Zwischen Cocktails und Helikopter: Wie die New Yorker arbeiten – oder eben nicht

von Elisabeth Oberndorfer / 21.05.2015

New York und Silicon Valley trennen nicht nur 2.900 Meilen, sondern auch eine unterschiedliche Einstellung zur Arbeit. So tickt die Tech-Community an der Ostküste.

Social Club als Arbeitsplatz

Die Sonne brennt auf die Bar, der Pool ist noch leer, die Liegen und Tische daneben dafür voll besetzt. In der Ferne strahlt der blaue Freedom Tower. Jetzt das Smartphone rauszukramen und ein Foto auf Instagram zu posten, das wäre eindeutig zu uncool. Es ist ein früher Freitagnachmittag auf der Dachterasse des Soho House im Meatpacking District, einem privaten Klub mit internationalen Standorten. „Arbeitet hier eigentlich irgendjemand?“, frage ich mit kalifornisch-übertrieben positiver Stimmlage, nur halbscherzend. Schon allein mein Tonfall verrät, dass ich nicht an der Ostküste zu Hause bin. Die New Yorker klingen abgeklärter, der Uptalk der Kalifornierinnen hat auf mich abgefärbt. „Aber ja, das ist mein Co-Working-Space“, antwortet Billie Whitehouse, während sie die Weinkarte studiert. Die australische Unternehmerin hat vor eineinhalb Jahren ihr „Fashion Tech-Start-up“ in die Welthauptstadt gebracht. Mit einer Jahresmitgliedschaft von 2.000 US-Dollar steigt man tatsächlich im exklusiven Klub billiger ab als in den offiziellen Co-Working-Spaces, die mehrere hundert Dollar für einen Schreibtisch pro Monat verrechnen.

Whitehouse macht es richtig. Hier zu netzwerken, hat ihr in kurzer Zeit viele Türen geöffnet. Immerhin sind ihre Kunden in der Modebranche angesiedelt und nicht in der Tech-Community, die vor ihren MacBooks hockt. Geschäfte bahnt die Australierin im Soho House an. „Meinen eigentlichen Arbeitsplatz habe ich im „Garment District“ – dem Zentrum der Bekleidungsindustrie Manhattans, erklärt sie. Das Büro eigne sich jedoch nicht für ihre Meetings. Also nimmt Whitehouse am Freitag um 17 Uhr noch einen Anruf auf der Dachterasse entgegen.

Co-Working-Space der New Yorker: Das Soho House im „Meatpacking District“. (Bild: Soho House)

Von der Bank zum Co-Working-Space

Einige Subway-Stationen weiter südlich befindet sich der Financial District, die Finanzmetropole der Welt. Wenige Blocks von der New York Stock Exchange entfernt hat sich vor einigen Monaten WeWork eingemietet, eine Co-Working-Kette, die auch in San Francisco Büros hat. „Es ist so angenehm ruhig bei euch“, begrüße ich Emily Wheeler, VP of Operations des Energiedienstleisters Smarter Grid Solutions, wieder zu euphorisch-kalifornisch. Meine mehrmonatige Miete eines Arbeitsplatzes im WeWork San Francisco fühlte sich wie eine endlose Studentenparty an, hier tragen die Gründer sogar Anzüge und die Küche ist frei von Pizzaschachteln.

„Ja, wir sind gerade erst eingezogen und lieben es.“ Das Gebäude wurde bis vergangenen Herbst von Goldman Sachs bewohnt, jetzt machen sich die Start-ups breit. Vom Gemeinschaftsraum aus ist der Heliport zu sehen – der Helikopterlandeplatz, den unter anderem US-Präsident Barack Obama für seine New-York-Besuche nutzt.

„Diese Stadt ist die beste für Start-ups“, schwärmt Wheeler und gibt zu, dass sie als gebürtige New Yorkerin voreingenommen ist. In New York City werde fokussiert gearbeitet, man lasse sich nicht ablenken, vergleicht sie ihre Heimat mit der Tech-Szene im Silicon Valley und bestätigt meinen Eindruck.

Ideenschmiede für alle Branchen

Unweit vom Soho House befindet sich Betaworks, ein selbst ernanntes „Start-up-Studio“. 120 Mitarbeiter ziehen hier Unternehmen groß und lassen sich neue Produktideen einfallen. Hier ist man vom Standort New York so überzeugt, dass man kein Interesse an einem Büro im Silicon Valley zeigt: „Die Produkte, die wir entwickeln, sind hier besser aufgehoben“, meint James Cooper, der Kreativchef der Ideenschmiede. Zum Portfolio zählen Dienste für die Medienbranche als auch Consumer-Apps.

„Im Silicon Valley wird mehr an großen Tech-Sachen für die Tech-Branche gearbeitet. In New York gibt es viel mehr Austausch mit den unterschiedlichen Industrien, es ist viel diverser“, bestätigt auch er einen meiner Eindrücke und überrascht mich dann doch mit einer Aussage: „Ich denke, die New Yorker gehen gelassener an die Sache ran, während im Valley jeder am Next Big Thing arbeitet und sich dabei selbst unter Druck setzt.“ Das würde zumindest erklären, warum ein paar Blocks weiter schon vor Feierabend Cocktails geschlürft werden.

Küstenrivalität

Bei Vergleichen des Silicon Valleys mit „Silicon Alley“, wie New Yorks Start-up-Szene bezeichnet wird, hört man eine beschränkt subtile Rivalität zwischen den beiden Tech-Metropolen heraus. „In New York will keiner etwas selbst machen. Leistung wird dadurch bewertet, wie viel man andere machen lässt“, sagt eine kritische Stimme, die ein Start-up in New York verkauft hat und daraufhin nach Kalifornien gezogen ist. „Hier geht doch gar nichts. Warst du schon mal in San Francisco? Da geht’s ab“, informiert mich ein Gründer, der den Umzug seines europäischen Start-ups in die USA plant und gerade mal eine Woche in Manhattan war. Die Dichte an MacBooks in Coffeeshops ist in Relation zur Bevölkerung in New York außerdem auffallend gering. Wi-Fi-Orte sind in San Francisco zu jeder Tageszeit mit digitalen Nomaden gefüllt, während die New Yorker sich offenbar in den Wolkenkratzern zum Arbeiten verkriechen. In Nordkalifornien gibt es auch kein Soho House. Der einzig vergleichbare geschlossene Klub, „The Battery“ in San Francisco, wurde von den Tech-Hipstern bei der Eröffnung als zu elitär verschmäht.

In New York arbeiten die Tech-Menschen wirklich an Produkten, anstatt sich gegenseitig zum Unternehmerdasein zu gratulieren, wie es die neue Bewegung im Silicon Valley tut. Zumindest geben sich die Einwohner so. Und weil die Ostküstler nicht an der Supermarktkasse herumtrödeln und nicht romantisch durch die Straßen schlendern, bleibt am Ende des Tages – oder früher – noch Zeit für einen Drink. Die Lebensgeschichten der Gründerinnen und Gründer sind jedenfalls interessanter als die in der Bay Area. Denn männliche Stanford-Absolventen, die von männlichen Stanford-Absolventen finanziert werden, um Dienste für männliche Stanford-Absolventen zu bauen, findet man in New York nicht.