Wie wär’s, wenn ihr uns einfach in Ruhe lasst?

von Michael Fleischhacker / 28.04.2015

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich halte es eher nicht so gut aus, wenn mir jemand erklärt, dass der Bevormundungston, mit dem er mich belästigt, in erster Linie dazu dienen soll, mir die Wahrnehmung meiner Freiheitsrechte zu erleichtern.

Sie könnten jetzt sagen, dass rebus sic stantibus die professionelle Beschäftigung mit österreichischer Politik eine spektakulär doofe Idee wäre. Ich könnte Ihnen dann nicht widersprechen.

Ich hatte ja am Montagabend das Vergnügen, mit dem Präsidenten der Bundeswirtschaftskammer einen NZZ.at-Clubabend zu bestreiten.

Christoph Leitl hat dabei, ziemlich unverhüllt und auch ungefähr in diesen Worten, erklärt, dass es in gewisser Weise doch der Natur der irdischen Dinge entspricht, wenn oben die Entscheidungen fallen, die das Leben unten einfacher machen.

Ich hätte gedacht, dass dieser leicht zwänglerische Hang zum Paternalismus in der österreichischen Bundeswirtschaftskammer eine Spur deutlicher ausgeprägt sein dürfte als bei den Aktivisten von „Occupy Wall Street“.

Irrtum. Einer der Erfinder dieser Bewegung, der Ethnologe David Graeber (er wurde durch sein Buch „Schulden. Die ersten 5000 Jahre“ weltberühmt), hat mit dem tschechischen Ökonomen Tomáš Sedláček (er wurde mit dem Buch „Die Ökonomie von Gut und Böse“ weltberühmt) ein Gespräch geführt. Die Wiedergabe (erkennbar schlecht übersetzt und erkennbar schleißig redigiert) dieses Gesprächs erschien als Buch („Revolution oder Evolution. Das Ende des Kapitalismus?“) im Hanser Verlag.

Und da stellt der Moderator des Gesprächs, der noch nicht so weltberühmte Journalist und Berater Roman Chlupatý, die Frage: „Wie kann man politisch engagierte Akteure heranziehen, die sich rational verhalten?“

Eine solche Frage einem Ethnologen und Anarchisten zu stellen, ist in etwa so, als würde man ein frisches Stück blutendes Fleisch in ein Haifischbecken versenken. Graeber also: „Dazu muss man vieles ändern. Man muss die Art der Geschlechterbeziehungen in unserer Gesellschaft veränden. Man muss die Annahmen der Menschen über ihre eigene Verantwortung verändern. Anarchisten kritisieren die rechtlichen Strukturen nicht zuletzt deshalb so scharf, weil sie die Gründe für ihre eigene Rechtfertigung hervorbringen, indem sie Formen selbstsüchtigen Verhaltens fördern …“

Den Rest erspare ich Ihnen. Robespierre war bekanntlich der Einzige, der Rousseau wirklich verstanden und in die Tat umgesetzt hat. Irgendwer wird sich schon finden, der Herrn Graeber richtig versteht und die Logistik für die notwendigen Umerziehungslager zur Verfügung stellt.

Die Frage, die sich der staunende Leser und Zuhörer angesichts der geballten Gängelungsfantasien von Kammerrevolutionären und Salonanarchisten stellt, ist: Wie wär’s, wenn ihr uns einfach in Ruhe lasst?