Über journalistische Unabhängigkeit

von Wolfgang Rössler / 11.02.2015

Manche NZZ.at-Autoren schreiben auch für wirtschafts- und politiknahe Publikationen. Wir sind darüber nicht glücklich, aber wir haben keinen Grund, an ihrer journalistischen Unabhängigkeit zu zweifeln. Für wen sie noch arbeiten, legen sie am Ende jedes Artikels offen.

Paul Aigner, Pressesprecher der Tiroler Landeshauptmann-Stellvertreterin Ingrid Felipe (Grüne) hat vor einigen Wochen die journalistische Unabhängigkeit unserer Autorin Alexandra Keller öffentlich angezweifelt.

Ob wir denn, fragte Aigner, kein Problem damit hätten, dass Keller auch dem monatlichen Magazin der Wirtschaftskammer Tirol Texte zuliefere?

Alexandra Keller gehört zu der besten Journalisten Tirols. Das vor einigen Monaten eingestellte investigative Nachrichtenmagazin ECHO wurde durch ihre Recherchen zu klandestinen Geschäften der Tiroler Hypo, zum verfassungswidrigen System der Agrargemeinschaften und zu manch größerer und kleinerer Mauschelei im heiligen Land Tirol geprägt. Keller ist Trägerin des Alfred-Worm-Preises, sie hat zwei kritische Bücher zur ÖVP-dominierten Landespolitik in ihrem Heimatbundesland geschrieben. Für NZZ.at hat sie zunächst die Verantwortung von Ex-Landeshauptmann Herwig van Staa (ÖVP) an den dreistelligen Expansionsverlusten der Tiroler Landesbank thematisiert. Heute wirft sie einen Blick auf die schwindende Macht des ÖVP-Bauernbundes, der in Tirol seit Jahrzehnten den Ton angibt.

Ob wir Grund zur Annahme hätten, dass unsere Autorin die mit satter Mehrheit in Tirol regierende ÖVP schont, weil sie für ein Mitgliedermagazin der schwarzen Wirtschaftskammer schreibt? Definitiv nicht.

Müßig zu betonen, dass man ihr zu keiner anderen Fraktion ein Naheverhältnis nachsagen kann. In ihren letzten Artikeln für ECHO hat sie die Tiroler Grünen kritisiert.

Wir arbeiten mit freien Journalistinnen und Journalisten in den Bundesländern zusammen, die uns durch die Qualität ihrer Arbeit überzeugen. Viele von ihnen haben auch andere Auftraggeber. Manchmal sind das Interessenvertretungen, die für einzelne Texte zahlen. Der Medienmarkt in den Ländern ist klein, nicht immer können sich Freie aussuchen, für wen sie schreiben.

Unsere Autoren legen am Ende jedes Artikels offen, für welche Auftraggeber sie sonst noch arbeiten. Dass sie nicht über Themen berichten, bei denen sie persönlich auch nur im Entferntesten involviert sind, versteht sich von selbst. Das entspricht auch ihrem journalistischen Selbstverständnis.