Vorstadt, vaterlos

von Barbara Kaufmann / 06.02.2015

Das Haus, in dem ich aufgewachsen bin, hat zwei Stockwerke. Innen verwinkelt, ist die äußere Freundlichkeit von einst durch die Jahre schroff geworden und abweisend. Rücksichtslos hat sich der Efeu vom Balkon aus seinen Weg gebahnt und seine dünnen Äste ziehen sich bis unter den Dachgiebel. Im Sommer ein schönes, dichtes Dunkelgrün, das sich gut mit dem Dünkel der Hausbesitzer verträgt. Jetzt im Winter jedoch ein hellbraunes, unschönes Geflecht. Ein Fremdkörper in der pastellfarbenen Wohngegend. Naserümpfend gehen die Nachbarn vorbei.

Viertel
Viertel

Das Haus steht in einem Außenbezirk, nicht Stadt, nicht Land. Nur eine Busstation. Kinderwägen, Garagen, die Straßen autofrei. Der einzige Supermarkt hat schon lange geschlossen. Ein IT-Unternehmen mit neongrüner Fassade bietet stattdessen seine Dienste an. Der Parkplatz davor bleibt jedoch leer. Nur die vergessene Telefonzelle am Eck leuchtet in der Nacht mit dem Firmenschild um die Wette. Wenn abends der Wind vom See her durch die leeren Straßen zieht und seine wütenden Reden hält, klappern die Türen im Rhythmus der Böen zum Applaus. Hier, wo niemals etwas passiert.

Hie und da hört man einen absterbender Motor, manchmal Kinder schreien, eine Frau telefonieren. Einsilbig. Ihre müde Stimme verliert sich in den schattigen Häuserfluchten mit den Radständern und den Altpapiercontainern. Von meinem Fenster aus hat man einen guten Überblick. Das Kinderzimmer liegt ganz oben, direkt unter dem Dach. Du in deinem Krähennest. Ich kann noch den Spott in der Stimme meines Vaters hören, scharf und trotzdem sanft. Wie oft bin ich am Fenster gesessen und hab nachts nach seinem Auto Ausschau gehalten, hinter mir das Foto von Ingeborg Bachmann an der Wand. Darunter steht in krakeligen Buchstaben: Man müßte überhaupt ein Fremder sein, um einen Ort wie Klagenfurt länger als eine Stunde erträglich zu finden, oder immer hier leben. Damals bin ich 14. Ich hätte meine Handschrift nicht wiedererkannt.

Teenage Riot – Pathos. Direkt über den Kisten voll mit meiner Kindheit. Ungeöffnet stehen sie im Eck neben dem Plattenspieler. Eilig zusammengepackt gleich nach der Matura, aber nie abgeholt. Tom-Waits-Alben stapeln sich darüber. I hope that I don’t fall in love with you. Cause fallin’ in love just makes me blueBesser unglücklich verliebt als gar nicht. Stundenlang auf der Couch liegen. Eng ans Selbstmitleid geschmiegt. Leb dich nicht so schwer, hat mein Vater dann zu mir gesagt. Und gelacht.

Die letzten zwei Jahre verbringt er in Heimen, Krankenzimmern, auf der Geriatrie. Ein langsames Sterben. Seine Stirn ist feucht und kalt, wenn ich sie küsse. An der Sauerstoffmaske stoße ich mir die Nase.

Vor drei Wochen ist er gestorben.

Zwischen Tod und Begräbnis ist viel zu tun, zu kopieren und abzuheften. Verwandte anzurufen, die Totenrede zu schreiben. Zwei DIN-A4-Seiten, Arial, 12-Punkt-Schrift. Zwei Tage brauche ich dafür.

Am Tag danach kommt langsam das Erlebte der letzten zwei Jahre in mir hoch. Die Bilder von Menschen im Heim und in der Geriatrie. Ihr Kontrollverlust, der Speichel im Essen, der Geruch nach Kampfer und Urin. Ihr Wunsch zu flüchten. Nach Hause in die Häuser, die ihnen nicht mehr gehören. Zu den Kindern, die sie nicht mehr bei sich haben wollen. Der glasige Blick meines Vaters, der durch mich durchgeht, ohne zu fixieren. Er grüßt mich, er erkennt mich nicht. Seine Augen sind feucht. Als trauere er um sich selbst. Altern in Würde steht in der Heimbroschüre. Ich weiß den Bildern nichts entgegenzusetzen. Das ist also das Ende. Da hilft keine Pastorin, kein Konfirmationsdienst, kein Bibelkreis. Da ist nichts Mythisches mehr, wenn der Körper verfällt.

Ich trinke mehr als mir guttut. Ich rauche wieder. Ich mache die Nächte durch. Ich höre laut Musik, bis die Nachbarn an die Wand klopfen. Wenn der, der dich im Geiste stets ermahnt hat, nicht mehr da ist und auch nicht mehr wiederkommt, kannst du schließlich tun, was du willst. Teenage-Todestrotz mit 36.

Das Taxi biegt in unsere Straße. Vorbei am menschenleeren Parkplatz vor dem IT-Unternehmen mit der neongrünen Fassade und der Telefonzelle. Als ich wegfahre, klappern die Türen im Wind. Ein letzter Blick auf das Haus, in dem ich aufgewachsen bin. Braun kräuselt sich der Efeu um mein Kinderzimmerfenster. Die Kisten mit meiner Kindheit hab ich dagelassen. Vielleicht komm ich wieder.