Stürzende Götzen – vom Verlust des Urvertrauens

von Klaus Woltron / 19.10.2015

Seit ich nichts mehr glaube, was man mich glauben machen will, kann ich erst so richtig fröhlich sein. 

Wenn Sie zu ungeduldig sind, um die ganze Geschichte zu lesen und nur am puren Ergebnis interessiert sind, springen Sie zum Kapitel „Seit ich nichts mehr glaube …“ am Ende der Geschichte, um zu erfahren, wie das Ergebnis aussieht.

Die Vorgeschichte

Als ich zum Hund wurde

Ein Fünfjäh­riger ist klein genug, um in einer Hundehütte Platz zu fin­den, und dort war ich auch immer willkommen. Ich schlüpfte also in das finstere Loch und befand mich in Gesellschaft von sechs Hundebabys und deren ruhiger, ernster Mutter. Stockfinster war’s im Nest, die klei­nen Hunde erfüllten den ganzen Raum: Neben, unter, über mir, sie leckten mich mit ih­ren winzigen Zungen, knabberten mit spitzen Milchzähn­chen, brunz­ten mich an und rochen so inten­siv nach Hund, wie das ein großer Hund nie könnte. Und dann begann auch noch die Hundemutter, ruhig und sorg­fältig, mein feuchtes Kinderge­sicht zu belecken, wie ihren eigenen Kindern auch. In die­sem Moment fühlte ich mich als Hundebaby, eingeku­schelt, riechend wie ein Hund, nass vom Urin meiner Geschwi­ster, im Gesicht die liebende Sorgfalt meiner mich wa­schen­den Mutter. Ich glaube, ich bin sogar ein­geschlafen. Nie mehr werde ich jenen warmen, sanften Geruch vergessen, der in dieser Hütte herrschte.

Das war die Zeit, als ich alles vertrauensvoll aufsaugte, was mir Eltern, Oma, der Herr Pfarrer und die Nachbarsfrau mit der blauen Schürze erzählten. Ich war, rundum, kuschelig eingehüllt in treuherzig geglaubte Wahrheiten, Regeln und Verhaltensweisen.

Als ich die großen Lügen entdeckte

Einige Jahre später war da die Geschichte mit dem lieben Gott. Es gibt ja Milliarden Christen, Milliarden Moslems, fast ebenso viele Hindus, Jehova-Gläubige und Manitu-Verehrer etc. Sie schlagen sich seit Jahrtausenden die Schädel wegen ihrer diversen Götter ein; viel Klügere als ich haben für alle jene felsenfeste Beweise aufgestellt, Bücher geschrieben und sind für ihren jeweiligen Gott in den Tod gegangen.

Eingehendes Nachdenken und die Lektüre von Ketzern wie des alten Titus Lucretius Carus, Nietzsche, Schopenhauer usw., brachten mich letztendlich auf die Idee, dass meine Oma und der Herr Pfarrer einem Irrtum aufgesessen sein könnten und es eigentlich gar keinen Gott gäbe.

Das war recht schwer zu verarbeiten – aber ich gewöhnte mich daran.

Als Mittdreißiger von einem mehrjährigen Übersee-Aufenthalt zurückkommend, musste ich die Erfahrung machen, dass mein vorher selbstverständlicher Glaube an die Integrität der Obrigkeiten auf einem schrecklichen Irrtum beruhte. Die schon etwas schärferen Augen gingen mir über beim An- und Einblick in Skandale, Unterschleif, Lüge und Betrug an höchster Stelle. Ich war mittlerweile ja fast schon ein Insider in diesen „Kreisen“.

Dann später, mit großer Verantwortung beladen und voll des guten Willens, der jeweiligen Sache selbst verpflichtet, trat eine neue Erkenntnis hinzu.

Die Hingabe an die gute Sache wurde als schnödes egoistisches Mittel zum Aufstieg, zum Geldverdienen aufgefasst, der anerzogene Hang zur Pflichterfüllung einer vermeintlichen Hybris zur Selbsterhöhung zugeschrieben.

Spät, zu spät, erkannte ich, dass diese Denke dem Sprichwort: „Wie der Schelm denkt, so ist er“ zu verdanken war bzw. heutzutage immer stärker ist. Der Glaube an die selbstverständliche Anerkennung und Belohnung von Leistung und Einsatz war perdu. Ich musste erkennen, dass in diesem Zusammenhang ganz andere Kategorien ausschlaggebend sind.

Zu alledem brachte außerberufliche Neugier die Befassung mit den Sinnfragen mit sich. Diese mündete in eine groteske Erkenntnis, was die Erkenntnis selbst anlangt. Wegen allzu großer Skurrilität sei dies – für den interessierten Leser – ins Raritäten-Eck verbannt.

Die treuherzige Befassung mit den grauslichen Kollateralschäden der Existenz der Menschheit – Umweltzerstörung, Ungleichheit, Ausbeutung – samt Gründung von betulichen Kränzchen, Verfassung fast heiliger Schriften sowie enger Bekanntschaft und Zusammenarbeit mit hochkarätigen Adepten dieser Anliegen brachte folgende betrübliche Erkenntnis:

Die allermeisten Apostel der Weltrettung sind hauptsächlich darauf aus, sich selbst und ihr Ego zu erretten, indem sie ihr Anliegen zur Selbsterhöhung missbrauchen. An der mühevollen Erarbeitung von umsetzbaren Maßnahmen sind die Allerwenigsten interessiert, und wenn ausnahmsweise solche aufs Tapet kommen, werden sie erneut zum Gegenstand endloser Dispute, nervenaufreibender zerebraler Masturbation und kindischer Eifersüchteleien. Der Disput wird zum Selbstzweck.

Meine ursprüngliche Hoffnung, Möglichkeiten und Wirksamkeit von wohlüberlegten Maßnahmen gegen die negativen Auswirkungen des Kapitalismus und die Umweltzerstörung erarbeiten zu können, wich der Erkenntnis, dass deren Gegner de facto keine Lösungskompetenz – geschweige denn eine solche zur Umsetzung – aufzuweisen hatten und immer noch haben. Sie sind weitestgehend ein trauriger Haufen von betulichen Aktionisten, die immer wieder dieselben Analysen, ohne die geringste Wirkung, wiederholen.

Eine lang andauernde internationale Tätigkeit samt Bekanntschaft mit maßgeblichen Leuten und, vor allem, die Möglichkeiten des Internet – allesamt gute Mittel, um die sogenannte veröffentliche Meinung samt ihren Hintergründen und Adepten einem kritischen Crosscheck zu unterwerfen – gab meinem schon brüchig gewordenen Glaubensgebäude den Rest. Es sank, wie damals die Seilbahnen des unvergesslichen Alexis Sorbas in Schutt und Asche.

Ein gewaltiges Vorbeben zu diesem endgültigen Zusammenbruch lieferte die Erkenntnis, dass ich, wie auch alle anderen EU-Bürger, bei meiner damaligen Zustimmung zum EU-Beitritt Österreichs betrogen und hinters Licht geführt worden war.

Kein einziger der wirklich substanziellen Verträge, die die Grundlage dieses nunmehr sich auflösenden Gebildes ausmachten, wurde eingehalten: nicht Maastricht, nicht Schengen, nicht die Bailout-Versprechen, nicht die Obsorge um die Stabilität des Euro. Der aktuelle Vorsitzende dieses Gebildes auf tönernen Füßen verspottete ganz Europa mit dem freimütigen Eingeständnis, er greife in wirklich wichtigen Fragen zur Lüge.

Wenn so ein Geständnis, verbunden mit dem offensichtlichen Augenschein, vorliegt, kann nur mehr ein Narr gläubig sein. Jetzt bemüht man sich verzweifelt darum, das völlige Versagen der Einführung des Euro mit der Versenkung von hunderten Milliarden an Stützungen und dem Drucken von immer wertloser werdendem Geld zu kaschieren, was ebenso in einem Niedergang enden wird wie die genialen Schengen- und Dublin-Regeln, die keinen Hund mehr hinter dem Ofen hervorlocken. Davon mehr im letzten Abschnitt.

Ein vorletzter Impuls für den endgültigen Glaubensverlust war der gigantische Betrug, aufgebaut auf einem sehr umfassenden Spin im Zusammenhang mit der sogenannten Ukraine-Krise. Interessierte können die Geschichte unter Die vertane Jahrhundert-Chance nachlesen. Ergänzendes resultierte aus dem kindischen Willkomm, der von nicht unintelligenten Menschen aus der Politik- und Medienszene den sogenannten Frühlingen – arabisch, syrisch, ägyptisch, etc. – entgegengebracht wurde. Dieser erinnerte mich frappant an die Begeisterung, welche jeweils vor Ausbruch eines Krieges den ins Feld ziehenden Todeskandidaten eingeimpft wurde. Der Ausgang ist bestens bekannt.

Ein letzter Todesstoß wurde meinem Glauben an Intelligenz, Wahrheitsliebe und Handlungsfähigkeit der sogenannten Eliten, samt ihren Herolden in Presse, Rundfunk und Fernsehen, durch die himmelschreiende Verblendung in der sogenannten Flüchtlingskrise versetzt. Abgesehen davon, dass es sich nicht um eine solche, sondern eine latent schon lang schwelende und auch lang andauernde Völkerwanderung handelt, wäre da noch eine Kleinigkeit zu erwähnen:

Schon zu Zeiten, da die innereuropäischen Grenzen niedergerissen und durch den, wie man heute schmerzlich erkennen muss, völlig wirkungslosen Schengen-Popanz ersetzt wurden, war die Tatsache weithin bekannt, dass im Nahen und Mittleren Osten sowie in Nordafrika ein vor der Explosion stehendes Pulverfass bestand. Niemand von den heute ach so betulichen retrospektiven Propheten machte sich die Mühe, für die Explosion dieses Fasses auch nur die geringsten Vorkehrungen zu treffen. So weit zu meinem Glauben an die Intelligenz, Weitsicht und Kritikfähig- und -willigkeit von Politik, Presse und diverser betulicher und bestens bezahlter, herumjettender Weltretter.

Ich glaube heute, nach dieser aufschlussreichen Reise durch einen Tunnel stürzender Götzen, nur noch an einige wenige Dinge, und die befinden sich auf einer himmelhohen Metaebene. Dennoch aber bin ich viel fröhlicher als früher. Wie kommt das?

Seit ich nichts mehr glaube und zum frommen Heiden wurde

Die verbliebenen Glaubenssätze

1. 99 Prozent des von Menschen begrifflich in die Welt Gesetzte soll dazu dienen, andere Menschen – subtil oder brutal – zu einem bestimmten Glauben zu veranlassen.

Eine große Zahl von wildfremden Menschen kann effektiv zusammenarbeiten, wenn alle an gemeinsame Mythen glauben. Jede großangelegte menschliche Unternehmung – angefangen von einem archaischen Stamm über eine antike Stadt bis zu einer mittelalterlichen Kirche oder einem modernen Staat – ist fest in gemeinsamen Geschichten verwurzelt, die nur in den Köpfen der Menschen existieren (https://goo.gl/6Ya9KM)

2. Macht baut darauf auf, andere Menschen dazu zu bringen, das zu glauben, was den Initiatoren und Transporteuren der Information dient.

3. Die zum Machterwerb besonders Befähigten haben keinen Sinn für Ethik, Moral und Ehrlichkeit, ansonsten wären sie nicht besonders befähigt.

4. Der weitaus größte Anteil von Informationen, die in die Welt gesetzt werden, dienen dem Erwerb von Macht – von irgendjemandem, der meist sehr schwer identifizierbar ist.

5. Wenn du einigermaßen selbstbestimmt denken, glauben, handeln und leben willst, glaube gar nichts, was irgendjemand schreibt, sagt – in irgendeinem Medium an dich heranträgt. Am besten erst einmal das Gegenteil. Die erste Frage sei immer: Cui bono?

Ausgenommen davon sind nur die drei Personen, die sich über Jahrzehnte als vertrauenswürdig erwiesen haben – aber auch jene können sich täuschen.

Seit ich das alles weiß, bin ich durchgehend fröhlich: Weil ich mir keine Illusionen mehr mache, über deren Nichteintreffen ich dann traurig sein muss. Das überlasse ich jenen, die nicht wissen, was ich weiß. So arrogant bin ich geworden.