Von ehrlichen Lügnern und rationalen Dummköpfen

von Michael Fleischhacker / 25.03.2015

Robert Menasse, der sich zwischenzeitlich in seiner politischen Essayistik auf die Propagierung des josefinischen Spätmarxismus als Governance-Modell für die Europäische Union verlegt hat („Der Europäische Landbote“), hat 1999 ein sehr lustiges Buch veröffentlicht: „Dummheit ist machbar. Begleitende Essays zum Stillstand der Republik.“

Das war vor jener Wahl, die Viktor Klima dann in den Verhandlungen gegen Wolfgang Schüssel verloren hat. Menasse schildert darin ziemlich genau das, was wir derzeit in Östereich erleben, nur halt 16 Jahre vorher. Die Volksverblödungsfabrik Ö3 hat nichts an Effizienz eingebüßt, die sozialpartnerschaftliche Ästhetik dominiert nach wie vor das Bild. Alles ist zäh. Im Kanzleramt residiert ein Kanzlerdarsteller. Und ja: Dummheit ist noch immer machbar.

Die Sache mit der Dummheit ist übrigens nicht so einfach wie sie klingt. Es kann ja tatsächlich nicht sein, dass die Regierung, die wir haben, agiert, wie sie agiert, weil es sich dabei um eine Ansammlung intellektuell Herausgeforderter handelt.

Das Problem ist also nicht, dass die gewählten Repräsentanten im herkömmlichen Sinn dumm sind, denn das sind jedenfalls nicht alle. Das Problem ist, dass sie dumm agieren, und dieses Problem wird dadurch verschärft, dass dieses dumme Agieren letztlich rationales Verhalten darstellt.

Das Phänomen der Dummheit als rationales Verhalten ähnelt sehr stark dem Phänomen des ehrlichen Lügners: Es gibt Situationen, in denen der Druck, ein gewisses Verhalten an den Tag zu legen oder eine bestimmte Aussage zu treffen, so massiv ist, dass derjenige, der diesem Druck ausgesetzt ist, in der Sekunde absolut davon überzeugt ist, das Richtige zu tun oder die Wahrheit zu sagen, auch wenn eigentlich jedem, auch dem Akteur oder Sprecher, klar ist, dass es sich um eine Dummheit oder um eine Unwahrheit handelt.

Man muss sich diese Mechanismen gelegentlich vor Augen halten, um bei der Beobachtung des gegenwärtigen innenpolitischen Geschehens nicht zu oft von Auswanderungs- oder Suizidgedanken heimgesucht zu werden: Die Dummheiten, mit denen wir täglich konfrontiert werden, entsprechen rationalem Verhalten.

Herr Faymann, Herr Mitterlehner und all die anderen wissen (wahrscheinlich), dass das, was sie da tun, eigentlich nicht besonders schlau ist. Aber sie wollen in ihren Parteigremien und bei der nächsten Wahl überleben. Der Klientelismus und die sozialpartnerschaftlich-großkoalitionäre Mehltau-Schicht über der österreichischen Demokratie bringen naturgemäß ehrliche Lügner und rationale Dummköpfe hervor.

Matthäus Kattinger hofft, dass die bevorstehenden Beratungen im Hypo-Untersuchungsausschuss, die auf den niederschmetternden Ergebnissen von Rechnungshof und Griss-Kommission fußen, das Potenzial haben, diese Mechanik zu durchbrechen. Hoffen wir mit ihm.