen Sie sich zurückziehen?
  • Besitzen oder leiten Sie einen Konzern?
  • Oder sind Sie gar Finanzminister, Bundeskanzler oder Präsident?

Es ist für das Verständnis der folgenden Ratschläge sehr wichtig, sich richtig einzuordnen. Wollen Sie möglichst rasch zum Ausgleichsrichter, Konkursverwalter oder zur EZB pilgern, bedenken Sie bitte genau, welcher der vier Kategorien Sie zuzurechnen sind: Was den einen schnell zum Erfolg führt, kann für den anderen ein mühsamer Umweg sein!

Tipps für Jungunternehmer

Als Jungunternehmer haben Sie eine sehr gute Ausgangsbasis, wenn Ihr Produkt noch nicht vollständig zur Reife gebracht ist. Die hohen Kosten für Reklamationen, Änderungen von Prospektmaterial und eine Vielzahl verärgerter Kunden helfen Ihnen, Ihr Anfangskapital möglichst schnell zu verbrauchen.

Beziehen Sie ein großes, repräsentatives Büro in bester Lage und stellen Sie möglichst viele Mitarbeiter ein. Beginnen Sie mit zwei Sekretärinnen und einer Empfangsdame. Der Eigenkapitalanteil soll zweckmäßigerweise unter zehn Prozent liegen, um die Zinsbelastung hochzuhalten und die Banken oft ins Haus zu locken. Es empfiehlt sich auch, mit einer möglichst breiten Produktpalette zu starten, um die Anlaufkosten zu erhöhen, viel Personal zu blockieren und für Sie selbst Tag und Nacht Unterhaltung zu schaffen – durch Beschwerdeanrufe böser Kunden, Rückfragen ratloser Mitarbeiter und volle Lager.

Reicht das alles noch nicht aus, um schon im dritten Jahr Ausgleich anzumelden, dann beginnen Sie mit der Entwicklung eigener Software für Verwaltung und Produktion, möglichst unter Einschaltung eines kleinen, kapitalschwachen Beratungsbüros. Das funktioniert dann sicher.

Tipps für Familienbetriebe

Wenden wir uns nun den wohlsituierten, langjährig erfolgreichen Betrieben zu. Sie haben es als Eigentümer und Geschäftsführer langsam satt, bis in den späten Abend hinein im Büro zu sitzen oder Kundenbesuche zu machen? Sie wollen das Ruder in die Hand Jüngerer legen, um auszuspannen, die schönen Dinge des Lebens zu genießen und Ihre noch verbliebenen Jahre auszukosten?

Um in dieser Zeit das eindrucksvolle Erlebnis eines Konkurses nicht zu versäumen, ist es wichtig, diesen Übergang besonders abrupt zu gestalten. Stoßen Sie Ihre langjährigen verdienten Mitarbeiter durch überraschende Einsetzung eines neuen Geschäftsführers von außen, möglichst aus einer anderen Branche (eloquent und smart) gründlich vor den Kopf. Die Chancen steigen, wenn vor Implementierung der neuen Führung keine vorsichtige Dezentralisierung, der Aufbau eines guten und zuverlässigen mittleren Managements und die mehrjährige Einführung dieser Leute bei den Kunden stattfindet. Wenn Ihr neuer Geschäftsführer dann die erwartungsgemäß eintretenden ersten Konflikte mit Mitarbeitern und Kunden hat – greifen Sie ein!

Zeigen Sie, wer noch immer Herr im Haus ist und wie dumm, unerfahren und tollpatschig eigentlich der Neue und das junge Management sind. Besonders zu empfehlen ist eine gründliche Kopfwäsche der Leitung vor versammelter Mannschaft – das stärkt die Motivation und zeigt Ihre ungebrochene Autorität.

Vergeuden Sie Ihre Zeit nicht mit der Installation eines gewissenhaften Controllings, einer gut durchdachten Unterschriftsordnung und eines Beirates zur Kontrolle und Beratung der neuen Geschäftsführung. Dies wäre nur ein unnützer Umweg auf dem Wege zum Konkursrichter.

Haben Sie all diese Vorbereitungen getroffen, so empfiehlt es sich, nur mehr sporadisch ins Geschäft zu gehen, dann aber wirklich energisch im Detail einzugreifen und die neumodischen, unverständlichen und daher unnötigen Projekte scharf zu kritisieren, um ihre Umsetzung auf den unerbittlichen Prüfstand der Tradition zu stellen. Nützt das alles immer noch nichts und ist Ihre Firma zu stark und gesund, um sich kleinkriegen zu lassen, so geben Sie Ihrem tüchtigen und gescheiten Sohn, der gerade sein Diplom gemacht oder es nur knapp verfehlt hat, die Chance, den unfähigen Geschäftsführer abzulösen. Die Pleite bleibt dann wenigstens in der Familie.

Tipps für Konzernlenker

Die Kunst wie man große Firmen schnell ruiniert, ist aus der Wirtschaftspresse erschöpfend bekannt. Ratschläge in diese Richtungen zu geben ist allzu banal. Der Vollständigkeit halber seien nur die bewährtesten Methoden aufgezählt:

  • Schnelle gleichzeitige Diversifizierung in neue Technologien, Märkte und Organisationsformen – das sicherste Rezept (alte VOEST, Economos, Alpine Bau; Metallgesellschaft, alte VEW, GM).
  • Sitzenbleiben auf alten Produkten und liebevolle Pflege eines überhöhten Personalstandes (Beispiele: Konsum, Die Alte Bahn, Kodak etc.)

Ich möchte Ihnen aber ein paar zeitgemäße Rezepte, ganz pfiffige Wege, zum Ruin großer Firmen aufzeigen:

Hungern Sie sie aus! Rationalisieren Sie auf Teufel komm raus, demotivieren Sie die besten Leute. Auch eine Streichung der F&E-Budgets, Schließung von 50 Prozent der Vertriebsstützpunkte können helfen. Um Gotteswillen keine Investition in neue dezentrale EDV-Technik! Totaler Einstellungsstopp auch für junge brillante Leute, Investitionsstopp!

In der ersten Zeit werden die Gewinne sprunghaft steigen, ebenfalls die Aktien und Ihr Bonus. Aber keine Sorge! Nach spätestens drei Jahren werden Sie von der Konkurrenz, die behutsam und menschenfreundlich die Rationalisierungshürden gemeistert, mit Augenmaß investiert und kontrolliert entwickelt hat, sicher hoffnungslos überrundet worden sein. Sie sind dann zwar noch nicht ganz am Ziel, aber aufhalten wird sich die Pleite oder ein takeover sicher nicht mehr lassen.

Dieser Weg ist deshalb recht interessant, weil man sich, beschreitet man ihn jetzt rechtzeitig, in zwei, drei Jahren in allerbester, feinster Gesellschaft befinden wird.

Erprobte Rezepte für Regierungen

Herr/Frau Bundeskanzler oder Präsident!

Das traditionelle und am besten erprobte Verfahren eine Volkswirtschaft an die Wand zu fahren, ist die Verstaatlichung der Produktionsmittel. Die Beispiele UdSSR, DDR, Kuba, CSSR, Jugoslawien und anderer Paradiese der Volksherrschaft sind mittlerweile ja Geschichte.

Dieses System wird, da doch recht in Verruf geraten, nur mehr zaghaft und in seltenen Fällen angewendet. Dennoch versucht die in Fragen der Insolvenz weithin erprobte griechische Administration jüngst, es dem Rest Europas,  in neuem, erfrischenden Gewande, ohne Schlips und mit rotem Streifen um den Hals, neuerlich schmackhaft zu machen. Die wirklich eindrucksvolle Innovation liegt diesmal darin, dass die Kosten der Segnungen des erhofften Kollektivismus von anderen (Von wem eigentlich?) zu tragen wären.

Der Kreativität der Staatenlenker im Zusammenhang mit wirtschaftlichen Zusammenbrüchen sind allerdings seit Anbeginn keine Grenzen gesetzt. Wie die bemerkenswerte Historie der Finanzkrisen, denen fast immer Pleiten des betroffenen Staates folgten, zeigt, findet man in jeder Epoche einen Weg in den Konkurs.

Geschichte der Finanzkrisen

In letzter Zeit gelang es sogar einigen durchaus marktwirtschaftlich organisierten Staaten, durch eine gewinkelte Kombination der Möglichkeiten, andere für sich bürgen zu lassen (eine segensreiche Erfindung der Europäischen Union) mit den völkerverbindenden Eigenschaften der Einheitswährung Euro und den unternehmerischen Ambitionen einiger egomanischer Bankvorstände, einen ganzen Kontinent zu erschüttern.

Bis dato wurden nur eher kleinere Staaten im Süden in die Pleite manövriert. Es bleibt aber die Hoffnung, dass die Umlenkung und Verdampfung der schrumpfenden Mittel der noch etwas erfolgreicheren Nordstaaten dazu führen wird, dass deren weltweite Konkurrenzfähigkeit wegen des Fehlens bei Ausbildung, Forschung, Entwicklung und im Infrastruktur-Ausbau ebenfalls abstirbt und damit den bewährten Weg in die Schuldenfalle ebnet.

Im Detail sollten Sie sich daher den folgenden Ratschlägen nicht verschließen:

  • Halten Sie die Wahlversprechen, die Sie abgegeben haben, strengstens ein! Schütten Sie das zugesagte Füllhorn, finanziert mit Anleihen von den gleich nachher beschimpften Kapitalisten, über dem dankbaren Volke aus, und das mehrmals.
  • Besetzen Sie das Finanzministerium mit Experten für Baustoffe, Ackerbau und Viehzucht oder anderen ehrbaren Gewerben. Dasselbe auch im Schulwesen.
  • Belegen Sie die Finanzmarktaufsicht mit politischen Günstlingen.
  • Erweitern Sie den staatlichen Apparat und sorgen Sie so für eine verlässliche, zutrauliche Wählergruppe.
  • Lassen Sie die Finger vom Schulsystem, wenn die wohlerworbenen Rechte und Bräuche dort zu Unwillen bei Schülern und Lehrern führen, und sorgen Sie für einen Stillstand an den Universitäten. Das hilft binnen Zehn-Jahres-Frist sicher.
  • Steigern Sie die Binnenkaufkraft mit neuen Anleihen im Ausland und erhöhen Sie damit die Zinslast.
  • Verhindern Sie jegliche Anpassung im Staatsapparat und dem föderalen System und stoßen Sie um Gotteswillen nicht pietätlos jahrhundertealte, bewährte Regeln um.
  • Erhöhen Sie die Steuern, wenn die Schuldenlast immer drückender wird, verschärfen Sie Regeln und Nomen – verhindern Sie dadurch, dass Unternehmer, ausländische Firmen und Gründer durch die Schaffung neuer Arbeitsplätze das Arbeitsleid und die Ausbeutung der ansässigen Bevölkerung ins Unerträgliche treiben.
  • Vermeiden Sie klare Beschlüsse, ermüden Sie das misstrauische Volk durch zahllose Arbeitsgruppen, Enqueten und Versuchsprogramme.
  • Ein ganz wichtiger Rat zum Schluss – ohne Anspruch auf Vollständigkeit: Das Mittel, welches die so unterhaltsame, zeitfüllende und ganz ungefährliche Einsetzung und Durchführung von Diäten- und Publicity-trächtigen Untersuchungsausschüssen garantiert vereitelt, ist die rechtzeitige Sorge um die Vermeidung von deren Entstehen.
  • Lassen Sie sich daher niemals dazu verleiten, die Mühe und den Schmerz rechtzeitiger Vorausschau und pro-aktiven Handelns einreißen zu lassen: Es könnte sein, dass Ihre Beliebtheitswerte dadurch leiden und es keinen Anlass zu nachträglichem Gejammer mehr gäbe.

Wenn das Land bereits am Rand der Zahlungsunfähigkeit steht, wird sich immer mehr Unruhe breit machen. Der uralte Streit zwischen Monetaristen und Keynesianern wird entbrennen, Sie werden sich vor völlig konträren Ratschlägen nicht mehr retten können.

Sicher zum Ziel führt sodann das vollständige und konsequenteste Befolgen jeweils nur der einen oder anderen Rezeptur. Vermeiden Sie es, einen wohl ausgewogenen Mittelweg zwischen Sparen und Anspornen, periodischem Leiden und begründeter Hoffnung, Reduktion unproduktiver Altlasten und Unterstützung zukunftsträchtiger neuer Aktivitäten zu beschreiten: Das könnte Sie u.U. um das Erlebnis des Hut-in-die-Hand-Nehmens bringen.

Sollten alle meine Rezepte nicht fruchten, kapituliere ich. Dann konsultieren Sie doch bitte einen Unternehmensberater. Oder eine Investmentbank. Vielleicht auch die EZB?

PS.: Damit Sie mich nicht als einen blindwütigen Adepten einer einseitigen Sparpolitik in Erinnerung behalten: Zehn Jahre lang habe ich versucht, ein wenig Licht ins Dunkel der verwinkelten Finanzkatakomben zu bringen, sogar fleißig Lösungen vorgeschlagen, zu denen ich bis heute stehe: Passiert ist nichts. Wenn man binnen der von der Natur  gegebenen Frist überleben will, muss man daher, im Großen und Ganzen, wohl noch lange mit den Wölfen heulen.

Wolf
Wolf