Von Kopfjägern und Ehrenmännern

von Matthäus Kattinger / 12.03.2015

Die Art und Weise, wie im Vorjahr in kongenialem Zusammenspiel von Politik und Medien zur Jagd auf OMV-Generaldirektor Gerhard Roiss geblasen wurde, erinnerte an die unsäglichen englischen Fuchsjagden. Mit großem Tamtam gelang der nach Blut lechzenden Meute, das Opfer zu domestizieren, ihm Ketten anzulegen und quasi als Auslaufmodell zur Schau zu stellen. Zum Schaden des Unternehmens muss sich seither Roiss der anglo-amerikanischen Finanz-Community als „Lame Duck“ vorführen lassen.

Spätestens mit heurigem Juni soll der unsägliche Countdown ablaufen. Doch seit einigen Wochen ist zwar nicht alles anders, aber es wird relativiert. So fragen selbst einige jener Medien, die sich in der Kopfjagd im Vorjahr besonders aggressiv hervortaten, ob es nicht klüger wäre, Roiss doch noch länger im Amt zu belassen. Jedenfalls bis Auslaufen seines Vertrags Mitte 2016. Späte Einsicht, gar schlechtes Gewissen über die so hemmungslos ausgelebte Lust im Rudel? Oder bloß die Witterung einer neuen Spur?

Vielleicht schon nächsten Mittwoch, spätestens aber nach der OMV-Hauptversammlung im Juni werden wir wissen, ob sich die so klägliche österreichische Brutalo-Farce in ein politisches Rührstück oder gar in eine griechische Tragödie auswachsen wird. Die Versatzstücke für ein großes Griechen-Drama à la Orest oder Medea sind gegeben: Da wird ein zum Tyrannen Gemachter zum Abschuss freigegeben, doch der von der Intriganten-Zunft politischer Halbgötter zum Tyrannenmord Auserkorene wird ebenfalls zum Opfer. Wie es weitergeht, darüber darf wieder gerätselt werden. Zumal der Karren so verfahren ist, dass es kaum eine wirklich überzeugende Lösung geben kann.

Allerdings sollten sich jene, die entweder als Aufsichtsräte oder als Eigentümervertreter über die OMV-Führung richten wollen und sollen, noch einmal überlegen, was sie Herrn Roiss eigentlich genau vorwerfen. Der Wechsel in der Strategie von Downstream auf Upstream kann es ja nicht sein (auch wenn man natürlich über den Preis der Zukäufe in der Nordsee diskutieren kann) – außerdem ist der Strategiewechsel von allen Instanzen abgesegnet worden, ja teilweise haben sich diese in Aussendungen sogar der erfolgreichen Weichenstellung gerühmt.

Selbiges gilt für Gas. Auch das war keinesfalls ein Alleingang von Herrn Roiss. Dass sich die Rahmenbedingungen aufgrund höchst populistischer Kehrtwendungen (Deutsche Energiewende nach Fukushima) ändern können, dafür kann man dem OMV-General kaum allein die Schuld geben. Im Übrigen wage ich gar nicht daran zu denken, was wäre, wäre es zu der von der Politik forcierten Gaskraftwerke-getriebenen Fusion von OMV und Verbund gekommen. Da stünden wir heute wohl vor einem Desaster à la Hypo.

Der ruppige Führungsstil von Herrn Roiss ist zwar kein Ruhmesblatt, doch dieser kann ja nicht der Grund für die Jagd auf seine Person sein. Denn in Österreichs Chefetagen ist Herr Roiss damit längst nicht allein. Bleibt als Hauptangriffspunkt, dass sich Roiss mehrmals gegen den Wunsch des Syndikatspartners IPIC zur Wehr setzte, die gewinnträchtige Petrochemie-Tochter Borealis ganz an die Investmentgesellschaft von Abu Dhabi zu verkaufen. Seither drängt die IPIC geradezu auf die Ablöse des ihr so ungenehmen OMV-Chefs.

Ein kleines Gedankenspiel: Wie laut hätte denn die Roiss-Jagdgesellschaft aufgeschrien, wären OMV und ÖIAG dem Wunsch des Partners aus Abu Dhabi nachgekommen und hätten Borealis (die ehemalige Petrochemie Danubia), den größten Kunststoffhersteller Österreichs, verkauft? „Ausverkauf des Tafelsilbers“ wäre wohl der geringste Vorwurf gewesen.

Wie immer die Affäre um den Vertrag von OMV-Generaldirektor Gerhard Roiss ausgehen wird, es bleibt ein Schandstück für Politik, ÖIAG und auch Österreichs Medien.

Dunkel- oder Ehrenmänner

Apropos Schandstück: Wer erinnert sich noch an die völlig einseitige mediale Darstellung der entscheidenden ÖIAG-Aufsichtsratssitzung zum Abschluss des Syndikatsvertrages mit America Móvil in Sachen Telekom Austria am 23. April 2014? Da musste der damalige Noch-ÖIAG-Aufsichtsratschef Peter Mitterbauer (wie auch Aufsichtsrat Matthias Winkler) spätabends aus Israel eingeflogen werden, um die Beschlussfähigkeit zu sichern. Aufgrund dessen wurden Mitterbauer und ÖIAG mit Häme bedacht, wurde ihnen in harschen Worten vorgeworfen, die Sitzung dilettantisch vorbereitet zu haben und anderes mehr.

In einem Interview für das Industriemagazin (Ausgabe März 2015) hat Mitterbauer nun ausführlich dargelegt, wie es wirklich zur vermeintlich „dilettantischen Vorbereitung“ gekommen ist. Mitterbauer schildert darin, was er alles getan habe, um die Beschlussfähigkeit trotz der angekündigten Abwesenheit dreier anderer Aufsichtsräte bzw. seiner selbst zu sichern.

Ich hatte die persönliche Zusage der Belegschaftsvertretung, dass sie an dem Termin anwesend sein werde. Das hat mir Herr Köstinger, der Betriebsratsvorsitzende der Post AG, in die Hand versprochen. Und dann kam um fünf Uhr in der Früh ein SMS an ÖIAG-Chef Rudolf Kemler, dass sämtliche fünf Belegschaftsvertreter der Aufsichtsratssitzung fernbleiben würden. Es hat da offensichtlich eine lange nächtliche Sitzung von Gewerkschaft, Arbeiterkammerdirektoren, Belegschaftsvertretern und Parteiverantwortlichen gegeben, in der ganz am Ende der Boykott angeordnet wurde. Für mich war dies ein Wortbruch, wie ich ihn bis heute noch nicht erlebt habe.

Wenn Herrn Mitterbauer „dilettantische Vorbereitung“ vorzuwerfen ist, dann wohl nur insofern, als er darauf vertraute, dass der Handschlag eines Belegschaftsvertreters so etwas wie das Bekenntnis eines Ehrenmannes ist. Wenn man Herrn Mitterbauer überhaupt etwas ankreiden kann, dann ist es eine gewisse Blauäugigkeit, darauf zu vertrauen, dass ein Belegschaftsvertreter wirklich wie ein Vertreter der Belegschaft handelt und nicht wie ein an der langen Leine von Gewerkschaft und Arbeiterkammer geführter Befehlsempfänger und Privilegien-Wahrer. Denn Köstinger & Co. sind nun mal willfährige Polit-Marionetten im österreichischen Kammern- und Gewerkschaftsstaat.