Krieg in Syrien

Wie es zum Erfolg der Rebellen in Aleppo kam

von Inga Rogg / 14.08.2016

Die Schlacht um Aleppo entscheidet über den Fortgang des Kriegs in Syrien. Das gilt nicht nur für die Aufständischen und das Regime, sondern auch für ihre ausländischen Unterstützer.

Bis vor gut einer Woche schienen die Rebellen in Nordsyrien auf verlorenem Posten zu stehen. Niederlage um Niederlage mussten sie in den letzten Monaten einstecken. Den schweren russischen Luftangriffen hatten sie ebenso wenig entgegenzusetzen wie der damit einhergehenden Bodenoffensive von syrischen Truppen, die durch Iran und schiitische Milizionäre massiv verstärkt wurden. Mit der Einkesselung der Rebellenhochburg Ost-Aleppo waren das syrische Regime und seine Verbündeten nur noch wenige Schritte davon entfernt, die Aufständischen in ihrem Kerngebiet rund um Aleppo und der angrenzenden Provinz Idlib zu bezwingen. Die Tage der Aufständischen schienen gezählt. Selbst Experten schlossen nicht mehr aus, dass Machthaber Bashar al-Asad nach fünf Jahren Krieg als Sieger vom Feld gehen könnte.

Doch dann kam am Samstag voriger Woche die überraschende Wende. Den Regimegegnern gelang es nicht nur, den Belagerungsring zu sprengen, sondern ihrerseits den südlichen Nachschubweg in den vom Regime kontrollierten Westteil von Aleppo zu kappen. „Die Kampfmoral der Revolutionäre ist so hoch wie schon lange nicht mehr“, sagt ein Aktivist. Doch woher kommt diese plötzliche Stärke?

Salafisten und Gemässigte

„Es ist unsere Geschlossenheit“, sagen Rebellenkommandanten. „Vereint sind wir unschlagbar.“ In der Region gibt es Dutzende von eher säkularen und Islamisten-Fraktionen sowie salafistische Hardliner. Einige der Islamistengruppen schlossen sich im Frühjahr letzten Jahres zur Shamiye-Front (Levante-Front) zusammen, unter ihnen die „Nureddin al-Zenki-Bewegung“, die nach Auskunft eines westlichen Beobachters mit mehr als 4000 Mann die stärkste Gruppierung in Aleppo ist. Durch die Entführung von Journalisten und humanitären Helfern hat sich die „Nureddin al-Zenki-Bewegung“ die Unterstützung der Amerikaner verspielt Andere Mitglieder der Levante-Front beklagten freilich, dass die Hilfe ohnehin viel zu gering sei.

Die Kampfmoral der Revolutionäre ist hoch wie schon lange nicht mehr.

Etwa zur gleichen formierte sich das Bündnis „Fatah Halab“ (Aleppo-Eroberung), der sich neben der Levante-Front mehr als zwanzig weitere Gruppen anschlossen, unter ihnen die meisten lokalen Einheiten der „Freien Syrischen Armee“. Das Bündnis hält bis heute und kommt nach Schätzungen von Experten auf mehr als 20’000 Kämpfer. Damit ist „Fatah Halab“ ungefähr so stark wie die „Jaish al-Fatah“ (Eroberer-Armee), ein Zusammenschluss, der von salafistischen Hardlinern und Jihadisten dominiert wird.

Die grössten Fraktionen in der „Jaish al-Fatah“ sind Ahrar al-Sham und die ehemalige Nusra-Front, der syrische Arm der Kaida. Trotz Druck von Katar und auch der Türkei hatte sich die Nusra-Front jahrelang geweigert, mit der Kaida zu brechen. Überraschend sagte sie sich dann aber Ende Mai von der Terrorgruppe los und nannte sich in Jabhat Fatah al-Sham (Front zur Eroberung der Levante) um.

Für den Westen hat sich dadurch nichts geändert. Welche Rolle die ausländischen Unterstützer des Nusra-Nachfolger spielten, ist unklar. Jedenfalls stand für die Rebellen einer Kooperation mit den radikalen Salafisten nichts mehr im Wege. Zusammen mit Ahrar al-Sham stellten mehr als die Hälfte der 8000 bis 10’000 Kämpfer, die an der Aleppo-Offensive beteiligt seien, berichtete die panarabische Tageszeitung al-Hayat. Und im Gegensatz zu den eher gemässigten Rebellengruppen plagen die Radikalen weder Befehls-, Finanz- noch oder Nachschubprobleme. Zudem scheuen sie auch nicht vor dem Einsatz von Selbstmordattentätern zurück, die auch jetzt in Aleppo eine zentrale Rolle dabei spielten, die feindlichen Linien zu durchbrechen.

Markige Worte aus Damaskus

Aber nicht nur die neu gewonnene Einheit, sondern auch neue Waffen, allen voran Grad-Raketenwerfer und Panzerabwehrraketen, haben den Erfolg möglich gemacht. Das belegen zahlreiche Videos sowie Erhebungen von Experten, die im Juni und Juli einen sprunghaften Anstieg dieser Waffen registrierten. Der Verdacht liegt nahe, dass die Waffen über die Türkei nach Nordsyrien gelangten. Die Regierungsvertreter in Ankara wollten sich dazu nicht äussern.

Der Durchbruch an der sogenannten Ramusa-Linie in Südwest-Aleppo geht vor allem auf das Konto des Bündnisses um den Nusra-Nachfolger und Ahrar al-Sham. Von den Eingekesselten in Ost-Aleppo werden sie als Retter in der Not gefeiert. Eine Radikalisierung des Aufstands scheint vorprogrammiert, obwohl gerade in Aleppo viele Regimegegner das Joch des Nusra-Nachfolgers ablehnen.

Je mehr das Regime unter Druck geriet, umso offener griff Iran ein.

Aber noch ist der Kampf nicht entschieden. Die syrische Armee und ihre Verbündete würden ganz Syrien von den „Terrorbanden“ befreien, tönte ein Regierungsblatt dieser Tage. Aber selbst schiitische Milizionäre aus dem Irak und Libanon mokieren sich über die fehlende Kampfmoral der Soldaten. Seit Monaten liegt die Hauptlast der Kämpfe auf den Schultern der Iraner, dem libanesischen Hizbollah und schiitischen Milizen aus der gesamten Welt, vor allem aber dem Irak.

Iran erhöht den Einsatz

Die Zeiten, in denen iranische Revolutionswächter, die direkt dem Oberbefehl von Ayatollah Ali Khamenei unterstehen, nur als Berater fungierten sind längst vorbei. Je mehr das Regime unter Druck geriet, umso offener griff auch Iran ein. Der Einsatz der russischen Luftwaffe ging im Herbst mit einer massiven Verstärkung der Iraner und ihrer Verbündeten am Boden einher. Nicht nur Revolutionswächter, sondern auch Soldaten und Offiziere der iranischen Streitkräfte sind in Aleppo im Einsatz. Fast jeder libanesische Hizbollah-Kämpfer habe in den letzten fünf Jahren mindestens einmal in Syrien gekämpft, sagte Nadav Pollak vom „Washington Institute“ am Donnerstag.

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Auch Tausende von Schiiten aus dem Irak sind Syrien-Veteranen. Dutzende von Milizen, die in den letzten zwei Jahren wie Pilze aus dem Boden gesprungen sind, haben Kämpfer ins Nachbarland geschickt. Die „Haraket Hizbollah al-Nujaba“, ein Arm der berüchtigten „Asaib Ahl al-Hak“ legte sich ihren Namen sogar erst in Syrien zu. Trotz den hohen Verlusten, die auch sie erlitten, scheint das Reservoir an Freiwilligen unerschöpflich. Mitten in der irakischen Hauptstadt Bagdad werben Milizen für den Kampf in Syrien. Vom „Schutz der Schreine“ ist längst keine Rede mehr, sondern vom Kampf gegen „Terroristen“.

Die Nujaba-Miliz kündigte an, 2000 zusätzliche Kämpfer nach Aleppo zu schicken. Die Hizbollah-Brigaden, eine der mächtigsten schiitischen Milizen hat nach eigenen Angaben 1000 Kämpfer verlegt, und auch die libanesische Hizbollah kündigte Verstärkung an. Für alle Beteiligten geht es nicht nur symbolisch, sondern strategisch um Sieg oder Niederlage. Weder Kosten noch Verluste sind ihnen dafür bisher zu hoch. Derweil wachsen die Angst und die Not der Zivilbevölkerung, die sich vor den Bomben und Artilleriegeschossen nicht schützen kann.