Ammar Abdullah / Reuters

Tatenlos angesichts der syrischen Katastrophe

Die Mär von der Weltgemeinschaft

Meinung / von Andreas Rüesch / 21.09.2016

Syriens Diktator hat ungestraft seine eigenen Bürger vergast, daher dürfte auch die Bombardierung eines humanitären Konvois keine Folgen haben. Die angebliche Weltgemeinschaft ist nur ein Papiertiger.

Der Kontrast könnte kaum grösser sein: Während im Hauptquartier der Vereinten Nationen in New York wohlgenährte Staatschefs Leerformeln wie „gemeinsam für eine bessere Zukunft“ von ihren Redemanuskripten ablesen, wird 9000 Kilometer weiter östlich in Syrien die Hoffnung auf ein besseres Leben einmal mehr im Keim erstickt. Dass der vor einer Woche von den USA und Russland ausgerufene Waffenstillstand kaum von Dauer sein würde, hatte man zwar erwarten müssen. Doch der Zynismus, mit dem vor allem das Asad-Regime mit Unterstützung Moskaus das humanitäre Ziel der Waffenruhe torpedierte, ist dennoch atemberaubend. Kein einziger Hilfstransport in die belagerte Stadt Aleppo erhielt grünes Licht aus Damaskus.

Den brutalen Schlusspunkt in diesem Drama bildete die Bombardierung eines Lastwagenkonvois mit humanitären Gütern, die das Leid der Bevölkerung im Westen Aleppos hätten lindern sollen. Von dem Konvoi sind nur verkohlte Wracks übrig geblieben. Sofern sich die Attacke nicht als Irrtum herausstellt, handelt es sich um ein schweres Kriegsverbrechen. Werden die Schuldigen – dort operieren notabene nur die Luftwaffen Syriens und Russlands – je zur Rechenschaft gezogen werden? Nichts deutet darauf hin.

Das zeitliche Zusammentreffen der Ereignisse rund um Aleppo und in New York mag Zufall sein, aber getrennt voneinander lassen sie sich trotzdem nicht verstehen. In der Uno geht der Begriff der „internationalen Gemeinschaft“ leicht über die Lippen. Wie ein Mantra wird an etwas appelliert, an das man gerne glauben möchte. Doch die „internationale Gemeinschaft“ ist ein Wunschbild, keine Realität. Verstünden sich die Staaten tatsächlich als eine Gemeinschaft, würden sie kaum so egoistisch ihre Eigeninteressen verfolgen und dem Unglück anderer so geduldig zuschauen. Der Fall Syrien illustriert dies exemplarisch. Der dortige Bürgerkrieg tobt seit mehr als fünf Jahren, und doch ist der sogenannten Weltgemeinschaft zu dieser Katastrophe bisher nicht viel Konstruktiveres eingefallen als der Bau von Flüchtlingslagern und die Lieferung von Hilfsgütern. Letztere vermag sie nicht einmal wirksam zu schützen, wie die Attacke vom Montagabend zeigt.

Ist das wirklich alles, was diese Gemeinschaft zustande bringt – selbst angesichts von 400 000 Todesopfern und über elf Millionen Geflüchteten? Wären die Staaten der Welt eine Gemeinschaft, würden sie ernsthaft nach Wegen suchen, damit eines ihrer Völker nicht länger ausgehungert, ausgeblutet, seiner Existenzgrundlage und seines kulturellen Erbes beraubt würde. Sie würden feststellen, dass dieses Volk – zwischen dem Hammer eines mörderischen Regimes und dem Amboss ungezählter Rebellengruppen – zur Bewältigung seines Schicksals nicht mehr selber imstande ist. Sie würden zudem das Problem erkennen, dass ein „Führungsmitglied“ dieser Gemeinschaft – die Uno-Vetomacht Russland – mit dem Asad-Regime unter einer Decke steckt und es nicht nur ständig mit Kriegsmaterial versorgt, sondern auch selber ungestraft geächtete Waffen wie Streubomben einsetzt. Sie würden ferner feststellen, dass man in einer wahren Gemeinschaft die Polizei ruft, wenn es darum geht, Rechtsbrecher wie Asad oder die Mörderbande des Islamischen Staats zu stoppen, aber dass den Mitgliedern dieser seltsamen Gemeinschaft die Vorstellung einer ständigen Polizei ein Graus ist.

Die Vereinten Nationen wurden vor gut siebzig Jahren mit der Idealvorstellung gegründet, dass diese Organisation dereinst die Funktion einer Weltpolizei erfüllen und dadurch jeglichen anderen Einsatz zwischenstaatlicher Gewalt unterbinden könnte. Diesem Modell ist die Welt in der Zwischenzeit nicht viel nähergekommen. An der Uno-Generalversammlung trifft sich nicht eine Gemeinschaft, sondern ein Kartell der Heuchler und Vertuscher. Was den Fall Syrien betrifft, so scheint das oberste Ziel zu sein, nur ja keine Verantwortung für die Beilegung dieses Konflikts übernehmen zu müssen. Dieser Vorwurf trifft namentlich die Europäer, die eigentlich ein fundamentales Interesse haben müssten, die eiternde Wunde des Terrors am Rande ihres Kontinents zu schliessen; stattdessen können sie sich nur zur Symptombekämpfung aufraffen.

Er trifft aber auch die Amerikaner: Dass sich Washington auf einen halbherzigen Krieg gegen den IS beschränkt, ist kein erfolgsträchtiges Konzept; noch weniger überzeugt die amerikanische Idee, einen Teil dieses Kampfs an die Russen auszulagern, obwohl diese stets ihr eigenes Süppchen kochen. Gewiss, Amerika ist weit weg von diesem Konfliktherd. Aber von allen Ländern besitzt es noch immer am meisten Mittel – politische, diplomatische, militärische –, um etwas zu bewegen. Gerade weil die Welt keine solidarische Gemeinschaft ist, fällt grössere Verantwortung auf die Schultern jener, die in dieser Weltunordnung die Macht zur Veränderung besitzen.