Tod eines gefallenen Kronprinzen

von Christoph Zotter / 24.02.2015

In der Nacht von Montag auf Dienstag ist der prominenteste Häftling des Landes in seiner Zelle gestorben. Rachat Alijew war ein kasachischer Oligarch, der gefallene Kronprinz eines alternden Despoten und nebenbei auch ein paar Jahre Botschafter in Wien. Mit ihm stirbt die Hauptfigur einer verstörenden Geschichte.

Um 7.20 haben sie ihn gefunden. Irgendwann in der Nacht muss der Mann gestorben sein. Erhängt, in seiner Einzelzelle in der Justizanstalt Josefstadt. So endet die Geschichte des Rachat Shoraz, der einmal Alijew hieß.

Rachat Alijew wurde 52 Jahre alt. Erhängt sich ein Häftling in seiner Zelle, denkt man normalerweise, es müsse ihm wohl schlecht gegangen sein. Irgendetwas muss ihn geplagt haben. Er ist vielleicht am Gefängnis verzweifelt, hat irgendwann keinen Ausweg mehr gesehen. Wenn Rachat Alijew tot in seiner Zelle liegt, ist das anders. Man fragt: Wer steckt dahinter?

Das liegt am Mythos, der um den Kasachen aus der Grenzstadt Almaty an den Bergen des Tian Shans entstanden ist. Rachat Alijew, Sohn eines Herzchirurgen, eines ehemaligen Gesundheitsministers zu Sowjetzeiten. Verheiratet mit Dariga, der ältesten Tochter von Nursultan Nasarbajew, seit einem Vierteljahrhundert uneingeschränkter Herrscher über die weiten Steppen Kasachstans. Ein mächtiger, reicher Mann.

Nursultan Nasarbajew ist der erste und bislang einzige Präsident Kasachstans, hier in Berlin.

Wende dich nicht gegen die Familie

Aus dieser Konstellation entspann sich in den vergangenen Jahrzehnten ein Drama, das an Shakespeare erinnert. Ein König, der alles hat (Nursultan Nasarbajew), aber keinen männlichen Nachfolger. Die älteste Tochter (Dariga), die sich in einen verliebt, der zum möglichen Kronprinzen aufsteigt (Rachat Alijew). Doch der greift zu forsch nach der Macht, verzettelt sich in Intrigen, der König bekommt es mit der Angst zu tun. Er schickt ihn 2002 ins Exil nach Wien, er soll Botschafter werden, seinen Hitzkopf abkühlen.

Rachat Alijew war für den kasachischen Herrscher lange Vertrauter und Gegenspieler zugleich. Oligarch, Medienmagnat, Ex-Geheimdienstler. Einer, der über seine Heirat in den Nasarbajew-Clan nach oben gekommen ist, sich aber irgendwann nicht mehr an die oberste aller Regeln hielt: Mach, was du willst, aber wende dich nicht gegen die Familie.

Es ist das Jahr 2006, ein Wahljahr. Alijew ist aus seinem Wiener Exil zurückgekehrt und nur wenig später wird der beliebte Oppositionspolitiker Altinbek Sarsenbajew am Rand einer Bergstraße von Vermummten hingerichtet. Der berühmte Schwiegersohn kritisiert die schleppenden Ermittlungen. Man kann es ihm als Kalkül auslegen. Alijew muss gewusst haben, wie unangenehm der Mord für seinen Schwiegervater ist. Fest steht: Es ist ein offener Angriff, eine gezielte Konfrontation, flankiert von Alijews Medienimperium.

Dieses Mal greift Nursultan Nasarbajew durch. Sein Schwiegersohn muss erst wieder nach Wien, aber dabei bleibt es nicht. Wenig später wird er in der kasachischen Hauptstadt Astana zu 20 Jahren Haft verurteilt. Er soll zwei Banker entführt haben, sie werden erst Jahre später einbetoniert in Fässern in der Nähe von Almaty gefunden. Rachat Alijew wird in Wien verhaftet, ein Wiener Gericht entscheidet im Sommer 2007, dass ihn in Kasachstan kein faires Verfahren erwartet, der Fall soll in Österreich verhandelt werden.

Dariga Nasarbajewa wurde 2007 von Rachat Alijew zwangsgeschieden.

Viel Nebel, viele Gerüchte

Hier beginnt eine noch verworrenere Geschichte, die jahrelang immer wieder in den Zeitungen weitererzählt werden wird. Auf den Straßen Wiens versuchen kasachische Geheimdienstagenten Alijew und seine Getreuen zu entführen. Zwielichtige Privatdetektive schalten sich ein. Hoch bezahlte Anwälte stecken Journalisten vertrauliche Papiere. Es tauchen Abhörprotokolle auf, gefälschte Geständnisse.

Das alles gehört zu den Methoden, die auch bald außerhalb der österreichischen Landesgrenzen für erstaunte Blicke sorgen. In Deutschland nehmen sich ein paar Politiker der Sache an. Sie wollen verstehen, was da in Österreich passiert. Die deutsche Politikerin Viola von Cramon sieht unter Verschwiegenheitspflicht ein paar Akten des deutschen Bundesnachrichtendienstes (BND) ein, der sich auch mit Rachat Alijew beschäftigt. „Ich darf ja nichts sagen, aber eins kann ich verraten, im Wesentlichen stand da: In diesem Fall sind wahnsinnig viele Geheimdienste unterwegs, aus der ganzen Welt“, sagte sie im Jahr 2013 dem deutschen Wochenmagazin Die Zeit.

Auch das österreichische Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung kennt Alijew. Er deponiert dort eine verschlüsselte Festplatte, holt sie sich einfach später nicht mehr ab. Als er eine neue Frau heiratet und den Namen Shoraz annimmt, bekommt er für die Hochzeit Personenschutz. Der Fall des erfahrenen kasachischen Geheimdienstlers streut Salz in eine Wunde der Verfassungsschützer: 2009 wurde der Tschetschene Umar Israilov in Wien auf offener Straße erschossen. Er hatte sich bei den Beamten gemeldet, sie um Schutz gebeten. Doch das BVT ignorierte ihn. Das soll nicht noch einmal passieren.

Ein kaum bewältigbarer Stoff

Also mischen bei Alijew die Geheimdienste mit. Im Jahr 2009 richtet das österreichische Parlament deswegen sogar einen Untersuchungsausschuss ein: Einige Abgeordnete sollen – wissentlich oder unwissentlich – Informationen an Agenten des kasachischen Geheimdienstes geliefert haben. Der Ausschuss wird ohne Ergebnis und öffentlichen Bericht abgedreht. Bald trauen sich nur noch wenige an die Geschichte des kasachischen Familienzwists, an diesen kaum bewältigbaren Stoff. Zu viel Nebel, zu viele Gerüchte.

Möglich wird diese Geschichte nur, weil sich hier zwei Männer streiten, die über viel Geld verfügen. Nursultan Nasarbajews Vermögen wird auf mehrere Milliarden Euro geschätzt, Rachat Alijew soll immerhin auf ein paar hundert Millionen kommen. Der Kasache war nicht nur Ex-Botschafter und Ex-Schwiegersohn, wie ihn die heimischen Zeitungen gerne beschreiben. Er war ein kasachischer Medienmogul, einer der am besten vernetzten Geschäftsleute des Landes. Noch dazu hatte er seinem Land in hohen Positionen der Finanzpolizei und des Geheimdienstes gedient. Alijew war ein Mann, der viel wusste.

Er soll in dieser Zeit kompromittierendes Material über die Machtclans Kasachstans gesammelt haben, ein sogenanntes „Kompromat“. Er gehörte jahrelang zu den engsten Machtzirkeln, weiß viel über die oft dubiosen Geschäfte der Familie Nasarbajew.

Eine Pressekonferenz der Anwälte, die gegen Alijew prozessieren wollten.

Jetzt ist die Hauptfigur tot

Das sagen Oppositionspolitiker und regimekritische Journalisten in Gesprächen mit der US-Botschaft im Land. Man kann das alles im Original auf der Aktivistenplattform Wikileaks nachlesen. Wer sich durch die Cables der Botschaften liest, kann danach ein Bild des ehemaligen Kronprinzen zeichnen: ein machthungriger Mann, gefürchtet, weit weg vom Demokraten und Freiheitskämpfer, als den er sich selbst gerne dargestellt hat. Im Gegenteil: Er soll die Opposition eingeschüchtert, sie bedroht haben.

In Kasachstan war Rachat Alijew einer, dem viel zugetraut wurde. Folter, Entführung, Mord. Wegen eines Falles wurde er dort schließlich verurteilt: Es ging um die Entführung von zwei Managern der kasachischen Nurbank, die ihn an Geschäften gehindert haben sollen. Zur Strafe soll er sie gefoltert und später ermordet haben.

Darum hätte es in dem Prozess gehen sollen, der in Wien für März geplant war. Nun hat das Drama eine neue Wende bekommen. Wie so oft bei Shakespeare ist die Hauptfigur gestorben. Seine Anwälte rufen bereits: Das könne kein Selbstmord gewesen sein.

Und irgendwo da draußen sitzen wohl auch ein paar Leute, die nun tief durchatmen. Jetzt, wo Rachat Alijew tot ist. Allen voran die kasachischen Familienclans, denen ein gefallener und in eine Zelle gesperrter Kronprinz mit all seinem Wissen sehr gefährlich werden konnte. Einer von Alijews Söhnen ist zum Liebkind des altersschwachen Nasarbajew aufgestiegen. Die Ex-Liebe Dariga hat sich nach Jahren im Abseits auf die innenpolitische Bühne zurückgekämpft. Rachat war ein Problem, einer, der plauderte.

Hinter diesen Mauern fand man am Dienstag den toten Rachat Alijew.

Die Stadt Wien und der Justizminister

Wie es dazu kam, dass Rachat Alijew in seiner Zelle starb, werden die nächsten Tage oder Wochen zeigen. Zwei Häftlinge sollen ihn bedroht haben, um Schutzgeld aus ihm herauszupressen. Wenn er nicht zahlt, würden man ihn erhängt in seiner Zelle finden, es würde aussehen wie ein Selbstmord, sollen sie ihm gesagt haben. Am Dienstag hätte Alijew gegen sie aussagen sollen. Stattdessen fand man ihn tot an Mullbinden aufgehängt.

Hat er sich selbst gerichtet? Haben die zwei angeblichen Schutzgelderpresser ihre Drohung wahr gemacht? Oder reicht der Arm Kasachstans bis in ein Wiener Gefängnis?

Ein kasachischer Journalist erzählt, dass es nicht unüblich sei, dass kasachische Häftlinge auf rätselhafte Weise Selbstmord begehen. Hätte man Alijew ausgeliefert, hätte ihm dieses Schicksal geblüht, sagt der Mann, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will. Denn wer sich mit der Familie Nasarbajew anlegt, bekommt Probleme.

Das Justizministerium schließt aus, dass jemand in der Nacht von Montag auf Dienstag die Zelle des Kasachen betreten hat. Es gibt Türprotokolle und eine Überwachungskamera am Gang. Doch bei einem Schnelltest des Blutes von Alijew fand man Spuren von Barbituraten. Das ist ein Gruppe von Schlafmitteln, von denen die meisten in Österreich seit Jahren verboten sind. Bis es dazu ein endgültiges toxikologisches Ergebnis gibt, könne es Wochen dauern. Der Leichnam Alijews wird bis dahin einbehalten, es wird ein ausländischer Gutachter hinzugezogen. Man will alles richtig machen, sauber.

In zwei Monaten wird in Kasachstan gewählt.

Die kasachische Wahl

Auch die Kasachen würden gerne wissen, was da in der Justizanstalt Josefstadt passiert ist. Denn es steht eine vorgezogene Wahl an: Schon am 26. April lässt sich Nursultan Nasarbajew aller Vorraussicht nach von seinem Volk als Präsident bestätigen. Hätte es den Wiener Prozess gegeben, er wäre genau in den Wahlkampf geplatzt. Wer mit Kasachen spricht, hört daher viele Theorien. In einem Land, in dem Oppositionspolitiker mit vor dem Rücken zusammengebunden Händen und einer Kugel im Kopf am Straßenrand gefunden werden, können sich die Menschen alles vorstellen.

Die Anwälte Alijews sagen, er habe sich auf den Prozess gefreut. Er habe tagelang seine Akten durchwühlt, ist die Beweiskette durchgegangen. Fest steht, dass es auch in Österreich ein paar Menschen gibt, die froh sind, dass es nun nicht so weit kommt.

Denn gegen den Kasachen wurde auch wegen Geldwäsche ermittelt. Er soll Millionen aus unbekannten Kanälen über Firmenkonstrukte in Wien und Deutschland reingewaschen haben. Das berühmteste Unternehmen in seinem weit verzweigten Netzwerk war das Media Quarter Marx. Sein Partner dabei: die Stadt Wien.

Es ist eine Ironie dieser Geschichte, dass Alijew ausgerechnet in einem österreichischen Gefängnis starb. Der Mann, in dessen Obhut er sich letztendlich befand, ist ein alter Bekannter: der heutige Justizminister Wolfgang Brandstetter. Im Jahr 2007 war er Alijews Rechtsvertreter und quartierte ihn in einem Haus in seiner Heimatgemeinde Eggenburg ein. Brandstetter stieg in der Machthierarchie auf, Alijew half das wenig.

Den amtierende Justizminister Wolfgang Brandstetter verband Einiges mit dem Kasachen.

Die Österreicher sind um den Prozess gebracht

Es gibt keinen Grund, daran zu zweifeln, dass die Polizei akribisch genau aufklärt, was in der Nacht in dieser Zelle der Justizanstalt Josefstadt passiert ist. Sie wird es mit der größtmöglichen Transparenz machen müssen. Sollten die Ermittler ihren ersten Schluss bestätigen, dass Rachat Alijew Selbstmord begangen hat, darf nicht der geringste Zweifel daran bestehen, dass es vielleicht doch anders gewesen sein könnte.

Mit dem Tod von Rachat Alijew wurden die Österreicher um einen der wichtigsten Prozesse der vergangenen Jahre gebracht. Man hätte all die vielen Fragen aufrollen können. Auch jene, warum es der heimischen Justiz über Jahre hinweg nicht gelungen ist, eine Anklage gegen Alijew aufzustellen. Einer der Ermittler wurde bereits vor Jahren abberufen, weil er die Ermittlungen in dem Fall absichtlich verschleppt haben soll.

Der Prozess Rachat Alijew ist mit dem Angeklagten gestorben. Die Geschichte ist damit aber nicht zu Ende. Auch, weil in den Gefängnissen der Justizanstalt Josefstadt noch ein zweiter Kasache sitzt. Er heißt Alnur Mussajew und war einmal Alijews Chef im kasachischen Geheimdienst. Seine Rolle beim Mord an den beiden Bankern ist nicht ganz klar, bislang konzentrierte sich alles auf Alijew. Auch im Geldwäscheverfahren geht es nicht nur um Alijew selbst. Seine Frau Elnara Shorazowa scheint in seinen Firmen auf.

Aber auch ein anderer Name steht laut einem Bericht der Süddeutschen Zeitung aus dem Jahr 2014 im Unternehmensregister. Er findet sich bei einer Liechtensteiner Firma, die dem dubiosen Netzwerk des erhängten Kronprinzen zugeordnet wird. Er lautet Wolfgang Brandstetter. Der 57-Jährige ist bis heute österreichischer Justizminister.

In eigener Sache: Ich habe mich bereits für das Monatsmagazin Datum mit dem Fall Alijew beschäftigt, der Großteil der Recherchen für diesen Text ist dort entstanden. Hier finden Sie den Link zu einem Text über die Beziehungen zwischen Alijew und Justizminister Wolfgang Brandstetter und eine Nacherzählung des gesamten Falls.