Von einer Milliarde auf 15 Millionen: Über das Risiko im Start-up-Geschäft

von Elisabeth Oberndorfer / 06.03.2015

Start-ups sprechen gerne über ihre Erfolge, aber kaum über das Scheitern. Das hohe Risiko ist jedoch die Natur des Geschäfts. Die Investoren nehmen das in Kauf, trotzdem braucht die Gründerszene mehr Mut. 

„Uns geht bald das Budget aus. Wahnsinn, wie schnell das Geld verbrannt wird.“ In einem Bio-Café in Berlin-Mitte gönnt sich ein Gründer eine Pause vom Meeting mit dem Entwicklerteam. Das Unternehmen ist erst vor einem Jahr gestartet, doch vom Startkapital ist nicht mehr viel übrig. Fast eine halbe Million Euro hat das junge Unternehmen bisher an Seedfinanzierung erhalten. Weil das jetzt fast aufgebraucht ist, beginnt bald die Suche nach weiteren Kapitalgebern. „Bis zu einer Million“, soll es bei der nächsten Finanzierungsrunde werden.

Kapital verbrannt

New York, am gleichen Tag: Unternehmer Jason Goldberg gibt bekannt, dass sein E-Commerce-Portal Fab an den Investor PCH International verkauft wird. Auch in Berlin sorgt diese Nachricht für leichte Aufregung. Der Online-Shop hatte auch in der deutschen Metropole eine Dependance. 2011 gegründet, begann die Fassade des hippen Design-Ladens vor zwei Jahren zu bröckeln. Im Juli 2013 verabschiedete sich Fab von 100 Mitarbeitern in Berlin. Dabei hatte das Start-up erst einen Monat zuvor eine Finanzierung in Höhe von 150 Millionen US-Dollar erhalten.

Für Fab ging es fortan nur noch bergab. Eine übereilige Expansion scheint dem Online-Händler das Genick gebrochen zu haben. Pro Monat soll das E-Commerce-Start-up 14 Millionen Dollar pro Monat ausgegeben haben. CEO Goldberg verkleinerte die Belegschaft stetig und machte sich aktiv auf die Suche nach einem Käufer. Den hat er jetzt gefunden. PCH übernimmt das übrig gebliebene Kernteam – 35 Personen – und will die Plattform als Vertriebskanal für Hardware einsetzen. 15 Millionen US-Dollar soll dem neuen Eigentümer der Deal wert gewesen sein: sieben Millionen in Cash, acht Millionen in Aktien. Für die Fab-Investoren ein Trauerspiel. Denn zu Spitzenzeiten wurde der Online-Shop mit einer Milliarde Dollar bewertet.

Jason Goldbergs Design-Shop Fab war einst eine Milliarde US-Dollar wert. Jetzt wagt der Gründer mit dem Verkauf von Möbeln einen Neustart.

Milliarden-Exits sorgen für Goldgräber-Stimmung

Start-ups leben großteils von Risikokapital. Das wird bei dem Hype um die Gründerszene in Europa gerne vergessen. Milliarden-Exits wie die des Messaging-Dienstes WhatsApp oder der Virtual Reality-Schmiede Oculus VR schaffen Goldgräber-Stimmung in der Branche und beleben auch die österreichische Szene. Doch über Start-ups, die auf die Nase fallen und das Geld, das dabei verpulvert wird, ist wenig zu lesen. Einer der wenigen, der offen über sein Scheitern spricht, ist der oberösterreichische Unternehmer Michael Eisler. Mit seiner Software-Lösung Wappwolf wollte er im Silicon Valley durchstarten, gab nach einem Jahr und hoher Eigenfinanzierung jedoch auf. Das Scheitern beschrieb er ausführlich in einem persönlichen Beitrag. Heute kümmert Eisler sich wieder um neue Geschäfte in seiner Heimat.

Österreich schwärmt von der Kultur des Scheiterns in den USA, doch kaum einer will wirklich öffentlich darüber sprechen. Fab-Gründer Goldberg hat in der Start-up-Szene nicht mehr den besten Ruf, dennoch erklärte auch er das Ende seines Unternehmens umfassend. Mit dem Spin-off Hem wagt der New Yorker einen Neuanfang.

58 Millionen Euro Spielgeld

Den Venture-Capital-Firmen ist das Risiko in der Technologiebranche bewusst. Deshalb war es hierzulande in der Vergangenheit auch so schwer, Kapital für Jungunternehmer aufzutreiben. Die Österreicher meiden das Risiko und stecken ihr Geld lieber in Immobilien. Doch jetzt ist auch hier ein Umdenken zu erkennen. Immerhin hat Speedinvest für seinen zweiten VC-Fonds gerade 58 Millionen Euro gesammelt. Beim ersten Fonds im Jahr 2011 hat Manager Oliver Holle mit seinen Partnern nur zehn Millionen Euro geholt. An dem neuen Geldtopf für Start-ups aus der CEE-Region haben sich laut Speedinvest rund 90 Investoren beteiligt, darunter Industriegrößen wie die Heinzel Group und Gebrüder Weiss.

Mit dem Kapitalschub wird die heimische Gründerszene ein bisschen erwachsen. Und doch fehlt es noch an Mut zum Risiko und Scheitern. Zu oft fallen nur Worthülsen, anstatt Fehler einzugestehen und Zweifel zu äußern. Erfolge, Exits und Kapitalspritzen werden gefeiert, doch eine Milliarden-Idee kann in kurzer Zeit nur mehr einen Bruchteil davon wert sein. Das zeigt das Beispiel von Fab, aber auch die jungen Stimmen, die noch am Anfang ihrer Unternehmensgründung stehen.