So schön könnte eine bargeldlose Welt sein

von Elisabeth Oberndorfer / 26.02.2015

Während andere Nationen die Geldbörse digitalisieren, hält Österreich noch immer am Bargeld fest. Doch vieles spricht dafür, sich von den Papierscheinen zu verabschieden.

„Cash-intensives“ Österreich und Deutschland

Der 31. Juli 1999 war der Beginn einer Sommerliebe, die niemals endete: An diesem Tag bekam ich meine erste Bankomatkarte. Mit 15 Jahren das erste Konto mit Karte war zur damaligen Zeit sehr früh. Da ich jedoch wegen meiner Schulausbildung nicht mehr bei meinen Eltern wohnte, war es mehr eine Notwendigkeit – die rasch zum Komfort wurde. Ob 3,27 Euro oder 327 Euro: Geld lasse ich seit diesem Tag an der Kasse bevorzugt mit der Karte fließen.

Diesen Komfort gönnt sich der Durchschnittsösterreicher nicht, zeigt eine Studie der Oesterreichischen Nationalbank aus dem Jahr 2011. Zwar besaßen in dem Jahr 85 Prozent der Österreicher zumindest eine Karte, 82 Prozent der Transaktionen und 65 Prozent des Volumens wurden jedoch in bar abgewickelt. Aktuelle, vergleichbare Zahlen gibt es dazu nicht, das Verhältnis dürfte sich jedoch nicht grundlegend geändert haben. Bei den Nachbarn sieht das Bild ähnlich aus, auch in Deutschland passieren mehr als 80 Prozent der Zahlungen in bar. Österreich und Deutschland sind damit im Vergleich mit Ländern wie Frankreich, Niederlande, USA, Kanada und Australien besonders „Cash-intensiv“, zeigt eine Gegenüberstellung der Federal Reserve Bank. Warum das so ist? Wir glauben, unsere Ausgaben dadurch besser unter Kontrolle zu haben, geht aus der OeNB-Umfrage hervor.

US-Amerikaner lieben Karten

Ein anderes Bild zeichnet sich in den USA ab. Hier macht Bargeld laut der Federal Reserve Bank nur 46 Prozent der Transaktionen aus. Wer in Österreich drei Euro per Bankomat zahlt, zieht schiefe Blicke auf sich. Wer in den USA die Dollarscheine aus der Geldbörse gräbt, wirkt hingegen eher suspekt und nicht wie jemand, der seine Finanzen unter Kontrolle hat. Zugegeben: Das Geschäft mit den Kreditkarten ist ein bedenkliches, denn immerhin sind Schuldenfallen eine wichtige Einnahmequelle für die Anbieter. Dass die US-Amerikaner ihren Stapel an Karten lieben, hat nicht nur mit einem anderen Zahlungsverhalten zu tun. Es spiegelt auch wider, dass dort weniger Technologieskepsis herrscht.

Die Digitalisierung des Geldes ist deshalb einer der großen Trends im Silicon Valley. Neben dem Online-Payment-Riesen PayPal sind in den vergangenen Jahren immer mehr virtuelle Zahlungslösungen aufgetaucht. Zwar gibt es auch in Österreich mehrere Entwicklungen im Bereich Mobile Payment, für Aufmerksamkeit sorgen jedoch die Konzepte aus den USA. Mit Google Wallet betreibt der Suchmaschinenkonzern seit 2011 eine virtuelle Geldbörse. Erzfeind Apple zog erst vergangenen Herbst mit Apple Pay nach, hat aber Schätzungen zufolge schon mehr als zwei Millionen Nutzer an Bord. Google will jetzt mit Android Pay kontern: Eine Plattform, mit der mobile Zahlungsfunktionen einfach in Apps integriert werden können. Das neue System könnte eine rasche Verbreitung von Transaktionen über NFC-Terminals vorantreiben.

Und dann gibt es noch Kryptowährungen. Die bekannteste virtuelle Währung Bitcoin legte nach dem Hype im Jahr 2013 eine Achterbahnfahrt hin. Wertverluste und Kriminalfälle brachten das Zahlungsmittel in die Krise. Und dennoch halten nicht nur deren Community, sondern auch große Unternehmen daran fest. PayPal hat Bitcoin als Zahlungsoption für Shop-Betreiber, die Stadt New York will damit Parkgebühren zahlen lassen und Apple akzeptiert Bitcoin im Onlineshop. Sogar das US-Finanzministerium informierte vergangene Woche, elektronische Zahlungen zu fördern und lässt Bürger deshalb künftig auch per PayPal zahlen.

Was Österreich von der Kredikarten-Nation lernen kann

Was können wir als Papiergeld liebende Nation davon lernen? Neue Technologien werden in den nächsten Jahren nicht nur Bargeld, sondern langfristig auch Kreditkarten überflüssig machen. Das Argument, ohne Scheine in der Geldbörse keinen Überblick mehr zu haben, gilt dann nicht mehr. Finanzmanagement-Tools wie Mint in den USA lassen die Einnahmen und Ausgaben von Einzelpersonen und Haushalten einfach erfassen und analysieren. In Österreich versucht sich zumindest die Erste Bank mit dem neuen Service „George“ in dieser Disziplin. Setzen sich die virtuellen Zahlungswege durch, werden noch weitere Dienste von anderen Anbietern folgen.

Doch nicht nur Konsumenten, sondern auch Händler müssen den Spruch „Nur Bares ist Wahres“ aus ihrem Wortschatz streichen. Das Service-Paradies USA zeigt vor, dass Kunden jeder Zahlungsweg angeboten werden muss. Dieses Zuvorkommen würde auch dem heimischen Handel und der Gastronomie nicht schaden. Für die nächste Generation der Konsumenten ist das iPhone die Bankomatkarte, und darauf müssen Unternehmen reagieren.

Kein Ende des Bargelds

Am lautesten ist bei den Österreichern natürlich der Schrei nach Datenschutz. Transaktionen, die nicht in Papierform erfolgen, können bekannterweise einer Person zugeordnet werden. Die Lösung könnte hier eine nationale sein, die sich im Gegensatz zu US-Anbietern an europäische Datenschutzrichtlinien halten müsste. In Deutschland und Großbritannien streiten die Banken immerhin schon mit Apple Pay, weil der Tech-Konzern offenbar zu viele persönliche Informationen abfragen will. Wer weiterhin lieber mit Bargeld zahlen will, findet für seine Scheine garantiert noch lange Abnehmer.

Soll das Bargeld abgeschafft werden? Nein, wir brauchen weiterhin mehrere Zahlungswege. Die Abschaffung hätte auch viele ökonomische Hürden, wie der Schweizer Experte Dirk Niepelt analysiert. Trotzdem könnte eine bargeldlose Welt schöner sein. Wir müssten nicht fürchten, dass uns jemand die Geldtasche stiehlt, und in den Geschäften finden Diebe keine lukrative Beute mehr. Wir hätten immer das passende Zahlungsmittel bei uns und könnten uns den Weg zum Bankomaten ersparen. Ein bisschen weniger Technologieskepsis würde außerdem die internationale Wettbewerbsfähigkeit erhöhen, wenn wir die heimischen Payment-Entwickler unterstützen.