US-Ölindustrie: Ein Koloss speckt ab

von Magdalena Klemun / 20.01.2015

Über Nacht wurde es still – noch stiller – in North Dakota, dem US-Bundestaat mit der viertniedrigsten Einwohnerdichte. Acht tonnenschwere Ölfördertürme gingen innerhalb eines Tages Anfang Jänner außer Betrieb, so viele wie noch nie in so kurzer Zeit, seit die Bodenschätze der Bakken-Formation auch North Dakotas und Montanas ödesten Ebenen Weltruhm bescherten. Der fallende Ölpreis treibt die Förderung von Schieferöl, das fest im Gestein eingeschlossen und teuer zu fördern ist, an die Grenzen der Wirtschaftlichkeit. Und darüber hinaus. Seit Juni 2014 ist der Ölpreis um fast 60 Prozent gefallen, ein Barrel der Marken Brent und West Texas Intermediate ist derzeit um knapp 50 US-Dollar zu haben. Neben der schwächelnden globalen Konjunktur ist dafür vor allem ein Überangebot an Öl aus Nordamerika verantwortlich, gemeinsam mit der neuen OPEC-Strategie, die Fördermenge nicht mehr automatisch zu drosseln, um Preise hoch zu halten.

West Texas Intermediate Ölpreis
West Texas Intermediate Ölpreis
Preis pro Barrel zwischen Jänner 2014 und Jänner 2015

Radikaldiät und Ressourcen-Revolution

Anders als manche Beobachter in den vergangenen Wochen medienwirksam verkündeten, wird sich die amerikanische Ressourcen-Revolution aber nicht so rasch in die Knie zwingen lassen. Dazu ist sie mittlerweile durch Effizienzsteigerungen und enormes technisches Know-how zu erwachsen geworden, und dazu ist der Durst der US-Wirtschaft nach Öl zu groß. Wahrscheinlicher ist eine Art Radikaldiät, aus der sich ein gereifter Schieferboom mit neuer geopolitischer Bedeutung entwickeln könnte.

Zunächst werden vor allem kleinere Förderunternehmen, die in den vergangenen Jahren auf Kredit in immer neue Anlagen und Bohrungen investierten, ihre Bilanzen in Ordnung bringen müssen. Manche, vor allem Dienstleister in teuren Fördergebieten, werden ihre Anlagen wohl für immer in den Sand setzen müssen. Kein Ölsand diesmal. Die US-Marktforschungsfirma CreditSights hat 25 Hochrisiko-Firmen identifiziert, die wegen hoher Schuldenstände und geringer Einkommen bald in Konkurs gehen könnten. Trotzdem ist dies nur ein kleiner Teil der insgesamt in den Boom involvierten Unternehmen – nach Schätzungen der Investmentbank Oppenheimer & Co. sind dies mehr als 200.

Dunkler als schwarzes Gold sieht die Zukunft der meisten Ölproduzenten daher nicht aus. Zum einen haben viele Firmen im vergangenen Jahrzehnt Milliarden in Land, Fördertechnologien und Bohrungen investiert, die sie jetzt weiter ausnützen wollen und müssen, um ihre Schulden abzubezahlen. „Ausbeutungsphase“ nannte Jeff Currie, der führende Rohstoff-Analyst der amerikanischen Investmentbank Goldman Sachs, die momentane Periode kürzlich in einem Bloomberg-Interview. Oppenheimer-Analyst Fadel Gheit war gegenüber dem TV-Kanal CNBC etwas direkter: „Die Kuh wird gemolken, bis sie stirbt.“ Soll heißen: Bereits getätigte Investitionen in produktiven Gebieten halten Fördermengen aufrecht, während bereits begonnene Produktionsstätten fertiggestellt werden. Das kostet weniger als neue Bohrungen. Die werden vertagt, bis die Kuh sozusagen wiederbelebt wird – wenn die Preise steigen.

Der Ölpreis

Bis dahin könnte es allerdings noch dauern. Saudi-Arabien hat Zeit, weil es Geld hat. Und vielleicht ein wenig Wut auf die falschen Scheiche aus Nordamerika, ganz abgesehen von Animositäten gegen Iran und Russland, die ebenfalls unter dem Preisverfall leiden.

Selbst wenn der Ölpreis allerdings unter den Break-Even-Preis (der hoch genug ist, um Gesamtkosten zu decken) einzelner amerikanischer Ölfelder fällt, ist das kein Grund, die Förderung einzustellen, nur weitere Bohrungen. Der Preis, bei dem sich eine Aufrechterhaltung der Förderung in bereits errichteten Anlagen noch rentiert („shut-in price“), liegt deutlich unter jenem, der die Kosten für Neubohrungen und laufende Produktion deckt. Während der momentane Ölpreis also unter US-Schiefer-Break-Even-Preisen von 40 bis 70 Dollar pro Barrel liegt (siehe Bild unten), ist er immer noch höher als der Shut-in-Preis, der je nach Feld und Schätzung schon bei 15 Dollar beginnt.

Breakeven Prices Crude Oil
Breakeven Prices Crude Oil
Gewinnschwellen fuer Ölfelder in den USA und Kanada, Quelle: ScotiaBank Equity Research

Auch strukturelle Eigenheiten des US-Öl-Booms gilt es zu berücksichtigen. Weil im Schnitt nur wenige Monate nach der Erstinvestition in eine Förderstätte vergehen, bis das Öl bereits durch gezielt erzeugte Risse und Wasser aus dem Gestein gepresst wird („Fracking“), kann die Produktion rasch hochgefahren werden. Bei Tiefseebohrungen etwa ist diese Zeitspanne deutlich länger. Die reaktionsfähige amerikanische „Ölfabrik“ eignet sich also zum Ausgleich globaler Preisschwankungen – längerfristig könnten die USA daher eine ähnliche Rolle wie die OPEC-Länder übernehmen, oder deren Funktion ersetzen. Der Preisstruktur am globalen Ölmarkt würde dies ohnehin besser entsprechen.

Rein ökonomisch halten viele es für sinnvoller, die Nachfrage zuerst mit dem deutlich billigeren Öl aus Saudi-Arabien zu sättigen und die teurere Schiefer- und Tiefsee-Produktion zum Ausgleich von Preisschwankungen einzusetzen.

Der Faktor Geschwindigkeit prägt Schieferölförderung aber nicht nur am Beginn, sondern auch gegen Ende der Förderung. Sobald der künstlich erzeugte Druck zurückgeht, sinkt die Förderrate, also der Ertrag pro Zeiteinheit, rasant. Anders als bei konventioneller Ölförderung geht die Produktion bei Schieferölfeldern bereits nach etwa 18 Monaten so stark zurück, dass laufend neue Bohrungen notwendig sind, um die Gesamtproduktion eines Feldes stabil zu halten. Skeptiker argumentieren seit Beginn der Schiefergasrevolution mit dieser Kurzlebigkeit, wenn sie wahlweise eine gigantische Schieferölblase oder das Ende der Industrie voraussagen. Bisher waren allerdings die Preise hoch genug, um neue Bohrungen zu finanzieren. Zudem gilt: Sollten die USA tatsächlich in die Rolle des swing producers schlüpfen, ist schneller Produktionsverfall nicht nur schlecht – er bedeutet Flexibilität. Sinken die Preise und wird nicht mehr gebohrt, so sinkt auch die (ohnehin nicht sehr profitable) Produktion schnell ab.

Gehende Bohranlagen

Noch einen Grund zu mehr Optimismus gibt es: Neue Technologien haben im vergangenen Jahrzehnt zu enormen Effizienzsteigerungen und Kostenrückgängen geführt, sodass weiterer Fortschritt zu erwarten ist. Das Multi-Pad-Verfahren etwa konzentriert mehrere Bohrköpfe kompakt auf kleiner Oberfläche, sodass Förderanlagen leichter auf- und abbaubar geworden sind. Das ist für Schieferöl besonders vorteilhaft. Da Quellen rasch versiegen, wird oft weitergezogen. Amerikaner nennen dafür geeignete Fördertürme – mit viel Fantasie – walking rig, Englisch für „gehende Bohranlage“. Schätzungsweise hat das Multi-Pad-Verfahren bereits zu Kostenreduktionen von 10 bis 30 Prozent pro Bohrung geführt, und das innerhalb weniger Jahre.

Multi-Pad Verfahren
Multi-Pad Verfahren
Bohrung mittels Multi-Pad Verfahren, Quelle: Energy Information Administration

Die Bandbreite an Prognosen, wann genau sich auch die Produktion in teureren Feldern wieder lohnen wird, ist derzeit enorm. Laut US-Energieministerium soll die amerikanische Ölproduktion sowohl 2015 als auch 2016 steigen, allerdings etwas weniger als zuletzt im Dezember angekündigt. Experten des Internationalen Währungsfonds (IWF) rechnen mit einer vollständigen Preiserholung erst 2019, einen leichten Aufwärtstrend könnte es aber laut amerikanischer Energiebehörde EIA schon 2015 geben EIA Prognose. „Drill, baby, drill“ – ein ehemals republikanischer Slogan zur Unterstützung der Ölindustrie – wird es dennoch etwas weniger oft heißen. „Wait, baby, wait“ ist derzeit einfach passender.