Unfollow 2014 – von Kadavergehorsam und Kaninchenlöchern

von Barbara Kaufmann / 31.12.2014

Jetzt hat es doch noch geschneit und das Ende des Jahres unter einer dünnen weißen Schneedecke begraben. Still ist es draußen vor der Tür. Der Schnee dämpft nicht nur die Schritte, er liefert die Leinwand für die Projektion der monströsen Bilder von Terror, Tod und Sterben der vergangenen 12 Monate. Menschen, die geschändet werden. Gekreuzigt, geköpft. Lebendig begraben. Live und in Farbe. Auf allen Kanälen. Und auf Youtube, wo sich die Mördervideos der ISIS neben ihren Rekrutierungsspots finden. Schweigende Fassungslosigkeit macht sich breit. Angesichts der Grausamkeit und ihres Ausmaßes.
The silence depressed me, schreibt Sylvia Plath in The Bell Jar. It wasn’t the silence of silence. It was my own silence.

In der Stunde der größten Ohnmacht schmeckt Stillstand nach Stabilität und klingt Geschlossenheit nach Haltung. Der Ruf nach demonstrativer Einigkeit innerhalb beider Regierungsparteien ist die kaum verklausulierte Aufforderung zum Gehorsam.
„Konrad!“ sprach die Frau Mama, „Ich geh aus und du bleibst da. Sei hübsch ordentlich und fromm. Bis nach Hause ich wieder komm.“
Man hätte es aber auch nicht umständlich verschleiern müssen. Mit Abnicken kennt sich die Klientel aus. Es hat dem einen und der anderen anno dazumal einen guten Posten eingebracht. Oder ein paar Aufträge. Oder eine Schrebergarten-Parzelle.

Da stört es auch nicht weiter, dass das kleine Paradies im Grünen nach einem benannt ist, der heute als Vertreter der schwarzen Pädagogik gilt. Moritz Schreber riet Eltern, sich mit nichts anderem als absoluten Gehorsam des Kindes zufriedenzugeben. Mit der völligen Selbstaufgabe des Nachwuchs. Als Orthopäde entwickelte er Geräte, die Kinder an einer falschen Haltung hindern sollten. Die angelegt wurden, damit diese gerade wachsen. Metallgestelle, die den Kleinsten um ihr Kinn geschnallt wurden. Mit denen sie nachts ans Bett gefesselt wurden. Um selbst im Schlaf eine korrekte Liegeposition zu gewährleisten. Folterwerkzeuge, deren Lederriemen und Metallschlaufen für immer Wunden hinterlassen sollten. Der älteste Sohn von Moritz Schreber, Gustav, nahm sich das Leben. Paul, der zweite, litt an psychotischen Wahnvorstellungen. 14 Jahre seines Lebens verbrachte er in Nervenheilanstalten. Ließ schmerzhafte Behandlungen über sich ergehen, nichts linderte seine Zustände dauerhaft. Die von ihm verfassten Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken berichten bis heute davon. Das Monströse kann man überall finden. Auch und gerade in der Idylle. Unter Lauben, wildem Wein und an lauen Grillabenden. Der von Moritz Schreber eingeforderte Gehorsam manifestiert sich im akkuraten Grenzzaun zum Nachbarn.

Die düstere Zeit des Drills scheint jedoch vergangen. An die Stelle von autoritärer Einwegkommunikation ist die Partizipation getreten. Mitmachen und selbstermächtigen heißt es in der Pädagogik ebenso wie in der Ökonomie. Kein Frontalunterricht, kein Befehl-Gehorsam-Management mehr. Der Softwaregigant Microsoft veröffentlicht in diesem Sommer ein Manifest für neues Arbeiten im digitalen Zeitalter. Leidenschaft statt Hierarchien lautet das Credo. Im Mai dieses Jahres meldet sich das Top-Management der Funke-Mediengruppe mit ungewöhnlicher Kritik an den Gesellschaftern zu Wort. Unternehmen, die allein auf Befehl und Gehorsam setzen, können zwar auch irgendwie funktionieren. Es macht nur keinen Spaß, in ihnen zu arbeiten. So ein Unternehmen wollen wir nicht führen.

Die Disziplinargesellschaft hat ausgedient. Es braucht sie auch niemand mehr. Längst hat sich das Gehorsamssubjekt zum Leistungssubjekt entwickelt, meint der koreanische Philosoph Byung-Chul Han in seinem Essay Topologie der Gewalt. Gehorcht wird nun den eigenen Leistungsvorstellungen. Der negative Zwang des Über-Ich wird ersetzt durch den positiven Zwang, die Ziele des Ideal-Ich zu erreichen. Niemand ist schließlich gerne ein Loser. I’m a loser baby, so why don’t you kill me?! singt Beck bereits vor 20 Jahren und gibt damit den Soundtrack einer Generation vor. Verfolgt man, wie eben diese im vergangenen Jahr publizistisch und politisch die Debatte zum Thema Sterbehilfe führt, beschleicht einen der Verdacht, dass der Songtext vom einen oder anderen etwas zu wörtlich genommen wird.

Gehorsam ist im digitalen Zeitalter nicht verschwunden. Er ist vorauseilend geworden. Ein Kadavergehorsam. Freiwillig werden die großen Datensammler im Netz mit Privatem und Persönlichem versorgt. Freiwillig wird sich gegenseitig ausgespäht. Freiwillig das Intimste nach außen getragen. Leben, sterben, lieben. Alles coram publico. Protect me from what I want lautet die Aufschrift einer der bekanntesten Installationen der Konzeptkünstlerin Jenny Holzer, deren Schaffen seit Jahrzehnten im öffentlichen Raum stattfindet und einst mit einer Wandzeitung begann. Nicht zufällig stellt Byung-Chul Han das Zitat seinem in diesem Jahr erschienenen, neuesten Buch Psychopolitik voran. Er kritisiert darin die Machttechniken des freundlichen Big Brother. Die smarte Macht schmiegt sich der Psyche an, statt sie zu disziplinieren. Mithilfe der freiwillig verschenkten Masse an User-Daten wird die Freiheit nicht negiert oder unterdrückt, sondern ausgebeutet.
Und alle machen fröhlich mit.

Oh, there’s no use in talking to him. He’s perfectly idiotic! So verzweifelt Lewis Carrolls Alice hinter den Spiegeln, als sie auf den Froschmann trifft. Wieder einer, der sie nicht versteht. Der nicht antwortet. Der keinen Halt bietet. Ein Bewohner einer Welt, in die sie mehr gefallen als gestolpert ist. Deren Symbole und Figuren im Science-Fiction-Klassiker Matrix und seinen beiden Fortsetzungen endlos zitiert und übernommen werden. Eine Trilogie, die für viele die heutige Realität der digitalen Überwachungsgesellschaft vorweggenommen hat. Wer wäre da nicht lieber unwissend, uninformiert, ein Idiot? Heute scheint der Typus des Außenseiters, des Narren oder Idioten aus der Gesellschaft so gut wie verschwunden zu sein. Die digitale Totalvernetzung und Totalkommunikation erhöht den Konformitätszwang erheblich. Angesichts dessen stellt der Idiotismus eine Praxis der Freiheit dar. Noch einmal Byung-Chul Han und sein Lob des Idiotismus, mit dem sein Buch schließt.

Was kann man sich für 2015 vornehmen? Mehr Ungehorsam sich selbst gegenüber? Eine andere Suchmaschine zu verwenden? Die Privacy-Einstellungen der diversen sozialen Netzwerke wenigstens mal zu lesen? Den Algorithmen einen Haken zu schlagen, wie es das weiße Kaninchen im Wunderland machen würde? If you don’t know where you’re going, sagt die Grinsekatze zu Alice, any road will take you there. In diesem Sinne: gute Reise! Fahren Sie vorsichtig und achten Sie auf Kaninchenlöcher!