Weihnachtliche Buchstabenfrömmler

von Michael Fleischhacker / 29.12.2014

Wenn ich in 30 Jahren meinen Enkeln erklären werde, was das denn eigentlich genau gewesen ist, ein „Nachrichtenmagazin“, werde ich sagen: Das waren die Dinger, die 51 Wochen lang jeden Menschen, der regelmäßig eine Kirche besucht oder sich gar als „gläubig“ bezeichnen würde, im günstigsten Fall als Weltfremdling, im Normalfall als Spinner und im ungünstigen Fall als potenziellen Amokläufer darstellen, um in Woche 52 die Titelseite mit dem Kitschbild eines bärtigen Herrn über den Wolken zu bestreiten.

Die ungekrönten Könige der Buchstabenfrömmler sind die Kollegen vom „Spiegel“. Diesjähriger Titel: „Die Geburt Gottes“. Vorspann: „Liegt die Heimat Gottes in Saudi-Arabien? Begann er seine Karriere als Götze auf einem Vulkan? Ruinenfunde erlauben eine neue Analyse der Bibel – und damit der wahren Geschichte Israels: Demnach war König David ein Räuberhauptmann.“ Auf die Ruinenfunde, die mir in 30 Jahren erlauben werden, meinen Enkeln die Geschichte des „Spiegel“ ganz neu zu präsentieren, bin ich jetzt schon gespannt.

 

„Cicero“ geht es optisch ein wenig zwangsorigineller an: Auf dem Cover die Überarbeitung einer Jesus-Darstellung zum Joint-rauchenden Hippie mit „Mom“-Tattoo und lila Stirnband (Die Kollegen schreiben auf ihrer Website stolz, das Bild habe „die Fachpresse“ überzeugt. Das glaub’ ich gern.). Drin der Versuch, aus zwei halben Aufregern eine ganze Geschichte zu machen: „Volxbibel“-Erfinder Martin Dreyer erzählt unter dem Titel „Happy Birthday, Alter“ allen dreien, die es noch nicht wissen, was für ein cooler Partytiger der Alte war. Klaus Berger, der Protestant, der nie aufgehört hat, Katholik zu sein, wendet sich gegen die „liberalen Christusforscher“.

 

Da lobt man sich den „Economist“, der seine Reproduktion von Gentile da Fabrianos „Die Anbetung der Könige“ wenigstens durch ein Schwein, ein „Underground“-Schild, George Washington, Tony Blair und einen Truthahn aufpeppt. Den wirklichen Liberalen erkennt man seit jeher daran, dass er die Bigotterie nicht braucht, um zur Verhöhnung vorzudringen.