Sie ist weder selbstverliebt noch gestört, die kinderlose Frau

von Elisabeth Gamperl / 17.12.2014

Sie tickt angeblich unaufhaltsam. Die biologische Uhr. Wenn eine Frau ab 40 das angebliche Ticken überhört und ihre Gebärmutter nicht anwirft, wird sie mitleidig angeschaut. Sie gerät unter Rechtfertigungsdruck. Wohl nicht den richtigen Mann gefunden, was? Körperliche Probleme? Oder einfach nur selbstsüchtig beziehungsweise psychisch angeknackst? Bestimmt ein Vater- oder Mutterkomplex! Na, wenn du das später nicht bereust …

Vor rund 50 Jahren wurde die Antibabypille erfunden, vor mehr als einem Jahrhundert das Wort Feminismus geprägt; doch die aktive Entscheidung ohne Nachwuchs zu leben, ist gesellschaftlich noch immer unerwünscht. Politiker, Statistiker, Psychologen und auch die Medien analysieren das Verhalten der Frauen mittlerweile über. Schließlich haben Geburten etwas mit der Finanzierung des sozialen Wohlstands unserer westlichen Zivilisation zu tun. Und die Fertilitätsraten gehen stark zurück. Stichwort: Demografischer Wandel. Frauen werden in einen Geburtenstress versetzt, als wären sie alleine für das Fortkommen der GesellschaftDas führt zu abstrusen Entwicklungen: Mittlerweile bieten amerikanische Unternehmen an, Eizellen einfrieren zu lassen, um die biologische Uhr quasi auf Snooze zu stellen.  verantwortlich. So als würden Biologie und Weiblichkeit noch immer unabdingbar zusammen gehören. Das zeigt, welches verklärte Bild von Natürlichkeit wir noch immer haben.

Dabei gibt es sie, scheinbar überraschenderweise: Frauen, die sich aktiv für ein kinderloses Leben entscheiden und damit auch zufrieden sind. Da gibt es gar keine Uhr, die nervt. Die Autorin Sarah Diehl, selbst Mitte 30 und kinderlos, schrieb die Streitschrift „Die Uhr, die nicht tickt“, in der sie Frauen aus verschiedensten Milieus ohne Nachwuchs in Interviews zu Wort kommen lässt. „Mir liegt nichts ferner als der Gedanke, selbst Mutter zu werden“, schreibt Diehl, die aber im selben Atemzug ihre Zuneigung zu Kindern bekundet. Sie will nur selbst keine. Darüber hinaus webt Diehl sozioökonomische und gesellschaftspolitische Zusammenhänge ein.

Frauen müssen ihren ökonomischen wie sozialen Status nicht mehr durch Heirat oder Mutterschaft absichern – sie leben jetzt freier und wählen sich das individuelle Lebensmodell selbstbestimmter. So, wie der Mann eigentlich. Nur, dass das kinderlose Mannsbild noch nie ein Imageproblem hatte.

Das Buch ist kein Abgesang auf Familienglück, Mütter oder Strampler, sondern widerspricht der kinderlosen Frau als Mangelwesen.