Über den Bekehrungswunsch altersschwacher Revolutionäre

von Michael Fleischhacker / 23.01.2015

Als ich begann, den neuen Roman von Michel Houellebecq zu lesen, tat ich das nicht nur, weil ich die Romane von Michel Houellebecq gerne lese. Sondern auch, weil ich wissen wollte, was die Literaturkritiker zu dem auffällig einheitlichen Urteil bewogen haben mochte, „Unterwerfung“ („Soumission“) sei zwar wegen des Plots (in Frankreich regieren 2022 die Muslimbrüder, an die Macht gebracht von Sozialisten und Bürgerlichen, um Marine Le Pen zu verhindern) irgendwie „brisant“, allerdings literarisch bestenfalls mittelmäßig.

Nach der Lektüre glaube ich zu wissen: „Brisant“ ist das Buch nicht, weil es irgendwelche provokanten Ansichten betreffend den Islam enthielte – nichts dergleichen ist nämlich der Fall –, sondern weil es, noch direkter und massiver als in „Karte und Gebiet“ („La carte et le territoire“), die geistige Befindlichkeit des Milieus beschreibt, das die Literaturkritiker repräsentieren: Kulturmenschen, die sich politisch so lange an einem mild-linken Mainstream orientieren, wie es geht, und sich an der neuen Macht orientieren, wenn das nicht mehr geht. Das hören und lesen diese Kulturmenschen nicht gern, und so bestrafen sie Houellebecq mit dem Verdikt „mittelmäßig“. Er sieht ja auch wirklich seltsam aus derzeit.

Dass man dem Buch „Brisanz“ wegen angeblicher anti-islamischer Invektiven zuschrieb, deutet darauf hin, dass man sich von der Titel-Assoziation verführen ließ: „Soumission“ erinnert wohl nicht zufällig an Theo van Goghs Film „Submission“, der seinen Regisseur das Leben gekostet hatte: Van Gogh wurde im November 2004 von einem Verteidiger des Islam ermordet.

Houellebecq analysiert in seinem Roman aber nicht den Islam, sondern die französische Gesellschaft, repräsentiert durch die französischen Geistesmenschen rund um die Sorbonne, die nach der Machtübernahme Mohammed Ben Abbes’, des charismatisch-milden Anführers der Muslimbrüder, zur von Saudi-Arabien finanzierten islamischen Universität wird. Und er analysiert sie ziemlich präzise: Ihre antirassistische Fixierung sei es, die die Linke unfähig zu jeder eigenständigen Position in der intellektuellen Auseinandersetzung mit dem Islam gemacht habe. (Da unterscheidet sich Paris im Übrigen nicht besonders von Berlin oder Wien.)

Man kann solche Befunde nach den Attentaten von Paris nicht nur in „Unterwerfung“ lesen. Der deutsche Journalist Daniel Schirmbeck hat sich in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung mit der Frage beschäftigt, der amerikanische Philosoph Michael Walzer im Dissent Magazine.

Was Houellebecq da beschreibt, geht freilich in eine andere Richtung und zugleich tiefer. Irgendwo war zu lesen, dass der Titel des Buches eigentlich „Bekehrung“ hätte lauten sollen. Er wäre passender gewesen, denn im Kern beschreibt Houellebecq das Scheitern der Emanzipationsgeschichte des europäischen Geistes von der Religion und ihren Nachfolgephänomenen in seiner aktuellen Fassung. François, der Antiheld des Romans, ist Huysmans-Experte. Joris-Karl Huysmans’ Geniestreich „Gegen den Strich“ („À rebours“) gilt als eines der Hauptwerke der „Dekandenzliteratur“, Huysmans selbst war am Ende seines Lebens zum Katholizismus rekonvertiert.

Das ist der „Plot“ von „Unterwerfung“: Wir haben es, und zwar nicht nur in Frankreich, sondern in der ganzen westlichen Welt, gerade mit der nächsten Generation von Revolutionären zu tun, die sich gegen Ende ihrer Lebens- und Herrschaftszeit lieber wieder unter die Fittiche des Absoluten begeben, als sich weiterhin der Anstrengung der ästhetischen, politischen oder sozialen Eigensinnigkeit zu unterziehen. Ob das der Katholizismus, der Islam, der Antikapitalismus oder der Neoliberalismus ist, spielt dabei kaum eine Rolle: Es geht um den Wunsch zurückzukehren in irgendeine Form der Behaustheit. Ein Wunsch, der, wie bei Katholiken und Muslimen auch, im Alltag beim geringsten Gegenwind zu Ausbrüchen aggressiven Spießertums führt.

Natürlich ist das Phänomen, das Houellebecq beschreibt, nicht auf die Frage des Islam und des Islamismus beschränkt. Vom Klimawandel bis zum europäisch-amerikanischen Handelsvertrag reicht die Palette an Themen, in denen sich die Bekehrungssucht der welk werdenden Revolutionäre ihr Recht verschafft. Katholisch können sie nicht mehr werden, muslimisch ist ihnen vielleicht doch zu steil, also dominiert die Metaphysik des späthumanistischen Moralismus, in ökologischen Angelegenheiten ergänzt um naturreligiöse Motive aus den alten Gaia-Mutter-Erde-Traditionen.

Vor diesem Hintergrund erweckt der „Mittelmaß“-Vorwurf gegen „Unterwerfung“ fast schon den Eindruck rezensorischer Selbstironie.