Von einem der auszog, bei Facebook das Fürchten zu lernen

von Klaus Woltron / 03.03.2015

Nun geschah es, dass der Vater einmal zu ihm sprach: ,Hör du, in der Ecke dort, du wirst groß und stark, du musst auch etwas lernen, womit du dein Brot verdienst. Siehst du, wie dein Bruder sich Mühe gibt, aber an dir ist Hopfen und Malz verloren.‘ ,Ei, Vater‘, antwortete er, ,ich will gerne was lernen; ja, wenn’s anginge, so möchte ich lernen, dass mir gruselte; davon verstehe ich noch gar nichts. Ach, wenn es mir nur gruselte! Ach, wenn es mir nur gruselte!‘
Brüder Grimm: Märchen von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen

Noch bis vor kurzem zählte Fürchten und Gruseln nicht zu meinen Stärken. Die von vielen Narben überstandener Gefechte verstärkte Haut und das wohlerworbene Wissen, wie man die zweite Hälfte der Eskimorolle ausführt, um den Fluten wilder Gewässer jeglicher Provenienz zu entgehen, verschafft ruhigeres Blut. Aber seit ich mich in die Gilde der Poster eingereiht habe, ist das alles ganz anders geworden: Da lernte ich das Gruseln.

Die Lust an der Kommunikation

Warum eigentlich setzt sich ein Mensch an den Computer (oder ergreift das iPad) und kommuniziert mit Leuten, die er überhaupt nicht kennt? Was bewegt ihn dazu, intime, vertrauliche Fakten, Bilder, Geschichten, Ansichten an hunderte oder tausende virtuelle „Freunde“ zu senden? Sich für seine „Postings“ loben, beschimpfen, mit guten, schlechten oder (meistens) gar keinen Argumenten bombardieren zu lassen? Warum fühlt sich mancher in seinem Eifer dazu bemüßigt, jedem roten Tuch, das vor ihm geschwenkt wird, jeder noch so hirnrissigen Meldung oder Provokation beflissen argumentierend zu stellen?

Kommunikation

Kommunikation ist ein Grundprinzip des Lebens, sagen die Evolutionsbiologen und verweisen stolz auf die von ihnen entschlüsselte DNA, in welcher die Baupläne für Mäuse, Menschen und andere Erdbewohner in wunderschöner Spiralenform codiert sind. Andere wiederum deuten auf den Hahn, dessen Krähen sein Revier, die Herrschaft über die Schar der wackeren Kratzefüße und seine damit verbundene Potenz weithin verkündet. „Alles Leben ist Problemlösen“, fand Karl Popper und implizierte damit eine Art Dialog zwischen Aufgabe und dem oder den daran Rätselnden – bewusst oder unbewusst. Die Wissenschaft von der Sprache ist aufgrund ihrer vielfältigen Bedeutung für Gesellschaft, Politik – und auch Machtausübung – immer wichtiger geworden und beschäftigt Philosophen, Philologen, Presseleute, die Werbewelt, schlaue Demagogen und Autoren politischer Schriften gleichermaßen; mit sehr unterschiedlicher Motivation.

So weit treibt’s der Mensch in seinem Glauben an das Reden, dass er auch meint, die Berge, Seen oder Flüsse sprächen zu ihm – wenn er gerade kommunikativ und poetisch gestimmt ist.

Sprache

Die in Chiffren (Gesten, Laute, Bilder, Hieroglyphen, Buchstaben) gegossene Form der Informationsübertragung findet sich in embryonaler Form bereits bei höher entwickelten Tieren in Form von „be-deutenden“ Lauten und Gesten. Dem Menschen ist es vorbehalten, die Kommunikation vermittels der Sprache, der Schrift, des Buchdrucks und, in den letzten Jahrzehnten, der elektronischen Medien zur Perfektion gebracht zu haben.

In den letzten Jahrzehnten wurde es möglich, dass jeder Mensch mit buchstäblich jedem anderen auf der Welt in Verbindung treten kann – in Sekundenbruchteilen. Das ist wohl einer der größten Schritte, welche das Leben auf dem Gebiet der Informationsübertragung jemals zustande gebracht hat. Dementsprechend gewaltig wird seine Bedeutung sein; sie ist heute erst in ganz groben Umrissen sichtbar und wird das Schicksal der Menschen – im Guten und Bösen – maßgeblich beeinflussen.

E-Mail, Facebook, Twitter & Co.

Wer sich über eine Sache ernsthaft informieren will, muss sich ganz und vorbehaltlos in sie versenken. „Put your hand into the pie“ verlangte Percy Barnevik, mein letzter Chef (bis 1992) von seinen Vorstandschefs weltweit. Das habe ich im Falle von Facebook getan – und dabei das Gruseln gelernt.

Viel wurde schon gerätselt über die Motive des Surfens im Internet und die Psychologie des Postens auf Facebook und Twitter. Den typischen Poster gibt es, meiner mittlerweile gewonnen Erfahrung nach, nicht. Viele Menschen posten, um mit ihren wirklichen Freunden, ihrer Familie und den entfernten Verwandten in Verbindung zu bleiben – ein schätzenswertes und fruchtbares Motiv. Es gibt dann den virtuellen Jodler, der seine Befindlichkeit in die Gebirge und Täler des Netzes hinausschmettert; die Katzenfreundin mit dem täglichen Schnurrebild. Den tiefsinnigen Frager, der sein Lebensproblem vor der Schar seiner „Befriendeten“ ausbreitet. Den beseelten Beantworter, der täglich antwortet, ohne gefragt worden zu sein, aus einem inneren Druck des Gerade-ein-Problem-gelöst-Habens heraus. Letzterer fühlt sich auch bemüßigt, jegliches Thema, jede Meldung in der Presse, die an sein Gemüt streift, der gesamten Web-Öffentlichkeit zur Kenntnis zu bringen. (Einen gewissen Hang dazu hatte ich, aus gutem Grunde, auch – dazu mehr weiter unten.) Nicht vergessen sei der von einer – gefühlt – kosmischen Ungerechtigkeit, einer welterschütternden Sauerei Bewegte, der in abgerissenen, vom Furor der Entrüstung und inneren Bewegung durchschauerten Sätzen eine möglichst millionenfache Anhängerschaft zum Zwecke der Entfachung eines sogenannten Shitstorms zu gewinnen sucht. Dass eine solche Blähung im Meinungsgedärm in der Regel seinem Namen alle Ehre macht, wenn man den Faktengehalt dahinter untersucht, steht auf einem anderen Facebook-Blatt, das aber kein Mensch mehr aufschlägt, wenn der nächste Tag anbricht. Aufregung ist alles, der Grund – und auch die Wirkung – sind im Vergleich zum Gefühl, eine(r) von tausenden Ergriffenen und Erbosten zu sein, völlig nachrangig.

Form follows function, heißt es, wenn es in der realen Welt etwas zu strukturieren gibt. Im Falle des erwähnten Scheißsturms lautet die Devise: „The pure number makes the truth“ – das klassische Argumentum ad populum.

Poesie

Eine gewisse Erinnerung an das beliebte Poesiealbum wecken die Geburtstags- Gratulanten, treuherzigen Sinnspruch-Poster und gefühligen Zitierer von Weisheiten verstorbener Promis – von Marcus Aurelius Antoninus bis herauf zu Hans Moser.

Diesen Archetypen steht die anonyme Masse der Quengler, Kritikaster und Nörgler gegenüber, welche sich mit gallbitterer Gesinnung auf alles und jedes – Antwort, Frage, Hinweis und Katze – stürzen und ihren inhärenten Grant versprühen. Dies scheint besonderes Vergnügen zu bereiten, wenn es sich bei dem oder der Besprühten um eine sogenannte Person des öffentlichen Lebens, einen Politiker der viel geschmähten „Altparteien“ oder, im weltanschaulichen Gegenzug, der Gutmenschen, Weltrettungs-Grünen und sonstigen vom wohligen Hauch der Erd- und Glücks-Sehnsucht umfächelten Zeitgenossen handelt.

Ernüchternd ist eine Untersuchung, welche vor zwei Jahren angestellt wurde. Sie ergab, dass man aus den „Likes“ eines Facebook-Nutzers mit hoher Treffer-Wahrscheinlichkeit eine ganze Reihe von Informationen über eine Vielzahl von ganz persönlichen Eigenschaften einer Person automatisch und akkurat ableiten kann – über Geschlecht, Alter, Stand, finanzielle Lage bis hin zu Intelligenz und absonderlichen speziellen Vorlieben. Selbstverständlich daher, dass die Werbeindustrie diese Daten mit großem Appetit verwurstet und ihre Angebote auf den Sites der Nutzer speziell und ausgewählt platziert.

Ich fühle mich daher besonders geschmeichelt, wenn auffällig viele Prostata-, Potenz- und Vitaminpräparate am linken Rand meiner Site erscheinen – ich erwarte täglich, auch in den Genuss der letzten Entwicklungen zur Bekämpfung der Inkontinenz zu gelangen. Das Angebot von Alzheimer-Pillen wird wohl auch noch getestet werden, sollten weitere Postings meinerseits – entgegen meinen derzeitigen Absichten – dennoch erscheinen. Man weiß ja nie …

Facebook und Twitter als Diskussionsforen

Mein Interesse – abgesehen von einem kindischen Exhibitionismus, was Garten- und Imkertätigkeiten anlangt – galt in erster Linie der Erkundung der Meinung des Durchschnittsposters zu politischen und wirtschaftlichen Fragen, wie z.B. Ukraine-Krise, Griechenland-Problematik oder Kapitalismus-Syndrom. Zutraulich pflege ich durchaus wertvolles Insider-Wissen aus meinem Berufsleben, Ausschnitte aus Studien, die Jahre beanspruchten, Wochenend-Fleißaufgaben zwecks Beschaffung von Hintergrundinformationen etc. als Diskussionsthemen ins Netz zu stellen. Was aber geschieht dann?

Das Glaubens-Paradoxon

Dann geschieht etwas vollkommen Unglaubliches: Zum einen gibt es eine große Zahl von begeistert, aber unreflektiert, Zustimmenden:

„Bravo! Endlich sagt es einer!“

„Wunderbar! Der Schleier der Lügenpresse wird zerrissen!“

 „Endlich! Die Wahrheit siegt!“

Das tut gut, bringt mich, was die Sammlung weiterer Argumente anlangt, aber nicht wirklich weiter.

Die zweite große Gruppe, angeführt von einigen wenigen Apologeten, ergeht sich in wildem Widerspruch oder weitschweifigen ideologischen Exkursen auf über- oder unterirdischen Metaebenen – als ob ich eine Religion verkündete, welche mit deren Glauben zusammenstieße.

Ganz selten, und oft sarkastisch, bringt ein versprengter Bruder oder Antagonist im Geiste wirklich gute Argumente dafür oder dawider. Jene aber muss man wie die Stecknadel im Heuhaufen suchen, ihre sachlich fundierten Beiträge verschwinden im Wust des „Hosianna!“ oder „Crucifige!“.

Nach einem guten Jahr der Rundum-Verteidigung gegen die Adepten unverrückbarer Überzeugungen, Anhänger längst verfestigter Anschauungen – ob rechts oder links, autoritär oder sanft, untergriffig oder nachsichtig, gleisnerisch-hinterhältig oder offen-bieder, bin ich zu folgender Schlussfolgerung gelangt:

Eine öffentliche Diskussion in einem Forum wie z.B. Facebook führt zu keiner Lösung irgendeiner grundsätzlichen ethischen, politischen oder ökonomischen Frage. Es werden zwar eine ganze Reihe von meist vorgefassten oder übernommenen Anschauungen und Meinungen eingebracht. Versucht man aber, wie das ein wissenschaftlich Geschulter und an Handeln nach Nachdenken gewöhnter Mensch gewöhnt ist – wozu er ja eigentlich gezwungen ist – eine Synthese vorzulegen, stößt man auf wütende Ablehnung von allen Seiten. Die Beitragenden erweisen sich in der überwiegenden Mehrzahl als uneinsichtige Ideologen oder Adepten von Ideologen – ganz wenige Beispiel ausgenommen. Sie sind außerstande, sich zu einem „Ent-Schluss“ außerhalb ihres liebgewordenen Paradigmas durchzuringen. Dass man selbst nicht frei von derartigen Fehlern ist, versteht sich. Man versucht sie aber wenigstens, so gut es geht, zu erkennen.

Paradigmenwechsel

Der Irrglaube von der faktischen Wirksamkeit kollektiver Intelligenz

Unter der Voraussetzung, dass Facebook & Co., mit weit über einer Milliarde Nutzer, einigermaßen repräsentativ für die Allgemeinheit sei (und nur dann) muss man den Schluss ziehen, dass Schwarmintelligenz zwar der Sammlung von Argumenten und der Auseinandersetzung über diese zugute kommt, nicht aber der klaren Definition von umsetzbaren Plänen und Handlungsanleitungen im Schwarm. Diese sind immer das Werk von Einzelnen, bestenfalls einer ganz kleinen Gruppe.

Daraus wiederum folgt, dass eine auch noch so große Menge an Individuen nicht in der Lage ist, der Entschlossenheit eines Einzelnen, der die Schwächen der Masse: Starrköpfigkeit einzelner, Desinformiert-Sein, Uneinsichtigkeit, Uneinigkeit, innere Kämpfe, Weitschweifigkeit, Indoktrinierbarkeit, Eitelkeit, Mangel an Entschlusskraft etc. ausnützt – wirksam entgegenzutreten.

Während Millionen Individuen in endlosen Disputen und Wortgefechten, Petitionen, Meinungsfindungs-Kränzchen, Debattierklubs – von NGOs über Clubs: Rome bis Vienna – verharren, handeln kühle Machtzentralen – nach ausgiebiger Manipulation der vorher Erwähnten – in ihrem ureigenen Interesse.

Das Gruseln

Nachdem ich mir nunmehr eingestehen muss, mich eher lächerlich gemacht zu machen, indem ich mich in die Riege der ohnmächtig und selbstgefällig Labernden einreihte, gebe ich freimütig zu, das Gruseln gelernt zu haben. Es besteht, einfach gesagt, in folgender Erkenntnis:

  • Die überwiegende Anzahl von Entscheidungen, welche den Gang der Geschichte maßgeblich beeinflussen, ist von der Meinung und der Zielsetzung, von der Herstellung allgemeinen Wohlbefindens der Mehrzahl der Menschen völlig unabhängig.

  • Der Glaube daran, dass demokratische Entscheidungen über Grundsatzfragen der Gesellschaft die Bestrebungen des Volkes in die Tat umsetzen, ist heutzutage offensichtlich irrig.
    Wer als Person wirklich etwas bewegen und effizient seine Ansichten durchsetzen will, muss sich jenen Zirkeln anschließen und sie beeinflussen, welche die Macht über Geld, Information, Meinung und Manipulation der Massen hat, oder solche neu bilden.
    Das sind nicht allerdings nicht jene, die auf Facebook und Twitter posten. Diese glauben nur, es zu sein. Man belässt sich gerne in diesem Glauben. Es beruhigt sie in ihren Träumen.

Seitdem ich mir dessen bewusst wurde, habe ich das Gruseln gelernt. Ausgiebig.

Da kippte das Kammermädchen einen Kübel mit Grundlingen über dem unglücklich Furchtlosen aus. Und da endlich, als die kalten Fische auf ihm zappeln: Ach was gruselt mir, was gruselt mir! liebe Frau, ja nun weiß ich was Gruseln ist.