Sollte man die Israelitische Kultusgemeinde auflösen?

von Michael Fleischhacker / 18.02.2015

Klingt irgendwie ungeheuerlich, die Frage, nicht wahr? Was geht einem Menschen, der eine solche Frage stellt, durch den Kopf, wenn ihm überhaupt etwas durch den Kopf geht?

Gewiss, man kann und konnte in vielen Fragen anderer Ansicht sein als die gewählten Vertreter der Israelitischen Kultusgemeinde. Deren langjähriger Präsident Ariel Muzicant trampelte gelegentlich als Elefant durch die innen- und außenpolitischen Porzellanläden, er liebte die dramatische Pose und hatte Lust an der Kontroverse.

Aber deshalb würde doch niemand, der einigermaßen bei Verstand ist, die Auflösung der Kultusgemeinde fordern. Oder?

Ariel Muzicants Nachfolger (in diesem Fall wäre der Begriff „Stellvertreter“ recht eigentlich angebracht, auch wenn er statutarisch nicht zutrifft) im Präsidentenamt, Oskar Deutsch, forderte dieser Tage gemeinsam mit Erika Jakubovits, jener Dame, die in Kunst-Restitutionsverfahren als Interessenvertreterin agiert, das Leopold-Museum „in seiner jetzigen Form aufzulösen“. Die Klimt- und Schiele-Werke aus der Sammlung könne man ja dem Belvedere übergeben und die weiteren Bestände den Museen überlassen, die sich dafür interessierten.

Hm. Kann man natürlich immer fordern. Es gibt ja auch Menschen, die regelmäßig mit der Forderung nach Abschaffung des Geldes, der Wiedereinführung von Latein als Amtssprache und anderen Postulaten an die Öffentlichkeit treten.

Was aber war der Anlass?

Wie folgt: Diethard Leopold, der Sohn des verstorbenen Sammlers und Stifters Rudolf Leopold, hat in einem Interview mit Thomas Trenkler im Kurier zwei Vorschläge gemacht: Erstens solle die Republik Teile der „Sammlung II“, die im Besitz der drei Kinder Rudolf Leopolds ist, als Dauerleihgabe akzeptieren und im Gegenzug die Subvention erhöhen und für eine dauerhafte Vertretung der Familie im Stiftungsvorstand sorgen (Sammler-Witwe Elisabeth Leopold ist dort auf Lebenszeit vertreten, Diethard Leopolds Mandat endet diesen Herbst). Zweitens schlägt Leopold vor, in der Kunst-Restitution vom Prinzip der Naturalrestitution (wie sie im Kunstrückgabegesetz für die Bundesmuseen vorgesehen ist) abzugehen und eher auf Vergleiche zu setzen.

Diethard Leopold im Wortlaut: „Ist nicht unsere Vorgangsweise, faire Lösungen anzustreben, 70 Jahre nach Ende des NS-Regimes die bessere und verständlichere? Je länger der Holocaust hinter uns liegt, desto weniger gerecht sind Naturalrestitutionen. Und desto besser sind offene Gespräche.“

Man kann aus guten Gründen anderer Meinung sein, und mit einiger Wahrscheinlichkeit ist es so, dass man die jeweils faire Lösung im Einzelfall finden muss und nicht nach immer demselben Prinzip produzieren kann. Aber selbst wenn man Leopolds Meinung nicht teilt und beim Prinzip der Naturalrestitution bleiben möchte: Worauf stützt sich der in der Aussendung von Erika Jakubovits und Oskar Deutsch erhobene Vorwurf, es handle sich bei Leopolds Vorschlag um „eine Verhöhnung der Opfer des Nationalsozialismus“?

Und worauf stützt sich die Forderung, das Ausscheiden des Sammler-Sohnes aus dem Stiftungsvorstand zum Anlass für die Auflösung eines der erfolgreichsten Museen des Landes zu nehmen? (Es handelt sich übrigens auch in dieser Frage um ein Ideen-Recycling aus der Ära Muzicant: Dieser hatte 2008 aus Anlass der ungeklärten Provenienz einiger ausgestellter Egger-Lienz-Werke gefordert, das Museum so lange zu schließen, bis ein neues Restitutionsgesetz beschlossen sei.)

Die in sehr eigenwilligem Ton gehaltene IKG-Aussendung beinhaltet auch interessante Details. Deutsch und Jakubovits lehnen das Leihgeschäft zwischen der Republik und der Familie Leopold aus zwei Gründen ab: Erstens wolle die Familie Leopold nur ihre zweite Sammlung „ins Trockene bringen“ und erreichen, dass „lästige Opfer durch Bundesmittel abgefunden werden“ zweitens würde „von der Wertsteigerung, die die Leihgegenstände durch die Ausstellung im Leopold Museum erfahren“ würden, nach Beendigung der Leihe „ausschließlich die Familie Leopold“ profitieren.

Man kann natürlich auch dagegen sein, die „Sammlung II“ per Leihvertrag an das Museum zu binden. Aber der Hinweis darauf, dass man der Familie die Wertsteigerungen nicht gönnt (von der im Übrigen im Fall der „Sammlung I“ auch die Erben von Raubkunst-Opfern profitiert haben und profitieren, und nicht nur sie), hat irgendwie auch etwas Kleinliches.

Fazit: Klar kann man Diethard Leopolds Vorschläge ablehnen. Aber sie als Begründung für die Forderung nach der Auflösung des Leopold Museums heranzuziehen, zeugt von einem Geisteszustand, der sich nicht wesentlich vom Geisteszustand eines Zeitgenossen unterscheidet, der aus Ablehnung der politischen Ansichten Ariel Muzicants die Auflösung der Israelitischen Kultusgemeinde fordert.

Letzterer würde im günstigsten Fall zum Verrückten erklärt, jedenfalls in irgendeiner Form amtsbehandelt und würde mit Sicherheit – und zwar vollkommen zu Recht – nie mehr ernst genommen. Die Aussendung von Erika Jakubovits und Oskar Deutsch wurde brav und lapidar reproduziert, so als hätte jemand gerade öffentlich festgestellt, dass die dauerhafte Ausleihung von Kunstgegenständen einer vertraglichen Grundlage bedarf.