Jeremy Keith/ flickr

Wurstgate

Woran man stirbt, ist letztlich Wurst

Meinung / von Barbara Kaufmann / 27.10.2015

Otto von Bismarck wusste schon vor rund 150 Jahren wie man in Frieden regiert und das Volk in Sicherheit wiegt. „Je weniger Leute davon wissen, wie Würste und Gesetze gemacht werden, desto besser schlafen sie“, gab der weise Mann einst zu Protokoll. Um vielleicht direkt danach in eine Weißwurst zu beißen. Oder in eine Preußische Dampfwurst. Die war im 19. Jahrhundert, darf man der Geschichtsschreibung und dem Wurst-Almanach glauben, im Adel wie im einfachen Volk gleichermaßen beliebt.

Spätestens seit gestern weiß das Volk Bescheid. Und es fürchtet sich. Die Wurst ist die neue Zigarette, ist bereits zu lesen. Das Fleischerzeugnis sei nämlich als krebserregend einzustufen, gab die zur WHO gehörende Internationale Krebsforschungsagentur IARC gestern bekannt. „Wir lassen uns die Extrawurstsemmel nicht nehmen!“ pöbeln die Berufsempörten schon auf Facebook. Sekundiert vom Landwirtschaftsminister, der unvoreingenommen auf das Ergebnis sachlich fundierter Studienergebnisse verweist: „Österreichs Wurst ist die Beste!“ Man darf mit Spannung darauf warten, was der Boulevard daraus machen wird. „Wurst-Drama!“ Und darunter ein Bild von Conchita, die eine Knacker in ihren zarten Händen hält: „Auch Conchita kämpft für unsere Bauern!“ Vielleicht findet sich fürs Kleinformat auch ein talentfreier Regionalautor, der eine Verbindung zwischen der Flüchtlingskrise und dem Krebsrisiko von Krakauer, Extra und Co konstruiert.

Dass der tägliche Konsum von Schnitzel, Burger und Hot Dog nicht gerade zu einer bewussten Ernährungsweise gehört, ist mittlerweile hinlänglich bekannt. Aber es gibt kaum etwas Schöneres, als nach einer durchzechten Nacht an einem der Wiener Würstelstände eine Käsekrainer mit Senf zu essen. Es wärmt die Seele und den Magen und es ist ein bewährter Schnelltest für den Zustand desselben. Bleibt die Wurst protestlos unten, ist alles gut und man kann vielleicht noch einen Absacker im Tschocherl am Heimweg wagen. Ein Kindergeburtstag ohne Frankfurter ist denkbar, aber auch nicht ungefährlich. Ostern in den südlichen Bundesländern ohne geräucherte Wurst mit Kren aus dem Weihkorb ist vorstellbar, aber traurig. Und nichts schmeckt nach der Christmette in der notdürftig geheizten Kirche besser als frisch gekochte Selchwurst mit Senf.

Soll ein Befund der Krebsforschungsagentur, der wie immer medial eifrig ohne Grenzwerte und Dosis kolportiert wird, etwas an dem Geschmack von derartigen Kindheitserinnerungen ändern? Ja, die Fleischverweigerer werden auf unseren Gräbern tanzen und das ist auch in Ordnung. Aber werden die Bauern am Wochenmarkt jetzt tatsächlich auf ihrer Ware sitzen bleiben? Werden nun unter Applaus besorgter Bürger Wurstberge öffentlich vernichtet werden? Wird man Kommissar Rex noch im Vorabendprogramm zeigen dürfen? Wird es bald wurstfreie Zonen in Lokalen geben? Eher nicht. Vielleicht hat sich der große Otto ja doch geirrt. Und falls nicht: der zweite Teil seines Glaubenssatzes, der den Frieden beim Regieren gewährleisten sollte, die Befürchtung das Volk könne wissen wie Gesetze im Staat gemacht werden, wird wohl so bald nicht widerlegt werden.