So geht Heulsusenjournalismus: Opferpathos und Drohgebärde

von Michael Fleischhacker / 08.04.2015

Sibylle Hamann ist die ungekrönte Königin des wohllebig-mild-linken, zart-antikapitalistischen, zum Heulsusentum in eigener Sache neigenden Mainstreams innerhalb der österreichischen Twitter-Journalistenblase. Sie schreibt hervorragend, sie sieht sich vieles von dem, worüber sie schreibt, in der wirklichen Welt an, sie hat die Moral oder wenigstens das, was in der Blase als Moral gilt, immer auf ihrer Seite, und sie versteht etwas von Timing. Viele gibt es nicht, die man auch dann gern liest, wenn man nicht ihrer Meinung ist. Hamann ist eine von denen.

So konnte man als einigermaßen erfahrener Medienkonsument, der am Osterwochenende die „Presse am Sonntag“ gekauft und dort das Interview mit Bank-Austria-Chef Willi Cernko gelesen hatte, relativ gefahrlos prognostizieren, dass Sibylle Hamann in ihrer Mittwoch-Kolumne in der Presse auf dieses Interview Bezug nehmen würde und dass der Titel der Kolumne ungefähr so lauten würde: „Nein, Herr Cernko, die Reichen arbeiten nicht hart.“

Am Mittwoch erschien also Sybille Hamanns wöchentliche Kolumne in der Presse. Der Titel lautete: „Nein, nicht alle Reichen sind hart arbeitende Menschen …“, die direkte Anrede („Lieber Herr Cernko, …“) wurde diesmal aus dramaturgischen Gründen an den Beginn des Textes verlegt. Sonst war alles wie immer und wie zu erwarten. Cernko wurde im Text, anders als im Titel, korrekt zitiert, und Frau Hamann sagte, was endlich mal jemand sagen musste: dass heute kaum noch jemand aus eigener Anstrengung reich werden könne, dass die Reichen nicht hart arbeiten, sondern Nutznießer glücklicher Anfangsumstände seien, dass es heute viel schwieriger als früher sei, sich durch Bildungshunger und Fleiß aus dem Herkunftsmilieu zu befreien und so weiter und so fort.

Tosender Applaus in der Twitter-Blase.

Besonders interessant liest sich der Schluss der Hamann-Kolumne. Dort nimmt sie Bezug auf Cernkos Hinweis, dass da und dort „Klassenkämpferisches“ am Leben gehalten werde, „was keine Grundlage mehr hat“ und dass er es für angezeigt hielte, sich zu entspannen.

Ein Geschenk für Sibylle Hamann. „Individuell verstehe ich das“, schreibt sie: „Sie brauchen keinen Klassenkampf mehr. Für Sie ist er bereits gut ausgegangen. Sie können sich heute tatsächlich entspannen und Respekt und Wertschätzung für die Vermögenden einmahnen.“ Als Bank-Austria-Kundin wünsche sie sich diesen Respekt aber auch für die Nichtvermögenden, die der Bank ihr sauer verdientes Geld anvertrauten und am Ende auch noch für Cernkos Managergehalt aufkämen, was sie „für ein Mindestmaß an Respekt und Wertschätzung“ auch gerne täten.

Die flotte Behauptung, dass die meisten Reichen Schnösel-Erben seien, die nix hackeln und stattdessen ihre Zufallskohle verjuxen, bedarf selbstverständlich keiner empirischen Basis. Und für die Behauptung, dass nach der großartigen Kreisky-Ära einfach alles den Bach runterging, gibt es offensichtlich so viele Belege, dass die Erwähnung eines einzelnen aus Gründen der Redundanzvermeidung unterbleibt. Wer verhindert eigentlich, dass man durch eigene Leistung reich wird? Vielleicht der gefräßige Staat? I wo. Die Reichen sind’s, die nicht wollen, dass die anderen auch reich werden.

Abgesehen davon, dass die Vorstellung des individuellen Klassenkampfs eher eine ideengeschichtliche Sonderinterpretation darstellen dürfte, besticht die Pointe in Hamanns Kolumne durch jene Gleichzeitigkeit von Opferpathos – inzwischen hat auch der letzte Schreibpraktikant begriffen, dass die machtvollste Position, die man in dieser Gesellschaft einnehmen kann, die des Opfers ist – und Drohgebärde, die für den Heulsusenmainstream im österreichischen Journalismus so typisch ist.

Sibylle Hamann hat sich den Applaus der Misiks, Rabls und Wolfs redlich verdient.