Was Europa von der Jugend trennt

von Elisabeth Gamperl / 21.11.2014

Die Jugendarbeitslosigkeit war in Europa noch nie so hoch wie derzeit. Im Haus der Europäischen Union Wien wurde deswegen über „Europas verlorene Generation“ diskutiert – und daran vorbeigeredet. 

Seit sieben Jahren herrscht Krise. Sieben Jahre, die vor allem ein Loch in die Zukunftspläne der Jungen fressen. 5,5 Millionen Jugendliche sind in der Europäischen Union ohne Arbeit. In den Krisenländern Spanien und Griechenland ist etwa jeder zweite Jugendliche arbeitslos oder jobbt unter prekären Bedingungen.

EU-Jugendarbeitslosigkeit von 2003 bis 2013
EU-Jugendarbeitslosigkeit von 2003 bis 2013

Die Europäische Kommission versucht das zu überwinden; sie tagt und gipfelt immer wieder dazu. Doch inwieweit die Mächtigen an der Jugend vorbeiregieren, bewies die Diskussion „Europas verlorene Generation“ des Sozialministeriums am Donnerstagabend im Haus der Europäischen Union in Wien. Vertreter der Jugend und Politik saßen am Podium und diskutierten „Herausforderungen für die Jugend“, so die Veranstaltungsbeschreibung.

Neben der EU-Abgeordneten Evelyn Regner (SPÖ) und Ulrike Rebhandl vom Sozialministerium saßen der „Bildungskritiker“ Andreas Salcher, Sascha Ernszt, Bundesjugendvorsitzender vom Österreichischen Gewerkschaftsbund und Herbert Rohrmair-Lewis als Vertreter der Jungen Wirtschaft am Podium. Die Abschlussworte der rot dominierten Veranstaltung sprach Sozialminister Rudolf Hundstorfer. Zu der Diskussion war weder ein junger Mensch in einer prekären Arbeitssituation noch eine Person, die aufgrund der Krise nach Österreich ausgewandert ist, eingeladen.

Die fehlenden Akteure führten auch zu dem verblendeten Grundtenor des Abends: Welche Krise? In Österreich ist doch alles paletti.

Dabei stehen die Jungen auch in Österreich nicht gut da. Rund 44.000 16- bis 25-Jährige waren im Oktober laut AMS ohne Job, das sind um knapp 2.200 mehr als noch vor einem Jahr. Darüber hinaus leidet Österreich unter massiven Braindrain. Auch wenn das an Salcher vorbeigegangen sein dürfte, der gebetsmühlenartig erklärte, dass Bildung die Lösung aller Probleme sei. Schließlich würden hochqualifizierte Menschen „weniger oft krank werden“ und auch sonst ein „erfüllteres Leben“ führen.
Er vergisst dabei, dass die Zahl der abwandernden Hochqualifizierten jene der Zu- oder Rückwanderer seit Jahren um bis zu 10.000 Personen pro Jahr übertrifft. Und dass vor allem Hochqualifizierte in befristeten Arbeitsverhältnissen leben.

Der Bundesvorsitzende der Jungen Wirtschaft, Herbert Rohrmair-Lewis, hat davon noch nie etwas gehört. „Viele Junge arbeiten freiwillig selbstständig“, sagte der Besitzer einer Werbeagentur und fügte kurze Zeit später hinzu: „Ich kenne auch niemanden in schlecht bezahlten Praktika.“ Dagegen sprechen wieder die Zahlen. Knapp 40 Prozent der Praktika sind der Studiensozialerhebung 2011 zufolge unbezahlt, bei Pflichtpraktika, die während des Studiums zu erfüllen sind, sind es sogar fast 60 Prozent.

Regner: „Mobilität ist eine billige Antwort“

Die sozialdemokratische EU-Parlamentarierin Evelyn Regner versuchte, in die sehr Österreich-zentrierte Veranstaltung doch noch einen Hauch Europa zu bringen und erzählte von Erfolgsgeschichten, die es ja gäbe. In der südspanischen Region Murcia etwa läuft ein EU-Pilotprojekt, das junge Menschen in den Arbeitsmarkt integriert. Keine leichte Aufgabe, liegt die Schulabbrecher-Quote in der Region doch bei 35,5 Prozent, drei Viertel der 16- bis 19-Jährigen haben keinen Job, bei den 20- bis 24-Jährigen ist es fast jeder zweite. Junge Menschen werden in Murcia intensiv betreut, erhalten Fortbildungen und Motivationsseminare. Auch örtliche Unternehmen und die öffentlichen Arbeitsämter werden eingebunden, damit die Jungen schnellstmöglich auf eigenen Beinen stehen.

Insgesamt 120 Spanierinnen und Spanier zwischen 16 und 24 Jahren werden derzeit unterstützt. „Das mag nach wenigen klingen“, sagte Regner, „aber für die EU-Kommission ist es ein Erfolg.“ Derzeit laufen 18 Projekte dieser Art in sieben Ländern. Regner räumte aber ein: „Jugendarbeitslosigkeit wird in Europa falsch angegangen.“ Anstatt mehr in Projekte zu investieren, verlange man von den Jungen, dort hinzugehen, wo es Arbeit gebe. „Die EU setzt zu sehr auf Mobilität, das ist aber eine billige Antwort.“

Außerdem sprach Regner die Jobgarantie an, die 2013 beim EU-Jugendgipfel in Berlin von der Kommission eingeführt wurde. Erklärtes Ziel: allen unter-25-Jährigen innerhalb von vier Monaten nach Abschluss ihrer Ausbildung oder nachdem sie arbeitslos geworden sind, ein konkretes und qualitativ hochwertiges Angebot zu machen. Sechs Milliarden Euro werden den Budgets der EU-Länder zugeschossen, um jungen Menschen eine Arbeitsstelle, einen Ausbildungsplatz, ein Praktikum oder eine Fortbildung anbieten zu können. Inwieweit es die einzelnen Länder umsetzen, ist noch nicht absehbar. Ein Jahr nach dem Beschluss haben bislang nur wenige Länder förderungsfähige Projekte vorgelegt. „Gemessen an den hunderten Milliarden Euro an Zahlungen für die Rettung von Banken ist die Investition in die Jugendgarantie ein Tropfen auf den heißen Stein“, sagte Regner.

Nach der Diskussion gab es für das Publikum keine Möglichkeit, Fragen zu stellen. Stattdessen lud das EU-Haus in der Wipplingerstraße zum Snack – ohne Alkohol. Schließlich waren ja auch ein paar Junge anwesend.