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Standort

Wien verspielt seinen Trumpf

Meinung / von Thomas Fuster / 13.11.2015

Viele Unternehmen nutzen Wien als Drehscheibe für ihr Osteuropageschäft. Mit diesem Trumpf geht die österreichische Regierung indes leichtfertig um, kritisiert NZZ-Wirtschaftsredakteur Thomas Fuster.

Zu den größten Profiteuren der historischen Zäsur im Jahr 1989 gehört Wien. Lebte man im Osten Österreichs zu Zeiten des Kalten Krieges jahrzehntelang am äußersten Rand des freien Europa, fand man sich nach dem Fall des Eisernen Vorhangs plötzlich im Zentrum eines nicht länger durch Mauern separierten Kontinents.

Dies hat Österreichs Hauptstadt nicht nur farbenfroher und lebenswerter gemacht. Die neue Zentrumslage löste auch einen wirtschaftlichen Boom aus. Österreichs Unternehmen – und vor allem die Banken – überzogen die ehemals kommunistisch regierten Länder in Windeseile mit Filialen, und Wien entwickelte sich zu einer internationalen Drehscheibe des Osteuropageschäfts.

Diese regionale Hub-Funktion wird von Unternehmen aber zusehends infrage gestellt. Jüngstes Beispiel ist der Entscheid der italienischen Bankengruppe UniCredit, das Osteuropageschäft nicht länger von der Wiener Tochter Bank Austria leiten zu lassen, sondern die Aufgabe neu im Mailänder Hauptsitz anzusiedeln. Anders als mancher Konzern, der zweieinhalb Jahrzehnte nach dem Berliner Mauerfall näher an die osteuropäische Kundschaft rückt und daher die Zentrale von Wien direkt in die Region verlegt, zieht sich UniCredit quasi westwärts von Wien zurück. Das legt den Schluss nahe, dass der Entscheid auch mit der sinkenden Standortqualität Österreichs zu tun hat.

In der Tat gibt sich Österreichs Regierung seit Jahren allergrößte Mühe, das Leben der Banken zu erschweren.

In der Tat gibt sich Österreichs Regierung seit Jahren allergrößte Mühe, das Leben der Banken zu erschweren. Namentlich für die Sozialdemokraten, die ihre Wirtschaftsfeindlichkeit nur schlecht zu kaschieren vermögen, sind Finanzhäuser primär Melkkühe, und ein beherztes Banken-Bashing gehört in diesen Kreisen zum guten Ton. Resultat ist eine Bankenabgabe, die in Europa einen Spitzenplatz einnimmt und völlig ertragsunabhängig anfällt, da sie sich an der Bilanzsumme bemisst. Hinzu kommt eine teure Sippenhaftung im Zuge der Finanzkrise – auch für Institute wie die Bank Austria, die nie auf staatliches Partizipationskapital zurückgreifen musste.

Dass die Grenzen der steuerlichen Belastung überschritten sind, haben die Banken oft betont. Von der Regierung ernst genommen wurden sie nicht. Bleibt zu hoffen, dass der Rückzug von UniCredit nun als Warnschuss wahrgenommen wird. Wiens Rolle als Tor zum Osten ist keinem Naturgesetz geschuldet, sondern muss mit guten Rahmenbedingungen erarbeitet werden. Städte wie Prag oder Warschau schlafen nicht. Sie wissen es zu nutzen, dass Österreich in Rankings zur Wettbewerbsfähigkeit seit Jahren immer mehr Boden verliert. Der leichtfertige Umgang Wiens mit dem 1989 von der Weltpolitik zugespielten Trumpf hat seinen Preis.