Wikipedia und die Neutralität der Anderen

von Thomas Planinger / 10.02.2015

Die Einnahme eines neutralen Standpunktes (NPOV – Neutral Point of View) ist eines der vier Grundprinzipien der Wikipedia seit ihrer Gründung im Jahr 2001. Dieser neutrale Standpunkt ist ein hehres Ziel, eine Idealvorstellung, nach der die Wikipedia-Autorinnen und -Autoren beim Verfassen und Überarbeiten des Artikelbestands jederzeit streben. Wie schwierig es jedoch ist, diesem Anspruch gerecht zu werden, zeigt sich aktuell wieder in der Debatte um den Artikel „Krimkrise“, der die politischen Auseinandersetzungen zwischen der Ukraine und Russland um die Halbinsel Krim im Jahr 2014 beschreiben soll. Alleine schon an der Auffassung darüber, ob es sich um einen „bewaffneten Konflikt“, eine „politische Auseinandersetzung“ oder einen „aggressiven Akt ausländischer Okkupation“ handelt, sieht man, dass die Ausrichtung des Artikels stark davon abhängig ist, in welchem Teil der Erde die Autorinnen und Autoren beheimatet sind.

Im Idealfall versuchen die Autoren daher stets die Ansichten aller Konfliktparteien bei solchen schwierigen Themengebieten gleichermaßen zu berücksichtigen und aus neutraler Position zu beschreiben. Dass dies als Mitteleuropäer mit hauptsächlichem Zugang zu westlichen Medien kaum bewältigbar ist, liegt dabei auf der Hand. Ähnliches erleben wir aber auch bei anderen Themengebieten, bei denen es uns geografisch zwar sehr wohl möglich wäre, einen neutralen Standpunkt einzunehmen, dies jedoch aufgrund der ideologischen Vorstellungen jedes Einzelnen meist schwierig ist. Versuchen Sie doch einmal beispielsweise das Unglück im Atomkraftwerk Fukushima ohne wertende Adjektive zu beschreiben. Sie empfinden das als zu einfach? Dann versuchen Sie sich an der neutralen Darstellung des Israelisch-Palästinensischen Konflikts oder der globalen Finanzkrise seit dem Jahr 2007. Sehr bald werden Sie dabei feststellen, dass Neutralität, wie wir Österreicher spätestens seit dem Staatsvertrag von 1955 wissen, eine sehr stark subjektive Angelegenheit ist. Je nach Ihrem persönlichen Interesse, Ihrer ideologischen Einstellung und ihrer kulturellen Sozialisation werden Sie zu völlig unterschiedlichen Ansätzen kommen, als zum Beispiel Ihr Nachbar, ein Arbeitskollege oder sogar der eigene Partner.

Das Problem der subjektiven Neutralität

Ein Wikipedia-Kollege organisierte bei der letzten WikiCon im vergangenen Herbst eine interessante Diskussionsrunde zum Thema „Wessen Neutralität?“. Die Antwort darauf ist so naheliegend, dass wir sie selbst nicht sehen können: Artikel, die wir als neutral geschrieben empfinden, entsprechen ausschließlich unserem eigenen, subjektiven Empfinden von Ausgewogenheit. Dieses Problem ist im Übrigen nicht nur für die Wikipedia gegeben, sondern stellt grundsätzlich jeden und insbesondere auch Wissenschaftler, Journalisten und Fachbuchautoren vor Schwierigkeiten. In der Wikipedia kommt das Problem der subjektiven Neutralität nur dadurch noch stärker zum Tragen, dass die Wikipedia mittlerweile vielfach als erste und oft auch einzige Quelle für schnelle Informationen herangezogen wird. Dabei vertraut die Mehrheit der Leserinnen und Leser darauf, dass diese Informationen nicht nur korrekt sind (was – ganz unbescheiden gesagt – in aller Regel zutrifft), sondern auch ausgewogen und unparteiisch.

Quellenkritik und Quellenkompetenz

Eine mögliche Entschärfung dieser Situation wurde im Jahr 2014 bei einer Veranstaltung an der Universität Wien unter dem Titel „Wikipedia meets University“ andiskutiert. Insbesondere Studentinnen und Studenten sollte im Rahmen ihres Studiums ein verantwortungsvoller Blick auf und ein kritischer Umgang mit Quellen beigebracht werden. Diese so genannte „Quellenkompetenz“, also die umfassende Bewertung einer Quelle, wie etwa eines Wikipedia-Artikels, dem Inhalt und Ursprung nach, ist in der heutigen Informationsgesellschaft leider zunehmend verloren gegangen. Leserinnen und Leser von Wikipedia-Artikeln sollten sich stets darüber im Klaren sein, dass die Artikel überwiegend korrekte Fakten beinhalten, jedoch in ihrem Aufbau und ihrer Intention keineswegs völlig neutral sind – weil sie eben, wie oben ausgeführt, niemals völlig neutral sein können. Wenn sich dann der eine oder die andere unter den Leserinnen und Lesern dazu entschließen würde, selbst Hand an die Artikel zu legen und damit eine weitere Sichtweise einzubringen, würde die Wikipedia davon selbstverständlich auch noch profitieren. Letztlich entsteht Neutralität in der Wikipedia nämlich eben nur durch den ständigen Widerstreit zwischen der einen subjektiven Meinung und der anderen ebenso subjektiven Meinung. Die Neutralität, die die Wikipedia produziert ist also nicht der größte gemeinsame Nenner, sondern das kleinste gemeinsame Vielfache – in vielen Fällen ein gerade noch für alle akzeptabler Kompromiss.