Über Sex kann man nur auf Englisch singen

von David Hebenstreit / 23.04.2015

Über Sex kann man nur auf Englisch singen, allzuleicht würd’s im Deutschen peinlich klingen …

… so hat das eine bekannte Band aus Hamburg gesagt. Und sich damit gleich mal selber paradoxiert, um dem Popdiskurs Nahrung zu geben. Denn die entsprechenden Texte dieser Band waren in ihrer Authentizität alles andere als peinlich, und boten mir als Heranwachsendem zur Abwechslung eine reale Möglichkeit der Identifikation. Im Gegensatz zu dem, was meine englischsprachigen Lieblingsbands damals von sich gaben. Ja, hätte man die Texte deren Autoren ins Deutsche übersetzt, hätte ich mich wohl in Grund und Boden geschämt, oder ob der emotional masochistischen Endlosschleife dieser liebesleidenden Künstler schleunigst das Weite gesucht.

Aber warum funktionierte ein und derselbe Text über die Liebe und den Sex auf English gut, auf Deutsch aber nicht? War es vielleicht die distanzbildende Barriere der fehlenden Muttersprachlichkeit, die mich gefahrlos hat lauschen lassen?

Musik aus Österreich war mir überhaupt meist am zuwidersten gewesen, zumindest dann, wenn es unironisch zur Sache ging – und dies war vor allem im Genre des Schlagers und der volkstümlichen Musik der Fall. Das spielte sich einerseits auf der Bühne zwar meist Playback ab, dafür aber inhaltlich einfach und ehrlich. Leider wollte ich jedoch den Inhalt dieser einfachen Ehrlichkeit einfach nicht wahrhaben. Und auch die meisten Perlen eines anderen Genres, nämlich dem des Austropops, bedienten sich selten einer Sprache, die mir eine entsprechende Lebens- und Gefühlswelt angemessen zum Ausdruck hätte bringen können. Heute nehme ich das ein bisschen anders wahr, aber es sind ja auch zwanzig Jahre vergangen, und die Coming-of-Age-Probleme, mit denen ich mich heute herumschlagen muss, sind nicht die eigenen. Doch damals blieb mir leider keine andere Wahl, außer mich zynisch über diese Art der Musik zu stellen, und mich dann erst recht wieder – meist heimlich – mit englischsprachigen Kuschelrockschnulzen ins Bett zu legen. Und irgendwann auf Seattle Grunge und Hardcore Metal umzusatteln, weil die brachten wenigstens den Hass und die allgemeine Frustration adäquat zum Ausdruck, und ein bisschen Punk Rock half dabei, nicht ganz den Humor zu verlieren, und irgendwie war ich dann wieder bei dieser Band aus Hamburg gelandet, weil die hatte diese essenziellen Elemente gut dosiert drinnen. Und konnte noch dazu auf Deutsch singen, ohne dabei peinlich zu sein.

Derzeit ist es interessant, zu beobachten, wie auch im Staat der musikalischen Hochkultur und aus diesem heraus popmäßig Bewegung produziert wird.

Neuerdings formieren sich in Österreich Projekte, die auch inhaltlich wieder ein bisschen mehr zu bieten haben, und es sieht so aus, als ob nicht nur poetische Substanz und künstlerische Nachhaltigkeit vorhanden wären, sondern auch die musikökonomischen Existenzbedingungen erkannt sind und sich sogar im Rahmen des Exportes erfüllen lassen.

„Am Ende seines Lebens wird jeder einsam sein. Also bitte, tu mir weh, Luzia, oder irgendwer anders tut’s statt dir.“

Singt die österreichische Band Wanda, und stürmt damit die Charts. Dem Text mag zwar auf den ersten Blick ein gewisser Pessimismus anhaften, aber dennoch: Den Arsch hochkriegen ist allemal ein Anfang, und was spricht dagegen, dass es in weiterer Folge auch angenehm werden darf?

Also, alles besser, als zu Hause herumzusitzen und zwanghaft alleine zu masturbieren.

Deshalb verlasse auch ich gleichermaßen die Einsamkeit, und begebe mich auf die Suche nach Musikern, die weiteres Licht in das Dunkel meiner Fragestellung bringen sollen. Schließlich hat man als Musikreporter ja die Aufgabe, weniger die eigene, als die Gedanken- und Geschehenswelt anderer erschließbar zu machen. Und mir fallen auch gleich zwei Liedermacher und Experten der österreichischen Sprache ein, die ich interviewen kann.

Der eine ist Ernst Molden, der nicht nur mit bodenständigem wienerischen Dialekt den Eindruck einer lokal kulturellen Identitätsvermittlung hinterlässt, sondern sich auch in surreal poetischen Welten bewegt, die mich – um einen Vergleich mit der Malerei zu ziehen – an eine von Hieronymus Bosch befruchtete Wiener Schule des Phantastischen Realismus denken lassen.

Der Zweite ist „Der Nino aus Wien“, ein österreichischer Lieblingspoet, von dem ich denke, dass einige seiner Lieder selbst den Texten von H. C. Artmann in ihrer schriftstellerischen Qualität in nichts nachstehen.

Unter dem Vorwand, ich würde mich für ihr neues Album „Unser Österreich“ interessieren, welches, während ich diesen Artikel schreibe, in die österreichischen Album-Charts einsteigt, will ich aber im Interview ganz andere Antworten suchen. Also begebe ich mich in die Wiener Arena, wo die beiden ihr Releasekonzert spielen.

Der Gig ist ausverkauft, ich kämpfe mich höflich durch die Masse nach vorne zur Bühne durch. Dort muss ich mit den Security-Fleischackern vehandeln, damit man mich durch die Absperrung lässt. Ich muss dort Livekonzertfotos von den Künstlern schießen. Als Beweis für die Redaktion, dass ich wirklich vor Ort war.

Die Fleischacker sind recht cool zu mir, und plötzlich bin ich ein Konzertfotograf. Leider ist es gar nicht so einfach, gute Fotos zu machen, weil ständig ein Bühnenmonitor ins Bild steht, die Sänger mit den Gesichtern an den Mikrofonständern festgeklebt sind, und die Scheinwerfer einen photosensitiv bedingten epileptischen Anfall meines Autofokus auslösen. Und während ich mit athritischer Anmut auf den Kniegelenken herumrutsche, denke ich mir, dass eines dieser Schwanzgrößenkompensationsobjektive, mit denen man normalerweise wilde Tiere beim Geschlechtsverkehr beobachtet, ganz nützlich wäre.

Schlussendlich schalte ich die Kamera in den manuellen Modus und mische mich, nachdem ich meine Probleme „oldschool“ gelöst habe, wieder unters Publikum.

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Die Musiker spielen einen Ludwig-Hirsch-Coversong, der auch auf deren neuem Album zu finden ist. Das Lied heißt „Der Zwerg“ und handelt von einem kleinwüchsigen Menschen, dem es auf zwischenmenschlicher Ebene um einiges besser gehen könnte. Die beschreibende Textzeile, der Zwerg sei „potent wie ein Büffel, aber einsam wie der Tod“ lässt mich aufhorchen. Hier wird offensichtlich ein sexuelles Problem beschrieben.

Ich scheine auf der richtigen Fährte zu sein.

Mit fortgeschrittenem Abend versetzt mich die Musik in eine genussvolle morbide Melancholie, aus einem undefinierbaren Grund wird mir romantisch zumute und ich möchte gerne schmusen, aber das geht nicht, denn ich bin hier, um zu arbeiten.

Ich sehe mir das Konzert bis zum Ende an.

Die Künstler singen zum Abschluss den Welthit: „Ganz Wien ist auf Heroin“, das Publikum stimmt in den Gesang mit ein, und ich begebe mich zum Aufzug, der in den Backstagebereich führt, wo schon die Kamerateams zweier Fernsehsender warten, die wegen des neuen Albums zum Interview eingetroffen sind.

Im Backstageraum warte ich auf eine günstige Gelegenheit. Wie ein Cyborg checke ich die Lage, und mir fällt auf, dass dort in Kürze kein Wein mehr vorhanden sein wird. Gleichzeitig stelle ich fest, dass es jemanden gibt, der sich prinzipiell um Nachschub kümmert. Der hat jedoch noch nicht bemerkt, dass er die Menge an flüssigem Treibstoff, welche notwendig ist, um die Wiener Seele in Bewegung zu halten, unterschätzt hat. Gerade rechtzeitig wird er sich dann des ersten aufkeimenden Unmutes gewahr, und macht sich daran, den Ressourcenmangel zu beheben. Mir fällt „Olfrygt“ ein.

Olfrygt ist das Vokabel, welches die Wikinger benutzten, um ihre Angst vor Bierknappheit in Worte zu fassen.

In Wien gibt es kein Vokabel für entsprechende Ängste, und ich muss an die Lehre des österreichischen Psychiaters Dr. Erwin Ringel denken, der behauptete, das Prinzip der Verdrängung wäre ein Charakteristikum der österreichischen Seele. Ich vermute, er hatte recht.

Als der Nachschub kommt, schnappe ich mir eine Flasche vom Weißwein, noch bevor dieser seinen Weg in den Kühlschrank findet. Ich hebe dieses Symbol meines Sakrilegs hoch in die Luft und rufe: „Hier, ich tausche eine Flasche Wein gegen ein Interview“, und gleich darauf sitzen wir zu dritt in der Garderobe. Ich aktiviere mein Aufnahmegerät und fühle mich wie ein halbaufgeklärter Vierzehnjähriger, der darauf wartet, dass endlich der Stimmbruch einsetzt, und ich lasse dem Tourette meiner Zwangsgedanken freien Lauf:

Stimmt es, dass man über Sex nur auf Englisch singen kann?

Ernst Molden: Nein, das stimmt nicht. Nehmen wir Georg Danzer, er hat den Vorstadtcasanova geschrieben, er hat über alle Dimensionen des Sex’ gesprochen, über das Lustige, das Aufregende, das Harte. Er hat das „Zur Sache kommen” und das Traurige des Vollzugs thematisiert.

Nino Mandl: Und auch das Traurige des Alleinseins.

Der „Legendäre Wixer-Blues“ zum Beispiel.

Mandl: Ja, dieses Lied, das du ja auch sehr gerne spielst.

Beschäftigt ihr euch musikalisch/inhaltlich auch mit derartigen Liebesangelegenheiten? Die sexuellste Zeile, die ich aus Ninos Werk kenne, lautet: „Wir küssen uns ans Kinn“.

Molden: Ich hab 1995 einen pornografischen Roman geschrieben, der heißt „Die Krokodilsdame“. Mein erster Roman. Da wird nur pudert. 300 Seiten lang, und zwar in Form eines Sexualcontests. Ich hab das Sexuelle hauptsächlich in diesem Roman abgearbeitet, und jetzt kommt es nur noch so als Humus vor. Als Untergrund.

Mandl: Ich hab das Buch nicht gelesen, aber ich les’ es bald. Ich glaub’, meine Lieder sind sehr verschlüsselt, handeln aber doch auch viel von so was wie Sex. Und Drogen.

Und von „ans Kinn küssen“.

Molden: Ich glaub, der klassische Austropop ist auch geil, diese ganzen Lieder, wo jemand oberflächlich allein im Espresso sitzt und die Zeit totschlägt. Der hat unterm Tisch sicher eine Errektion gehabt.

Also das wird mir jetzt fast schon zu viel Porno hier. Trotzdem noch mal zurück; über Sex kann man nur auf Englisch singen, mit welcher Musik seid ihr diesbezüglich aufgewachsen ?

Molden: Ist das jetzt eine Fragestunde über unsere Defloration, oder geht’s um unser neues Album? Und sag, wo außer im Funk, wird wirklich explizit über Sex gesungen?

Mandl: Ich verschlüssel sowieso immer alles.

Vielleicht sollten wir das Wort Sex durch Liebe ersetzen?

Molden: (lacht) Das ist ja nun wirklich etwas anderes.

Nino: Ja, das ist was ganz was anderes!

Kann man auf Deutsch über Liebe singen? Allein der Satz: „Ich liebe dich“ klingt ja schon irgendwie deppert …

Nino: Die Band Wanda wollte das machen, die haben aber dann herausgefunden, dass das Wort „Amore“ viel schöner klingt.

Ernst: Das schöne am Wienerischen ist, dass es das Verbum „lieben“ nicht gibt. Man kann sagen „I steh’ auf di“ oder „I hoid auf di“. Man kann auch sagen: „I bin geil auf di“. Aber „lieben“ gibt’s im Wienerischen nicht.

Wie kann man dann davon singen?

Ernst: Das müssen wir vielleicht gar nicht, weil die Liebe selbst dafür verantwortlich ist, dass der Nino und ich überhaupt gemeinsam musizieren. Man muss auch die Menschen, das Publikum mögen, um überhaupt hergehen zu können und ihnen was vorzusingen.

Nachdem ich nun finde, dass es keinen schöneren Schlusssatz für ein Interview geben kann, und mein Wissensdurst befriedigt ist, endet dieser Artikel hier. Das Album von Ernst Molden & Der Nino aus Wien habe ich nicht für Sie rezensiert, denn die Künstler haben vergessen, es mir zu schenken. Falls Sie also mehr darüber erfahren möchten, dann müssen Sie sich das selbst erarbeiten. Die Platte heißt Unser Österreich, ist eine Neuinterpretation von 12 Austropopklassikern und auf Monkey Music erschienen.