Warum soll man Kunden bestrafen?

von Michael Fleischhacker / 16.05.2015

Kann man den Werbepartner einer Schwerpunkt-Reihe zum redaktionellen Interview bitten? Diese Frage stellen sich Michael Fleischhacker und Barbara Kaufmann. Sie haben da unterschiedliche Sichtweisen.

Derzeit beschäftigen wir uns in unserem Phänomen „Wien ist anders“ relativ intensiv mit der Frage, wie angemessene Beziehungen zwischen Medien und ihren Inserenten aussehen.

Unangemessen finden wir zum Beispiel, dass gemeinsame Fotos von Stadträten mit Hunden oder Wohnungsschlüsseln im redaktionellen Teil sehr sichtbar mit dem Anzeigenvolumen der Wienerstadt im jeweiligen Medium korrelieren. Unangemessen finden wir – auch der Gesetzgeber sieht das übrigens so –, dass Werbebotschaften in redaktioneller Gestalt daherkommen, obwohl oder weil für die entsprechenden Inhalte Geld geflossen ist.

Vor kurzem erhielten wir die Gelegenheit, diese Fragen anhand des eigenen Produkts zu diskutieren. Wir hatten vor, im Zuge der redaktionellen Berichterstattung zu einem Thema einen Spitzenrepräsentanten eines jener Unternehmen zu interviewen, die zum fraglichen Zeitpunkt „Tagespräsenzen“ (so heißt das Werbeformat, das man auf NZZ.at buchen kann) gebucht hatten. Und zwar im Wege eines Gegengeschäfts, das es NZZ.at erlauben sollte, bei den Kunden dieses Werbepartners um Abos zu werben.

Als diese Kooperation bekannt wurde, entschieden sich die Kolleginnen und Kollegen, die an dem Phänomen arbeiteten, gegen das geplante Interview. Man könne doch nicht einen Vertreter jenes Unternehmens interviewen, mit dem man gerade ein Gegengeschäft am Laufen habe.

Doch, kann man, lautete und lautet mein Einwand: Es ist zwar ausgeschlossen und unter Androhung von Redaktionskerker nicht unter drei Jahren verboten, jemanden nur deswegen zu interviewen, weil sein Unternehmen derzeit Geschäfte mit unserem Unternehmen macht. Aber müsste es nicht auch ausgeschlossen sein, jemanden, dessen Auskunft für die Qualität einer Geschichte entscheidend ist, der möglicherweise sogar die einzige kompetente Auskunftsperson ist, nur deshalb NICHT zu interviewen, weil er auch ein Kunde des Unternehmens ist?

Der Anstand verbietet es uns, jemanden wichtiger zu nehmen als er ist, nur weil er ein Geschäft mit uns macht. Derselbe Anstand sollte uns aber auch verbieten, jemanden weniger wichtig zu nehmen, als er ist, nur weil er ein Geschäft mit uns macht. Es geht nicht an, jemanden redaktionell dafür zu belohnen, dass er kommerziell kooperiert. Aber warum sollte man jemanden redaktionell dafür bestrafen, dass er kommerziell kooperiert?

Das Ergebnis unserer Diskussion? Der Vertreter des Unternehmens, mit dem wir die Kooperation eingegangen waren, wurde nicht interviewt. Warum ich nicht darauf bestanden habe? Weil es selbst dann nicht angemessen ist, Journalisten zum Handeln gegen ihre inneren Überzeugungen zu zwingen, wenn man davon überzeugt ist, dass die Begründungen für diese Überzeugungen nicht überzeugend sind.