Goran Basic

Die wilde Geschichte der Neuen Zürcher Zeitung

Wie die Zensur zu überlisten war

von Marc Tribelhorn / 25.12.2015

Die NZZ ist schon 235 Jahre alt und hat in ihrer Geschichte einiges erlebt: Revolutionen, Kriege und Konflikte, bizarre Modeströmungen und Wundermaschinen. Jetzt ist ein Buch darüber erschienen: Urs Hafners „Subversion im Satz“ – Geschichte der wilden Gründungsjahre der Neuen Zürcher Zeitung.

Sie kamen, um aufzuklären – über geistige Verengung, obrigkeitliche Willkür, religiöse Disziplinierung sowie Scharlatanerie. Die ersten Redaktoren der 1780 gegründeten Zürcher Zeitung (der beim „Relaunch“ von 1821 das „Neue“ vorangestellt wurde) waren junge Gelehrte, Literaten und Freigeister aus dem süddeutschen Raum, die es sich mit dem Adel und dem Klerus in der Heimat gehörig verscherzt hatten und ihr berufliches Heil im reformierten Zürich suchten. Im vermeintlichen „Athen an der Limmat“ glaubten sie ihre Freiheiten ausleben zu können, mit der Kraft des Wortes zu wirken und über die Weiten der Welt zu berichten. Doch in der Zwinglistadt ging es in der frühen Neuzeit weniger ungezwungen zu als gedacht. Die Zensur war „unertreglich scharff“, wie es der Zeitgenosse Pestalozzi formulierte; Machtkritik hatte einen hohen Preis. Johann Kaspar Riesbeck, Johann Michael Armbruster, Peter Philipp Wolf und Franz Xaver Bronner, die das Blatt nacheinander von 1780 bis 1798 verantworteten, mussten auf ihrer publizistischen Mission subtil vorgehen, vor allem aber brauchten sie Mut und Rückgrat.

Zweimal wöchentlich

Der Historiker Urs Hafner schildert nun in einem so erhellenden wie kurzweiligen Buch, wie die „zornigen jungen Männer“ mit Lust, List und rebellischer Energie ans Werk gingen – und in turbulenten Zeiten begannen, den modernen Journalismus zu modellieren.

Gegründet vom Dichter und Maler Salomon Gessner und herausgegeben vom wichtigsten Verlag der Deutschschweizer Aufklärung, Orell, Gessner & Co., erschien die Zürcher Zeitung zweimal die Woche mit je vier Seiten Umfang und in einer beachtlichen Auflage von 1.500 Exemplaren. Zwei Spalten eng gedrängter Buchstaben, keine Bilder außer dem Postreiter auf dem Titelkopf: Im Vergleich zu heutigen Medienerzeugnissen war das Blatt eine Bleiwüste, die jedoch erstaunlich Erfrischendes offenbarte. Die Leser trafen auf ein Panoptikum der „Weltbegebenheiten“. Die ersten vier Redaktoren des Blattes übersetzten, kompilierten und redigierten Nachrichten aus ausländischen Zeitungen oder von Berichterstattern, die an den Höfen und in den Handels- und Hauptstädten Europas lebten. Ein weitverzweigtes Postwesen mit Pferdestafetten sorgte für stetigen Informationsfluss, Quellenkritik gab es indes noch kaum.

Publiziert wurden Beiträge über Revolten und Revolutionen, Kriege und Konflikte, hohe Würdenträger, Verbrechen, bizarre Modeströmungen wie den Mesmerismus, neue Wundermaschinen oder frivole und im puritanischen Zürich verbotene Theateraufführungen und Bücher. Auch die klingenden Namen jener Jahre wie Diderot, Kant oder Voltaire fanden in den Spalten Erwähnung. Der Maßstab der Berichterstattung war von Anfang an global: Überseehandel, Sklaverei und Exotismus hinterließen in der Zürcher Zeitung ihre Spuren und zeugen von der frühen Verflechtung der Schweiz mit der Welt.

Spott und Satire

Die Redaktoren wählten die Artikel selber aus, schwächten sie ab, spitzten sie zu und rückten auch eigene, oft hintersinnige Texte in den Satz. Einzig das Geschehen in der Eidgenossenschaft und besonders in Zürich war für sie tabu. Doch was die strengen Sittenwächter verboten, wurde häufig anhand des Geschehens in der Fremde thematisiert. Wie Hafner anschaulich belegt, waren Ironie, Witz und Satire die Stilmittel, um der Zensur zu entgehen.

Den Aufklärern war im wahrsten Sinne nichts heilig. Sie spotteten über Intoleranz in Religionsfragen, machten sich über die Eitelkeiten des Adels lustig, geißelten Hochstapelei und Wichtigtuerei. Es galt, der alten, ständischen Ordnung publizistisch ein Ende zu setzen: Die Französische Revolution, über die detailliert und atemlos berichtet wurde, begrüßten die Redaktoren ebenso wie die Helvetische Republik, die aber nur kurzzeitig die angestrebte Pressefreiheit brachte.

Haltungen und Werte

Es war eine aufreibende Tätigkeit, unter den Bedingungen der Zensur eine politische Zeitung zu produzieren. Die Journalisten blieben soziale Außenseiter, lebten in prekären Verhältnissen, wurden wegen ihrer subversiven Ansichten entlassen oder gar ins Gefängnis gesteckt – und zogen schließlich allesamt nach einiger Zeit weiter. Doch mit ihrem freiheitlichen Denken und der Popularisierung von Wissen trugen sie zur Entstehung einer bürgerlichen Öffentlichkeit bei.

Wer angesichts der gegenwärtigen Krisenphänomene im Journalismus beunruhigt ist, findet viel Ermutigendes in der Vergangenheit. Denn gefragt sind auch heute wieder Neugierde und Mut, klare Haltungen und Werte. – Urs Hafner zeichnet sich mit diesem Buch als kluger Zeitdiagnostiker aus. Die historische Perspektive schärft bekanntlich immer auch den Blick für die Gegenwart. Und so hält der Autor in seinem Epilog dem heutigen Medienbetrieb einen Spiegel vor: Zu platt, zu billig, zu austauschbar sei die Publizistik geworden. Wer sich die frühen Streiter für eine freiere und gerechtere Welt vor Augen führt, wird zum selben Schluss kommen: „Es gibt mehr denn je viel zu tun: zu beobachten, zu deuten, zu schreiben.“ – Wohlan!