Unsere kleine Babyfarm

von Michael Fleischhacker / 15.11.2014

ÖVP-Justizminister Wolfgang Brandstetter und SPÖ-Gesundheitsministerin Sabine Oberhauser haben sich auf Änderungen des 20 Jahre alten Fortpflanzungsmedizingesetzes (FMedG) geeinigt. Darüber, dass es für diese Änderungen hoch an der Zeit ist, weil sich in den 20 Jahren sowohl der Stand der Forschung als auch der gesellschaftliche Konsens in Bioethik-Fragen geändert haben, herrscht kaum Zweifel. Ebensowenig Zweifel herrscht daran, dass die nun vereinbarten Änderungen – Samenspenden für die In-vitro-Fertilisation (IVF), Eizellenspende und Präimplantationsdiagnostik – eine Liberalisierung darstellen. Alles gut?

Nicht wirklich. Auf dem Weg zum Beschluss der Gesetzesnovelle im Nationalrat werden wir noch ziemlich heftige Debatten erleben. Und das ist gut so, denn die jetzt bekannt gegebene Einigung zwischen Justiz- und Gesundheitsministerium kommt über den Status einer technischen Abklärung kaum hinaus. Die großen, prinzipiellen Fragen, die hinter den technischen Aspekten der Fortpflanzungsmedizin verbergen, haben erwartungsgemäß die Kritiker der Einigung angesprochen.
Die Grünen etwa begrüßen zwar einen „Meilenstein in der Anerkennung von unterschiedlichen Familienformen“, kritisieren aber, dass man das „Ziel einer fortschrittlichen Familienpolitik“ auch mit diesem Entwurf nicht erreicht habe. Warum? Weil alleinstehende Frauen noch immer von der medizinisch unterstützten Fortpflanzung ausgeschlossen seien, und weil Homosexuelle noch immer kein Adoptionsrecht haben.
Auf der anderen Seite ist naturgemäß die Katholische Kirche, vertreten durch „Familienbischof“ Klaus Küng, „erschüttert“. Kinder, deren erstes Recht es sei, „Vater und Mutter zu kennen und mit ihnen aufzuwachsen“, würden mehr und mehr zu einem Produkt der „Forpflanzungsindustrie“. In diese Richtung argumentiert auch der Arzt und Gesundheitssprecher des Team Stronach, Marcus Franz: Er warnt vor der Entstehung von „Babyfarmen“ und „Nachwuchs per Versandhaus“.
Die Kirche wird sich, auch wenn das Thema noch zu ernsthaften Auseinandersetzungen innerhalb der ÖVP führen kann, mit ihrer Kritik nicht durchsetzen. Und das, obwohl die Natürlichkeitserwägungen, die den Kern der kirchlichen Argumentation und jener des Team Stronach-Gesundheitssprechers Franz bilden, mit einiger Wahrscheinlichkeit mehrheitsfähig sind. Es hat sich, allen „Fortschritten“ zum Trotz, ein breites Verständnis dafür erhalten, dass mit einer Welt, in der die Erfüllung eines Kinderwunsches sich von der Erfüllung eines Autowunsches nicht mehr substanziell unterscheidet – weil beide im Wesentlichen durch die richtige Korrelation zwischen finanzieller Möglichkeit und technischer Machbarkeit erfüllbar sind – irgendetwas nicht stimmt.

Den weltanschaulich neutralen Verfassungsstaat haben Natürlichkeitserwägungen und religiöse Überzeugungen nicht zu kümmern. Wohl wird er sich in absehbarer Zeit aber mit den Folgen jener „Diskriminierungen“ zu beschäftigen haben, die durch die aktuelle Liberalisierung des FMedG erst entstehen: Warum sollen sich männliche homosexuelle Paare nicht auch ihren Kinderwunsch erfüllen können – etwa durch Leihmutterschaft? Die bleibt verboten, man fürchtet „Kommerzialisierung“. Die fürchtet man auch bei der Eizellenspende, weshalb man sie mit einem „Kommerzialisierungsverbot“ belegt. Könnte man doch auch bei der Leihmutterschaft so machen, oder? Gleiches gilt für alleinstehende Frauen: Wieso sollten sie nicht per Samenspende zu Nachwuchs kommen, während ein lesbisches Paar das sehr wohl darf? Weil eine Familie zwei „Elternteile“ braucht?

Diese Gesellschaft wird den Weg zur Technisierung und Industrialisierung des Fortpflangszungswesens weitergehen. Weil alles, was möglich ist, auch wirklich werden wird.