Zum Tod von Rainer Werner Fassbinder

von Alexander Kluge / 29.05.2015

Am Sonntag, den 31. Mai 2015, siebzig Jahre nach dem Kriegsende von 1945 wäre Rainer Werner Fassbinder siebzig Jahre alt geworden. Er ist kein Typ für diese Altersklasse. Hätte er sein Krisenjahr 1982 (und die sicherlich noch folgenden) überlebt und würde jetzt mit uns feiern, hätte er, vermute ich, soeben seinen 182. Film fertiggestellt. Diese Filme fehlen. Vor allem fehlt mir der Gefährte. Eines steht für mich fest: Sein Sarg war leer.

Wir lagen im Garten eines der Hotels am Lido in der Nachmittagssonne. Bis zur 19-Uhr-Vorstellung im Festivalpalast war nichts zu tun. Fassbinder fläzte sich im Gras. Syberberg erklärte seinen neuesten Film „Zeit zum Verlieren“. Uns war langweilig. In dieser sonnensatten, ausgedehnten Stunde schworen R.W.F und ich einander, dass derjenige, der den anderen überlebt, dessen Arbeit fortsetzt. Notfalls solle er Geschichten über ihn dichten oder Filme fälschen. Insofern wäre der Gestorbene nicht ganz tot. Wir gaben uns, mit „braunbrennendem Körper“ (wird aber verbrannte Haut sein), feierlich und gegenseitig die urheberrechtliche Erlaubnis, aus dem Werk des anderen zu kopieren. Syberberg war Zeuge.

Im Jahr 1978 verabredeten R.W. Fassbinder und ich, gemeinsam einen Film über die Scheidung unserer Eltern herzustellen. Fassbinder beschäftigte sich dann mit anderen Projekten, statt mit mir diesen Film anzufangen, auf den sich unsere Teams vorbereitet hatten. Er konnte sich nicht entschließen, die Rolle seiner Mutter in dem Ehekonflikt mit seiner wirklichen Mutter zu besetzen (die ja Schauspielerin war), hielt es aber für ebenso unmöglich, stattdessen eine Schauspielerin aus seinem Team mit der Rolle zu be­trauen.

Peter Berling, der Biograf Fassbinders, sein ehemaliger Produzent, der in Rom lebt, bemerkt, weil ja Fassbinder nur 37 Jahre alt wurde, dass für Genies, die nicht älter als 34 oder 35 Jahre werden (wie Mozart und Bellini), der gravitative Kern ihrer lebenslänglichen Phantasien in den fünf Jahren vor und den fünf Jahren nach ihrer Geburt liegt. Das, so dieser Bio­graf, kann sich auf Töne, erzählte Geschichten, Rhythmen, ja, alle Wahrnehmungen beziehen, die ein Kind aufzunehmen vermag, also auch auf Kleider, wehende Vorhänge oder die Blickrichtung der Mutter, und zwar nicht, weil solche Kinder irgendetwas vom äußeren Weltgeschehen in dieser Zeit vor und nach ihrer Geburt selber erfahren hätten, sondern weil tausende von Eindrücken in Stimme und Gesichtsausdruck ihrer Eltern sich übertragen haben: die unendliche Erzählung, welche die Jahre einer symbiotischen Beziehung begleitet.

Das Merkwürdige: Rainer Werner Fassbinder wurde seiner Mutter als Kind von vier Monaten weggenommen. Seinen Vater hat er ganz selten und später überhaupt nicht mehr gesehen. Es ist schiere Sehnsucht, Mangel an ursprünglicher Nähe zu den Eltern, die seine Filme so hellsichtig macht.

Das Leben Rainer Werner Fassbinders befand sich von März bis Juni 1982 in einer Engführung. In der Oper nennt man Engführung „Stretta“. Sie beendet Akte und bildet oft das Finale.

Die Annäherung zwischen Rainer Werner Fassbinder und Andy Warhol in New York war von gegenseitigem Vorteil. Deshalb war Warhol auch bereit, das Plakat zu Fassbinders Film Querelle zu entwerfen. Ein solches Plakat war einerseits autonomes Kunstwerk und kunstmarktfähig und zugleich ein passendes Werbemittel. Die Begegnung mit dem als „wild“ geltenden Fassbinder war für den älteren und ruhiger gewordenen Warhol, der keine Drogen mehr nahm, keinen Alkohol trank, in seinen Intimbeziehungen vorsichtig geworden war, ein wertvolles öffentliches Gut.

Den zivilistischen Warhol irritierten die Leinen-Breeches im militärischen Leopardenmuster, in denen Fassbinder ihn besuchte. Es war das Kostüm aus einem Film, in dem er eine Nebenrolle übernommen hatte, eine Zufallskleidung. Warhol bezog die Verkleidung auf sich selbst. Er sah eine große Verallgemeinerung darin, ein Vorurteil, eine Anspielung darauf, dass homoerotische Menschen sich auf gewisse Kampfkleidung oder Accessoires festlegen ließen, wenn doch ihr Unterscheidungsvermögen, die Nuancierungen, eher stärker ausgebildet waren als bei Heterosexuellen. So empfand er die Übertreibung der Oberschenkelmuskulatur (Reiterbeine) bei Breeches generell als unhöflich.

Fassbinder, noch schläfrig, redete nichts. Rasch verabschiedeten sie sich voneinander, ehe sie sich überhaupt begrüßten. Fassbinder saß dann für Stunden in einem Café und untersuchte die Strichjungen-Annoncen in einigen Fachblättern.

Nachträglich haben viele mit Einzelheiten die Engführung der Tage in New York und dann, am 31. Mai 1982, die triste Geburtstagszeremonie in der Deutschen Eiche gedeutet. In einem Stummfilm der zwanziger Jahre sieht man Wände, welche die Szene sukzessiv einengen. Zuletzt ist für den Menschen in diesem Raum kein Platz. Die Wände pressen auf die Szene. Die generöse sexuelle Praxis, auf die Fassbinder in den zehn Vorjahren angewiesen war, um es auszuhalten, geriet mit dem Einbruch von HIV an ein Ende. Im März 1982 war es noch Hörensagen, ein Jahr später wäre Fassbinder Opfer der Ansteckungswelle gewesen. Der Junge Deutsche Film, dadurch in Engführung, dass die Programmkinos im Zentrum der Großstädte in Folge der Mietpreisentwicklung liquidierten. Stärker noch in die Enge führend die Insolvenz seines Körpers. Valium, Vesparax, Captagon, die Droge, Wein, Bier – Bürgerkrieg in den Nerven. Fassbinder starb, ehe ihm die Stretta sein Ende setzte.

„Wenn man sich den Neuen deutschen Film allegorisch als Mensch imaginierte, so wäre Kluge sein Kopf, Herzog sein Wille, Wenders sein Auge, Schlöndorff seine Hände und Füße et tutti quanti dies und das; aber Fassbinder wäre sein Herz gewesen (nicht politisch oder als Punkt des Ausgleichs, sondern als Gravitationszentrum, in dem die jeweiligen künstlerischen Tendenzen sich schnitten).“ (Wolfram Schütte, Frankfurter Rundschau, 19. Juni 1982.)