Warum Sebastian Kurz mich zur Feministin macht

von Elisabeth Oberndorfer / 11.05.2015

Der Außenminister mischt in der Start-up-Szene mit, sieht aber keinen Bedarf für gezielte Frauenförderung. Damit sind wir auf dem besten Weg zu einem Start-up-Ökosystem ohne Frauen. 

„Selfies mit Sebastian Kurz“ ist spätestens seit dem Aufritt des Außenministers beim Pioneers-Festival eine heimliche Disziplin in der Wiener Start-up-Szene. Warum ausgerechnet er sich auf die heimischen Gründer stürzt, und nicht etwa das Wirtschafts- oder sogar das Wissenschaftsministerium, man weiß es nicht. Kurz ist halt einer von ihnen: Ende 20, männlich, gesundes Ego. Es gibt fürs Image einiges her – sowohl für den Minister als auch für die Start-up-Lobby, die sich mittlerweile gerne für die Politik hergibt.

Silicon-Valley-Handbuch auswendig gelernt

Zumindest vergangene Woche hatte Kurz’ Start-up-Connection eine Daseinsberechtigung: 22 „Player“ der österreichischen Gründerszene durften ihn auf eine Kurzreise ins Silicon Valley begleiten. Kurz schob die Bekämpfung von Terrorismus und die Rolle der Tech-Riesen dabei als Hauptmotivation in den Vordergrund. Brav aus dem Silicon Valley-Handbuch auswendig gelernt, betonte er außerdem mehrmals, wie sehr Österreich sich das Scheitern von den US-Start-ups abschauen könne. Viel mehr wurde der Außenminister zur Kultur in Nordkalifornien wohl nicht gebrieft. Denn auf die Frage, ob es auch Pläne zur Förderung von Frauen in Start-ups gebe, wimmelte Kurz ab: Es brauche keine Schwerpunktsetzung, „sondern ich glaube, dass Frauen wie Männer berufene Unternehmensgründerinnen und -gründer sein können“.

Start-up-Events als „Sausage Fest“

Das können sie. Sehr sogar. Was Kurz als junger, weißer Mann offenbar übersehen hat, ist, dass nicht alle Bevölkerungsgruppen von der Gesellschaft und Wirtschaft die gleichen Chancen bekommen. Dass Frauen noch immer in vielen Bereichen benachteiligt sind, spiegelt sich im österreichischen Start-up-Report wider: Von der heimischen Community sind nur zwölf Prozent weiblich.

Außenminister Sebastian Kurz nahm 22 Player der Start-up-Szene mit nach Silicon Valley, der Großteil natürlich männlich.

Es gibt einen Grund, warum Start-up-Events als „Sausage Fest“ bezeichnet werden. Selfies mit 20 Männern (und zwei Frauen irgendwo dazwischen) verstärken das Bild des Boys Club nur noch mehr. Doch die „Player“ und der Außenminister sehen das anscheinend nicht, weil sie nicht dafür sensibilisiert sind. Läuft doch alles rund, alle haben sich lieb. Mehr Co-Working-Spaces und Rahmenbedingungen für Risikokapitalfinanzierungen zu schaffen, sind die wichtigsten Anliegen der Jungunternehmer.

Ein Start-up-Ökosystem ohne Frauen

Kurz’ Ignoranz bei der Diversität ist beschämend. Würde er sich wirklich für die Innovationskultur im Silicon Valley interessieren, so wüsste er, dass Diversität ein heißes Thema ist. Natürlich läuft auch hier längst nicht alles perfekt ab, doch die USA gehen vorsichtiger damit um. Nie würde ein Stakeholder sagen, dass Frauen nicht gefördert werden müssen. Das Thema ist einfach zu heiß, als sich zu so einer Aussage hinreißen zu lassen. Das weiß der Außenminister offenbar nach seinem dreitägigen Aufenthalt nicht.

Das mangelnde Bewusstsein ist zwar frustrierend, aber es dient letztendlich zur Motivation. Denn wenn die Politik mit diversen Förderprogrammen Millionen in die Tech-Wirtschaft steckt und sich dann solche Aussagen leistet, braucht es lautere Gegenstimmen. Ich lasse mich ungern von Definitionen einschränken, aber nach dem Auftreten von Sebastian Kurz bin ich gerne Feministin. Ein österreichisches Start-up-Ökosystem, ohne dabei die Frauen stärker einzubeziehen? Nein, danke. Wir brauchen mehr Feminismus in dieser jungen Kultur. Weil die Start-up-Szene einfach noch zu unreif ist, um die Gefahr zu erkennen. Der Minister und seine Anhänger können gerne einen Crashkurs machen.

Und dann tasten wir uns ganz langsam an weitere Aspekte der Vielfalt heran. Denn wie viele Menschen mit Migrationshintergrund oder Behinderungen in Start-ups zu finden sind, steht noch weniger zur Diskussion als die Frauen. Von den Millionen, die die Politik und Wirtschaft jetzt in das „Gründerland“ stecken will, könnten ja ein paar Euro auch dorthin fließen.