Warum Christoph M. Wieland heute in Österreich so unerwünscht wäre wie zu Zeiten Maria Theresias

von Matthäus Kattinger / 11.04.2015

Er bildete mit Goethe, Schiller und Herder die vier Weimarer Titanen, auch wenn ihn die Literaturgeschichte mit Klopstock und Lessing zu den Vorklassikern zählt. Auf jeden Fall wird Dichterfürst Christoph Martin Wieland (1733–1813) heute weit unter Wert gehandelt. Wenn schon, dann kennt man ihn bestenfalls noch als Übersetzer von Shakespeare, vielleicht auch noch von Homer. Dem aussterbenden Bildungsbürgertum bzw. jenen, die noch Widerstand gegen die Demontage des einstigen Literaturkanons durch sogenannte Bildungsexperten leisten, ist er auch noch als Autor des ersten großen Bildungs- und Entwicklungsromans („Geschichte des Agathon“) ein Begriff, wie auch als Herausgeber und spitzfindiger Kommentator des „Teutschen Merkur“.

Wieland war schon Prinzenerzieher in Weimar, als Goethe 1775 von Wielands Schützling Herzog Carl August für Weimar angeworben wurde. Wiewohl Wieland eigentlich in Wien hätte landen sollen. Maria Theresia und Joseph II. wollten eine Akademie der Wissenschaften errichten und Deutschlands vorzüglichste Geister nach Wien locken. Bei Lessing war das Angebot offensichtlich zu unbestimmt, Wieland wieder hätte sich vom fürstlichen Gehalt locken lassen, doch standen ihm letztlich Bekenntnis und vor allem sein Ruf im Wege. Einen Protestanten ins Epizentrum der Gegenreformation zu berufen, das war letztlich undenkbar, zudem galt Wieland nicht nur als Aufklärer von Voltaires Zuschnitt, sondern auch als moralisch freizügiger, ja erotischer Schriftsteller.

Nach der Absage Wiens nahm Wieland das noch etwas aufgebesserte Angebot von Kurfürstin Anna Amalia samt Zusage einer lebenslangen Rente (nach bloß drei Jahren Prinzenerziehung) an. Was sich als glückliche Fügung erweisen sollte. Es war nicht zuletzt Wielands Verdienst, dass Carl August zu jenem liberalen, weltoffenen und kunstsinnigen Regenten reifen konnte, der die Weimarer Klassik erst möglich machen sollte.

Als Schriftsteller ist Wieland vor allem durch stark vom Hellenismus beeinflusste Romane und Erzählungen bekannt. Doch war er nicht nur ein glänzender Erzähler, sondern er wird nicht zu Unrecht als einer der Ahnherren des politischen Journalismus geführt. Als Herausgeber des „Teutschen Merkur“ (auf das T legte er besonderen Wert) schuf er ein Diskussionsorgan, in dem über Sprache und Literatur genauso wie über Religion und Politik geschrieben wurde. Eine Eigenheit Wielands bestand darin, die Beiträge anderer direkt im Anschluss zu kommentieren. In den „Gesprächen unter vier Augen“ etwa entwickelte er Vorstellungen über den idealen Staat, über die beste Staatsform, aber auch über die Aufgaben des Schriftstellers.

Im Briefroman „Aristipp und einige seiner Zeitgenossen“ (1800) lässt Wieland den als Lehrer der Philosophie in Athen und Ägina tätigen Sokratiker Aristipp zum aufgeklärten Humanisten und Kosmopoliten reifen. Im Nachgang der Französischen Revolution denkt Aristipp in Brief 43 des ersten Buchs (an den Korinther Learchus) über die ideale Regierungsform nach. Auch wenn Aristipp/Wieland schwant, dass die vermeintlich ideale Republik „in spätestens 30 Jahren den Söhnen ihrer Verfertiger wenigstens ebenso viel zu schaffen machen werde als die vorige ihren Vätern“.
Aristipps Begründung ist 2015 noch genauso gültig wie sie im Jahr 1800 von Wieland niedergeschrieben wurde: „Alle bürgerlichen [aus heutigem Verständnis wohl „demokratischen“] Gesellschaften haben den unheilbaren Radikalfehler, dass sie, weil sie sich nicht selbst regieren können, von Menschen regiert werden müssen, die es größtenteils ebenso wenig können. Man kann unsere Regierer nicht oft genug daran erinnern, dass bürgerliche Gesetze nur ein sehr unvollkommenes und unzulängliches Surrogat für den Mangel guter Sitten sind; und jede Regierung, ihre Form sei noch so künstlich ausgesonnen, nur eine schwache Stellvertreterin der Vernunft ist, die in jedem Menschen regieren sollte. Was hieraus unmittelbar folgt, ist: Man könne nicht ernstlich genug daran arbeiten, die Menschen vernünftig und sittig zu machen. Aber wie die Machthaber davon zu überzeugen, oder vielmehr dahin zu bringen wären, die Wege, die zu diesem Ziel führen, ernstlich einzuschlagen? Dieses ist noch immer das große ungelöste Problem. Wie kann man ihnen zumuten, dass sie mit Ernst und Eifer daran arbeiten sollen, sich selbst überflüssig zu machen?“

Von zeitloser Aktualität ist auch Wielands 1785 im Teutschen Merkur verfasster Aufsatz „Über die Rechte und Pflichten der Schriftsteller, in Absicht ihrer Nachrichten und Urteile über Nationen, Regierungen und andere öffentliche Gegenstände“. Bei der Lektüre dieser 17 Grundsätze beschleicht einen etwa angesichts der Versuche von Rot und Schwarz, die Hypo-Aufarbeitung im Untersuchungsausschuss so weit wie möglich zu erschweren bzw. zu formalisieren, das Gefühl, noch immer oder schon wieder im falschen Jahrhundert zu leben. Wieland nimmt einige Jahre vor der Französischen Revolution die die Meinungsfreiheit betreffenden Passagen der Menschenrechte vorweg.

Unsere Kanzler-servilen Haus- und Hofschreiber in KRONE, HEUTE und ÖSTERREICH müssten eigentlich vor Scham erröten, wenn Wieland etwa in Punkt XV formuliert:

Regenten, die von ihrer Würde und von ihrem Amte die gehörige Empfindung haben, verachten Schmeicheleien und Lobredner, und wissen, dass wer das Herz hat, ihnen unangenehme Wahrheiten zu sagen, es gewiss ehrlich mit ihnen meint.

Im Punkt X heißt es folgerichtig, „dass sich niemand beleidigt halten kann, wenn man ihn … schildert, wie er ist“. Und im Punkt IX nennt Wieland es für einen Schriftsteller vollkommen berechtigt, „von dem Volke, über welches er uns seine Beobachtungen mitteilt, alles zu sagen, was er gesehen hat, Gutes und Böses, Rühmliches und Tadelhaftes. Mit ungetreuen Gemälden, welche nur die schöne Seite darstellen, und die fehlerhafte entweder ganz verdunkeln oder gar durch schmeichlerische Verschönerung verfälschen, ist der Welt nicht gedient.“

Wieland konnte ja nicht ahnen, dass es dereinst in Wien einen Kanzler geben würde, der ohne jeden Genierer, ja ohne jedes Unrechtsbewusstsein, die öffentliche Meinung mit Steuergeldern kauft, und das betrogene Volk samt der Korruptionsstaatsanwaltschaft mehr oder weniger achselzuckend zusieht und es über sich ergehen lässt.

Gerade bei der Lektüre seiner staats- und gesellschaftspolitischen Aufsätze drängt sich einem gelegentlich das beklemmende Gefühl auf, wie viele Dezennien bzw. Zeitenbrüche Wieland voraus wäre, lebte er heute.

So wie der Aufklärer Wieland vor 240 Jahren dem Kaiserhof zu gefährlich war, so ist er selbst heute noch moderner als das Politikverständnis von großen Teilen der Regierung und manchen Medien. Umso betrüblicher ist es daher, dass Wielands Gesamtwerk heute nur schwer zugänglich ist. Es gibt keine aktuelle Werkausgabe. Bei Suhrkamp sind 1986/88 Werke in Einzelausgaben (12 Bände) erschienen. Die letzte komplette Ausgabe ist der im Jahr 1984 von der „Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur“ (Reemtsma-Stiftung) aufgelegte Reprint der 36-bändigen Leipziger Göschen-Ausgabe von 1797.

Der 1984er-Reprint der Göschen-Gesamtausgabe der Werke Wielands kann via Internet über den Zentralverband Antiquarischer Bücher – durchaus preiswert – erstanden werden. Doch auch im Projekt Gutenberg sind alle wichtigen Werke Wielands komplett zu lesen. Der Verlag Walter de Gruyter arbeitet an einer kommentierten Gesamtausgabe (nach Wielands Domizil und Grabstätte Oßmannstedter Ausgabe benannt), doch ist man noch nicht sehr weit. Bleibt nur zu hoffen, dass dafür die Münchner Ausgabe der Werke Goethes als qualitative Benchmark gilt – entweder in der Hanser-Hardcover- oder der 40-bändigen Taschenbuch-Dünndruck-Ausgabe bei btb Random House.