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Was soll jetzt aus Deutschland werden?

Meinung / von Michael Fleischhacker / 11.11.2015

Helmut Schmidt ist tot. Und wäre man auf die Auskünfte angewiesen, die der polit-mediale Komplex des deutschen Sprachraums einem zur Verfügung stellt, müsste man sich ernsthafte Sorgen um den Fortbestand der Bundesrepublik machen.

Mitten in der Flüchtlingskrise geht der Steuermann von Bord, der Allesversteher und Immerauskunftgeber. Was nun?

Haben wir mit dieser ironischen Frage die Grenze zur Pietätlosigkeit schon überschritten? Schließt das alte Prinzip „de mortuis nil nisi bene“, demzufolge man über Verstorbene nur Gutes zu sagen hätte, auch diejenigen ein, die sich dem Verwichenen symbiotisch an den Rockzipfel (will sagen: an den Zigarettenstummel) geheftet haben, sei es aus Gründen des Geschäfts, der Bewunderung, der Erbauung oder auch der moralischen Verbesserung?
Nachruf auf Helmut Schmidt: Weitsichtig als Politiker, als Ökonom gescheitert

Je geringer man die amtierenden Verantwortungsträger schätzt, umso stärker übertreibt man bei der Verherrlichung der Verstorbenen.

Das rechte Maß an Ehrerbietung gegenüber verstorbenen Größen des öffentlichen Lebens und in Sonderheit des polit-medialen Komplexes ist schwer einzugrenzen. Was sich wohl sagen lässt, ist: Je geringer man die amtierenden Verantwortungsträger schätzt, umso stärker übertreibt man bei der Verherrlichung der verstorbenen.

Am Ende muss es ohnehin jeder halten, wie er glaubt, sagt mir ein Freund, dem ich mein Unbehagen über den öffentlichen Schmidt-Erinnerungs-Wettbewerb beichte. Na das sowieso, wende ich ein, aber wenn es jeder für sich hält, wie er glaubt, halten es öffentlich alle einheitlich, und ist das wirklich gut?

Soll man Größe an Gegnern messen – oder an der Verehrung seiner Nutznießer?

Als vor wenigen Monaten Gerd Bacher, der ehemalige und ewige Generalintendant des ORF gestorben war, geriet ich eine schwierige Situation: Ich hielt und halte ihn für einen österreichischen Giganten des 20. Jahrhunderts und habe mich deshalb über das Übermaß an öffentlicher Anerkennung persönlich sehr gefreut. Dennoch fand eine zweite Stimme in mir das Staats-Requiem im Stephansdom auf irgendeine Weise unangemessen.

Damals erschienen einige Geschichten, in denen auf Bachers autoritären Stil, seine nationalsozialistische Jugend und etliches andere hingewiesen wurde, was erklärt, warum dieser Mann nicht nur Freunde hatte, sondern auch viele Gegner, die gute Gründe hatten, seine Gegner zu sein. Und ist es nicht so, dass man die Größe eines Menschen an der Größe seiner Gegner messen sollte, nicht an der unterwürfigen Verehrung seiner Nutznießer, die sich gern Freunde nennen?

Ich halte Helmut Schmidt für einen dickköpfigen Spießer und Rechthaber, der alles immer besser verstehen will als andere und einen ewig belehrt.

Mir kommt dabei der nächste Gigant in den Sinn, auch schon tot. Fritz J. Raddatz, Verlagsmanager, „Zeit“-Feuilletonchef, Romancier, Spötter, Stilfetischist. In einem Interview mit Willi Winkler vor ungefähr fünf Jahren in der Süddeutschen Zeitung sagte er über Helmut Schmidt. „Ich halte Helmut Schmidt für einen dickköpfigen Spießer und Rechthaber, der – ganz gleich ob von der Orgel, von der Backsteingotik oder von Barlach – alles immer besser verstehen will als andere und einen ewig belehrt. Das geht mir bei ihm sehr auf den Keks.“ Und er erzählt eine schöne Episode aus der „Zeit“-Redaktionskonferenz: „Er hat mal gesagt: ,Immer nur Peymann und Zadek, warum denn nicht mal Boy Gobert oder das Ohnsorg-Theater?’ Da war ich hochmütig und habe gesagt: ,Herr Schmidt, es mag sein, dass Sie was vom Dollarkurs verstehen oder vom Ölpreis, davon verstehe ich nichts, Disagio verwechsle ich immer mit Adagio. Aber überlassen Sie mir bitte das Feuilleton!’“

Ein paar Jahre später im Gespräch mit der FAS war er weniger gnädig: „Ich verehre ihn nicht nur nicht, ich verachte ihn. Schmidt ist ein Bescheidenheitsprotz, der öffentlich Erbsensuppe predigt und heimlich Subventionswein trinkt. Will sagen: Dieser an Geschwätz-Diarrhoe leidende Ersatz-Hindenburg benutzt den Apparat des Bundeskanzleramtes, immerhin steuerbezahlte Leute, als seien sie seine persönlichen Domestiken. Nach einer internationalen Konferenz wurde von ihm jüngst der Satz „Rollt mich hier raus.“ kolportiert, mit dem er seine Bodyguards anherrschte, als seien sie sein privater Pflegedienst. Das sind sie aber nicht. Warum nimmt er sich das also heraus? Ist er was Besseres als die anderen? Nein. Er ist ein gescheiterter Politiker und ein Angestellter eines Zeitungsverlages. Nichts anderes. Es ist also eine Frage des moralischen Stils.“

Ist er was Besseres als die anderen? Nein. Er ist ein gescheiterter Politiker und ein Angestellter eines Zeitungsverlages. Nichts anderes.

Raddatz hat das zu Schmidts Lebzeiten gesagt. Hätte er jetzt, nach Schmidts Tod, auch seinen braven Beitrag zur gesamtdeutschen Hagiographie geleistet? Hätte er den vaterländischen Buchstabenkondukt durch etwas milden Spott gestört? Hätte er sich verbeten, dass seine frühere, zu Lebzeiten geäußerte Kritik jetzt hervorgekramt wird?

Keine Ahnung. Ich habe es ja auch nicht getan, um Helmut Schmidt schlecht aussehen zu lassen. Als er vom Politiker zum Angestellten eines Zeitungsverlages wurde, hatte ich noch nicht einmal Latein in der Schule. Ich möchte ihn nur – ungebeten, ich weiß – davor bewahren, dass ihn das Lob der Verwertungsgesellschaft, die sich als Trauergemeinde vorstellt, kleiner erscheinen lässt, als ihn sogar seine größten Kritiker gern gesehen hätten.