Warum Alexis Tsipras in Wien einen „neuen Freund“ gefunden hat

von Michael Fleischhacker / 09.02.2015

Die reisediplomatischen Anstrengungen, die der neue griechische Ministerpräsident Alexis Tsipras im Vorfeld des Eurogruppen-Treffens (Mittwoch) und des EU-Rates (Donnerstag) auf sich nimmt, werden in der Sache – Kommt es zum Schuldenschnitt? Wird das Rettungsprogramm beidseitig für beendet erklärt? Kommt es gar zum „Grexit“? – wenig bringen. Sollen sie auch nicht. Was der griechische Spitzenrepräsentant derzeit veranstaltet, ist die Fortsetzung des Wahlkampfs mit den Mitteln der Regierungsmacht.

Es muss einen also auch nicht wundern, dass Alexis Tsipras in Wien, wo eine von unterschiedlichen SPÖ-Organisationen aufgebotene Unterstützergruppe der weißen Hölle trotzte, davon sprach, im österreichischen Bundeskanzler einen „neuen Freund“ gefunden zu haben. Tsipras bezog das gewiss nicht auf gemeinsame inhaltliche Positionen, denn die Voraussetzung für gemeinsame Positionen ist nun einmal das Vorhandensein einer Position – was wiederum ein Vorwurf ist, den man dem österreichischen Regierungschef nicht machen sollte.

Nein, was die beiden verbindet, ist, dass es sie nur im Wahlkampfmodus gibt. Bei Alexis Tsipras ist das wenig überraschend: Der griechische Wahlkampf ist nicht lange vorbei und der griechische Poker gegen EZB und Eurogruppe hat deutlich mehr von einer Wahlkampfsituation, in der es um die Formulierung von Maximalpositionen geht, als von politischem Alltag. Außerdem hat der Mann Charisma und es ist vermutlich nicht leicht, das, was einen gerade zum großen Erfolg geführt hat, jetzt zu verstecken und den gewieften Kabinettspolitiker zu geben.

Charisma wiederum gehört nicht zu den großen Belastungen, von denen Werner Faymann geplagt wird. Im Fall des österreichischen Kanzlers geht es eher darum, dass ihn der Alltag nicht wirklich interessiert. Also absolviert er die vermehrten Interviews mit Zeitungen und Radiosendern prinzipiell im Wahlkampfmodus. Nicht zufällig wurde ja auch die Frage der inhaltlichen Ausgestaltung einer allfälligen Steuerreform von Beginn an als „überlebensnotwendig“ für die Koalition ausgeschildert: Der Alles-oder-nichts-Modus ist für Faymann zum Normalfall geworden, seit er weiß, dass er sich die Alles-Variante kaufen kann.

Mal sehen, ob er seinem neuen Freund den einen oder anderen Tipp geben konnte.