Vom Bohren, Hämmern, Haltverlieren – zwei Jahre Dachgeschossausbau

von Barbara Kaufmann / 17.12.2014

Am ersten Tag kommt ein Bagger in den Innenhof gefahren. Der Hof ist groß und geräumig. So wie unsere Wohnanlage. Fünf Stiegen mal vier Stockwerke, 60 Parteien. Pärchen, Großfamilien, Alleinstehende. Bröckelnde Fassaden, lose Pflastersteine, abgewohnter Altbau, typisch für Wien. Im Innenhof parken die Autos der Mieter. Die Kinder spielen im Sommer auf der Grünfläche vor den Stiegeneingängen. Im Herbst sammelt sich das Laub der hohen Bäume auf den Autodächern. Viele der älteren Bewohner fahren nur noch selten aus. Eines Morgens jedoch sind alle Autos verschwunden. Selbst der Opel Kadett der 89-jährigen Nachbarin im Erdgeschoss. Der Asphalt ist ganz hell an der Stelle, an der er jahrelang gestanden hat.

Ein Kran wird aufgestellt. Mitten im Hof. Und plötzlich wirkt das Wohnhaus winzig. Innerhalb von nur zwei Wochen sind drei Stiegen eingerüstet. Der Dachgeschossausbau beginnt. Und damit das Ende unserer Privatheit.

Den Bauarbeiten sind mehrere Gesprächstermine vorausgegangen. Mieterversammlungen in Anwesenheit von Architekten, Bauleiter, Hausbesitzer. Alle sprechen betont ruhig, langsam und besonnen. Bemühen sich, ein unaufgeregtes Gefühl zu vermitteln. Ein bisschen erinnern mich die Treffen an Gespräche mit den Ärzten meines Großvaters. Die Stimmung im Raum ist freundlich, sachlich, seriös. Jede Frage erlaubt. Die Antwort wird bei Bedarf auch in Form von Skizzen veranschaulicht. Emotionen möglichst ausgeblendet. Und doch ist allen Anwesenden klar: Es wird wehtun.

Man wirft sich gegenseitig ein Lächeln zu. Aufmunternd gemeint, aber leider missglückt. Wird schon schiefgehen. Und das tut es dann auch.

Nach einem halben Jahr geht die Baufirma in Konkurs. Abbau der alten Gerüste. Aufbau der neuen. Alles auf Anfang. Die Lage meiner Wohnung erschwert die Situation zusätzlich für mich. Sie befindet sich im obersten Stockwerk unserer Stiege. Nur wenige Zentimeter direkt unter der Dauerbaustelle.

Die Wohnung ist für mich nicht nur familiärer Rückzugsort. Sie ist wie bei vielen freien Autoren auch mein Arbeitsplatz. Anfangs versuche ich, möglichst konstruktiv mit der Baustelle über meinem Kopf umzugehen. Im Winter des ersten Jahres wird das Bohren, Hämmern und Stemmen zur Hintergrundmusik für Recherchen über die Stresssituation von Soldaten an der Front im Ersten Weltkrieg. Ideal, versuche ich mich selbst aufzumuntern, so kannst du dich wenigstens besser in die Menschen hineinversetzen, deren Berichte du liest.

Im Sommer trennt mich nur ein dünner Vorhang von den Arbeitern vor meinem Fenstern. Nachdem ich ihre Dialoge nicht ausblenden kann, beginne ich mitzuschreiben. Eine Szene für mein neues Drehbuch. Ein junger Mann prahlt darin vor Freunden mit seiner Eroberung der vergangenen Nacht. Originell, aber nicht gut gelogen. Sehr authentisch, lobt mein Regisseur.

Manchmal überschneiden sich Arbeitsauftrag und Alltagsleben. Als ich an einer Geschichte über Frauen-Zimmer im bürgerlichen Haushalt der Jahrhundertwende arbeite, muss ich wegen des Lärms in die Abstellkammer flüchten. Sie liegt im Innersten der Wohnung. Nur um dort zu lesen, dass die Boudoirs der Damen einst ebenfalls verborgen vor den Augen unerwarteter Besucher im Innersten der Wohnhäuser untergebracht waren. Und so verstecke ich mich selbst unfreiwillig, während ich lese, wie Frauen vor 100 Jahren gegen ihren Willen versteckt wurden.

In eben dieser Abstellkammer erfahre ich auch vom Tod des Großvaters. Den Blick auf eine Rolle grüner Abfallsäcke gerichtet, das Telefon fest ans Ohr gepresst. Um die Großmutter am anderen Ende wenigstens akustisch verstehen zu können.

Das ist das Schlimmste in diesen zwei Jahren. Der Verlust von Intimität.

Keine Stille, um Luft zu holen, einen Gedanken in Ruhe entwickeln zu können, durchzuatmen. Zu trauern. Stattdessen dröhnt der Lärm von allen Seiten, tost in den Ohren, bahnt sich den Weg in die Träume. Man wacht nicht auf, man schreckt aus dem Schlaf. Aufgeregt, der ganze Körper angespannt, als drohe Gefahr. Dabei ist es nur das allmorgendliche Knarren des Lifts vor dem Schlafzimmerfenster. Er bringt die Arbeiter nach oben. Spätestens um 6 Uhr 30 übertönt das Sägen, Schleifen und Polieren jeden Wecker.

Zu Beginn des zweiten Jahres der Bauarbeiten ist mein Galgenhumor Nervosität gewichen. Ich bin fahrig, angespannt, gereizt. Und nicht nur ich. Eine an sich unverbindlich freundliche Mietergemeinschaft ist zu einer Gruppe ängstlicher Nachbarn geworden. Die geringste Änderung im Terminplan führt zu lauten Debatten mit düsteren Prognosen die noch verbleibende Dauer der Arbeiten betreffend. Das wird nie wieder aufhören, seufzt dann die 89-jährige Nachbarin aus dem Erdgeschoss. Und manchmal glaub ich ihr.

Zum Lärm gesellen sich Wasserschäden und Schimmel. Durch einen Fehler regnet es an einem Samstagabend durch das offene Dach in die Baustelle. Das Wasser rinnt durch die Zimmerdecke direkt in unser Vorzimmer.

Der Boden trocknet schnell. Der Schaden wird behoben. Ein Entlüfter erledigt den Rest. Alle sind sehr freundlich. Die Arbeiter reumütig, die Hausverwaltung bemüht, die Baufirma kooperativ. Und trotzdem liegen meine Nerven langsam blank. Meine Ruh ist hin, mein Herz ist schwer. Das Gretchen-Zitat aus dem Faust. Mein Großvater hat es gerne verwendet, wenn er uns trösten wollte. Jetzt ist er schon ein Jahr tot und ich muss noch immer in die Abstellkammer gehen, wenn ich mich in Ruhe unterhalten will. Der Gedanke lässt mich plötzlich verzweifeln.

Wie schnell man das Gleichgewicht verliert.

Wie brüchig es doch um die innere Sicherheit bestellt ist.

Als Studentin wohne ich jahrelang in einem Substandard-Haus, in das mehrfach eingebrochen wird. Einmal sogar in die Nachbarwohnung. Es ist mir egal. Ich finde es sogar aufregend. Als nun während der Bauarbeiten das Schloss unseres Kellerabteils aufgebrochen wird, verliere ich die Fassung. Ich liege nachts lange wach. Meine Sinne spielen mir einen Streich nach dem anderen. Aus Regentropfen auf dem Baugerüst werden herannahende Schritte. Die Fantasien verselbstständigen sich. Alles wird zur Bedrohung.

Einmal will eine ältere Hausbewohnerin in der Nacht einen Mann mit Rucksack auf dem Gerüst gesehen haben. Waren zum besagten Zeitpunkt nicht wirklich seltsame Geräusche aus dem Hof zu hören? Ein andermal berichtet eine Mutter von der Nebenstiege, dass der Lärm ihre Kinder krank macht. Bin ich heuer nicht ebenfalls häufiger als sonst beim Arzt gewesen? Als der Allgemeinzustand zu fragil wird, flüchte ich. Zwei Wochen auf 1.500 Meter Höhe. Kaum Menschen, keine Autos, nur ein paar verirrte Kühe muhen in der Nacht. Nachdem ich angekommen bin, schlafe ich 14 Stunden durch.

Lärm macht dünnhäutig. Er zermürbt, verunsichert, übertönt die innere Stimme. Man ist ihm ausgeliefert, hilflos, denn selbst mit Ohropax spürt man ihn noch am ganzen Körper. Die Arbeiten an unserer Wohnanlage sollen bis Ende Dezember abgeschlossen sein. Der Kran wurde schon abgebaut. Auch das Gerüst vor unseren Fenstern ist verschwunden. Endlich wieder freie Sicht. Endlich mehr Helligkeit in diesen kurzen Tagen. Nicht nur die Maschinen verstummen langsam. Auch die innere Ruhe kehrt wieder zurück.