Wie man Frauen in Start-ups fördert, ohne dabei die Welt zu zerstören

von Elisabeth Oberndorfer / 15.05.2015

Call for all ladies in tech! The guys at Pioneers want you on board for the Festival!“ – Mit diesen Worten veröffentlichten die Veranstalter der Start-up-Konferenz Pioneers im September 2013 obenstehendes Bild auf Facebook. Davon abgesehen, dass nicht klar ist, wofür die Frauen eigentlich gesucht werden, ist das Foto eine treffende Visualisierung der österreichischen Start-up-Szene. Zumindest so, wie sie von Frauen oft wahrgenommen wird. Das Bild machte bei Frauen in meinem Umfeld die Runde. Wir schüttelten Köpfe, verdrehten Augen, lachten, seufzten. Beinahe wöchentlich tauchen Bilder, Texte, Links und Memes auf, die die gleichen Reaktionen bei uns hervorrufen. Die Kommunikation der österreichischen Start-ups geht über mit Testosteron. „Das machen die ja nicht absichtlich“, analysierte ich kürzlich beim Mittagessen mit einem Mann, der ebenfalls Teil des Ökosystems ist. „Nicht absichtlich? Ha!“, verschluckte er sich fast an seinem Burger, „ich denke, das ist sehr wohl absichtlich.“

Trotz der vielen niveaulosen, untergriffigen Reaktionen, die ich auf meine Forderung für mehr Bewusstsein für den Frauenmangel bekommen habe, habe ich meinen Glauben an die Gesellschaft noch nicht ganz verloren. Im Gegenteil: Mit den Reaktionen haben sich viele selbst verraten und mich darin bestätigt, dass das Thema Diversität der Mehrheit schwer fällt oder zumindest das Bewusstsein fehlt. Deshalb erkläre ich hiermit, was es mit den Frauen in der Start-up-Szene auf sich hat. 

Worum es nicht geht

Von der Politik Quoten in der Selbständigkeit zu fordern: Dieser Vorwurf kam mehrmals, ist aber absurd. Nur: Wenn die Start-up-Lobby Unterstützung von der Politik will (und das tut sie), dann unterliegt diese auch gesellschaftlicher Verantwortung.

Frauen zu fördern, heißt nicht, dass sie schlechtere Unternehmerinnen sind oder dass man sie zwingen müsste, ein Unternehmen zu gründen, obwohl sie keine Lust darauf haben. Männer zu diskriminieren steht ebenfalls nicht auf der Agenda. So schnell wird die männliche Bevölkerung in Österreich nicht ihre Privilegien verlieren.

Worum es geht

In den vergangenen Monaten habe ich immer wieder Frauen in der heimischen Gründerszene gefragt, warum so wenige weibliche Kolleginnen zu finden sind. Das Problem, dass immer wieder auftaucht: Weibliche Gründerinnen fallen nicht irgendwann durchs Sieb, sondern sind von Beginn an schwer zu finden. Beim größten Risikokapitalfonds Österreichs haben sich noch nie frauengeführte Start-ups vorgestellt. Bei öffentlichen Wettbewerben sind Einreichungen von Männern auffallend häufiger als bei Frauen. Es gibt offenbar eine frühe Hemmschwelle.

Diese Barriere wird verstärkt durch machoide Bilder auf Facebook, Tech-Veranstaltungen mit Bühnen voller Männer und das Boys Club-Image, das die „Player“ der Community durch die Summe der einzelnen, kleinen Teile – unabsichtlich? – vermitteln. Wenn ich mir nur eine Sache wünschen könnte, würde ich mir eine sensiblere Kommunikation, die Frauen gezielter anspricht, wünschen.

Die Macht der Sprache allein würde ausreichen, um das Interesse von potenziellen Unternehmerinnen zu wecken. Statt eines muskelzuckenden Männerhaufens hätten die Pioneers-Veranstalter das Bild eines leeren Schreibtisches mit den Worten „Was hier noch fehlt: weibliche Unterstützung“ wählen können. Statt eines Mr.T-Fotos mit Macho-Spruch hätte auch ein Beyoncé-Meme mit einem cleveren Spruch Platz gehabt. „Mein Gott, sowas ist doch lächerlich“, denkt sich jetzt der männliche Leser? Eben. Macht der Sprache.

Klar, nicht jeder Mann findet Mr. T lustig und nicht jede Frau Beyoncé inspirierend. Aber es gibt Unterschiede zwischen dem männlichen und weiblichen Geschlecht, die wir nicht leugnen können. Und je ausgeglichener die Kommunikation, desto mehr Menschen spricht sie an.

Positivbeispiel: Der Start-up-Inkubator 500 Startups lädt in San Francisco das Gründerinnennetzwerk Women 2.0 zu sich ein. (Bild: 500 Startups)

Wie Frauenförderung noch aussehen kann

Technologie wird in der Startup-Szene glorifiziert: Jedes Start-up muss mindestens einen technischen Co-Founder haben. Jeder, der eine Idee für ein Produkt hat, muss programmieren können.

Es ist leider so, dass Frauen noch immer in technischen Berufen unterrepräsentiert sind, was schon ein strukturelles Problem in der Ausbildung ist. Lösungen sind in der Weiterbildung möglich: In Österreich gibt es mittlerweile gezielte Coding-Workshops für Frauen.

Die Betonung der männlichen Domäne ist für viele eine indirekte Ansage, nicht gut genug zu sein, um eigene Ideen umzusetzen. Schon gar nicht, um dafür Partner und Finanzierungen zu suchen. Im Silicon Valley poppen daher immer mehr Fonds auf, die gezielt frauengeführte Unternehmen als Investment suchen.

Außerdem bleibt die Frage, was eigentlich ein Start-up ist. Ich kenne viele Gründerinnen, deren Unternehmen nicht unbedingt ein technisches Produkt ist, sondern die Technologie nur die Plattform dafür. Sie wären für den Austausch in der Start-up-Szene ebenso interessant wie für Investoren. Von außen wirkt die Community jedoch zu exklusiv, als dass sie sich dort erwünscht fühlen.

Die Rechtfertigung „Die können ja eh kommen, wenn sie wollen“, ist laut Nina Wöss, Principal beim Kapitalgeber SpeedInvest, nicht ausreichend. „Aktiv Themen aufgreifen und Aufholbedarf eingestehen“ ist ihre Empfehlung, um den Frauenanteil in der Start-up-Branche langfristig zu erhöhen. Wöss nimmt dabei auch SpeedInvest in die Verantwortung: „Dazu gehört auch, dass wir in unserem Team nun aktiver auf Ausgewogenheit achten und uns auch beim Recruiting in unseren Startups einbringen.“

Ein Miteinander

Für ein ausgeglichenes Geschlechterverhältnis zu sorgen, obliegt sowohl Männern als auch Frauen. Beide Seiten können von mehr Diversität in der gerade blühenden Tech- und Start-up-Industrie profitieren. Frauen sind keine Bedrohung für Männer und umgekehrt – auch wenn sie muskelzuckend für Social Media-Fotos posieren. Zu guter Letzt braucht es auch mehr Kritikfähigkeit in dem aufstrebenden Wirtschaftszweig. Denn eine Frau, die Kritik am System äußert, unter der Gürtellinie zu beleidigen und stumm schalten zu wollen, macht das Umfeld nicht attraktiver.