Warum Twitter-Chef Dick Costolo um seinen Job fürchtet – zu Recht

von Elisabeth Oberndorfer / 05.02.2015

Seit dem Börsendebüt im November 2013 lebt Twitter öffentlich seine Selbstfindung aus. Dabei hätte die Kommerzialisierung des Nischenmediums schon viel früher beginnen müssen. Das weiß auch CEO Dick Costolo und muss deshalb vielleicht bald gehen.

Twitter befindet sich diese Woche im Rechtfertigungsmodus. Kein Wunder, denn am Donnerstag präsentiert das Unternehmen seine Quartalsergebnisse. In den Tagen davor versucht der acht Jahre alte Social-Media-Dienst naturgemäß die Kritik, die von Investoren kommen wird, vorzeitig abzufedern.

Rückendeckung für den Twitter-CEO

Zum einen ist da Twitter-Mitgründer Jack Dorsey, dessen Payment-Startup Square sich nebenbei bemerkt auch in der Krise befindet. Dorsey verteidigte am Wochenende in 17 Tweets den CEO und die Microblogging-Plattform selbst. Twitter sei das, was am ehesten an ein globales Gewissen herankomme. Und Costolo habe dieses Vorhaben von Anfang an unterstützt und Monetarisierungswege gefunden. Investoren wünschen sich bereits den Abgang des CEO, weil dieser es nicht geschafft haben soll, das Unternehmen erfolgreich an die Börse zu bringen.

Während der Geschäftsführer Rückendeckung bekommt, nimmt er sich auch selbst in die Verantwortung. Am Mittwoch gelang ein internes Memo an die Öffentlichkeit, in dem er zu den Trollen und virtuellen Attacken unter Nutzern Stellung nimmt. Man verliere täglich User, weil dieses Problem nicht unter Kontrolle gebracht wird. In einem Folgemail informierte Costolo seine Mitarbeiter, dass er persönlich Verantwortung für dieses Scheitern übernehme.

Präventive Entschuldigung: Kurz vor dem nächsten Quartalsbericht taucht ein internes Memo auf, in dem Twitter-CEO Dick Costolo persönlich die Verantwortung für Fehler übernimmt. (Bild: Twitter)
Präventive Entschuldigung: Kurz vor dem nächsten Quartalsbericht taucht ein internes Memo auf, in dem Twitter-CEO Dick Costolo persönlich die Verantwortung für Fehler übernimmt. (Bild: Twitter)
Präventive Entschuldigung: Kurz vor dem nächsten Quartalsbericht taucht ein internes Memo auf, in dem Twitter-CEO Dick Costolo persönlich die Verantwortung für Fehler übernimmt. (Bild: Twitter)

Zwischen Promi-Klatsch und Medienblase

Das größte Verhängnis – das auch Investoren schlaflose Nächte bereitet, ist jedoch die Qualität, die Jack Dorsey in seinem Tweet erwähnt hat. Das Portal spielte in den vergangenen Jahren bei politischen Ereignissen und Revolutionen eine wichtige Rolle. Im täglichen Leben bleibt Twitter jedoch ein Nischenmedium. In den USA sind Promis aller Klassen eine wichtiger Publikumsmagnet für die Social-Media-Plattform. Viele Anhänger nutzen die App jedoch nicht selbst, sondern lesen von den Fotos und Läster-Tweets, die ihre Stars posten, lieber in Klatschmagazinen.

Hinzu kommt die Medien-Elite, die Twitter besonders im deutschsprachigen Raum zu einer Blase macht, an der durchschnittliche Bürger nicht interessiert sind. Sowohl die Medien- als auch die Technologiebranche überschätzt die Relevanz des Dienstes in der Gesellschaft. Im dritten Quartal meldete das Unternehmen 284 Millionen monatlich aktive Nutzer. Zum Vergleich: Facebook verzeichnet 1,39 Milliarden aktive Nutzer im Monat.

Tweets in Echtzeit bei Google

Twitter versucht alles, um mit seinem Service eine breite Masse zu bedienen. Für Neueinsteiger stellt das Portal seit dieser Woche eine Timeline mit Nutzern zusammen, die den Anfänger interessieren könnten. Vielversprechend ist auch die Nachricht, dass Google in Zukunft wieder Tweets in die Suchergebnisse aufnimmt. Berichten zufolge erlaubt Twitter der Suchmaschine den automatisierten Zugriff auf Daten, damit die Beiträge direkt nach der Veröffentlichung auffindbar sein können. Die Zusammenarbeit ist nicht neu, allerdings entschied sich Twitter vor vier Jahren für eine Trennung, um mehr Kontrolle über die Inhalte zu haben. Der Deal garantiert dem Social-Media-Portal jedenfalls große Sichtbarkeit außerhalb der Nische. Zudem verlängert das werbefinanzierte Unternehmen seine Promoted-Tweets-Kampagnen künftig in externe Dienste wie die Magazin-App Flipboard.

All diese Nachrichten sollen Investoren und Analysten in die optimistische Stimmung für den Quartalsbericht am Donnerstabend bringen. Die dauernde Rechtfertigung lässt jedenfalls die Fortsetzung der bisherigen Entwicklung erahnen: stagnierendes Wachstum und enttäuschende Nutzungszahlen. Twitters Bemühungen kommen allerdings spät. Die Microblogging-Plattform hätte schon viel früher damit beginnen sollen, sich auf den großen Verbrauchermarkt zu konzentrieren und nicht bei kleinen Nischen einzuschmeicheln. Facebook hat schon lange vor dem Börsendebüt vom Social Network für College-Studenten zur Startseite für alle Generationen entwickelt.

Evolution verpasst

Auch jüngere Dienste überholen Twitter bei dieser Evolution. Die Messaging-App Snapchat setzt nicht mehr nur auf vergängliche Fotos und Videos, sondern lässt sich von Medienhäusern mit eigens produzierten News-Beiträgen beliefern. Das Startup will durch ein umfangreiches Angebot die junge Zielgruppe an sich binden. Twitter hingegen liefert kaum etwas, das der Internetnutzer nicht woanders findet oder später auf einem anderen Portal nachlesen kann.

Anstatt sich zu entschuldigen, sollte CEO Dick Costolo schnell das Ruder umdrehen, sonst ist sein Abgang tatsächlich gerechtfertigt. Immerhin könnte er dann wieder in seine vorige Karriere einsteigen: Vor seinen Erfolgen in der Technologiebranche war er als Stand-up-Comedian in Chicago unterwegs.