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Nachfolge von David Cameron

Boris bekommt kalte Füße

von Markus M. Haefliger / 28.06.2016

Der populäre ehemalige Bürgermeister von London, Boris Johnson, ist der Sieger des Brexit-Entscheids. Aber die Tories haben schon viele Favoriten aus dem Rennen für die Parteileitung gekippt.

Im Moment seines größten Triumphs sah Boris Johnson nicht gut aus. Es war am letzten Freitag vor Mittag. Seit einigen Stunden stand fest, dass die Briten den Austritt aus der EU beschlossen hatten; Premierminister David Cameron hatte seinen Rücktritt angekündigt. Aller Augen waren auf Boris Johnson gerichtet, bis vor zwei Monaten Bürgermeister von London, das Zugpferd der Brexit-Kampagne. Einer, der die Anhänger mitreißen kann und dennoch als Liberaler durchgeht, das menschliche Gesicht der Euroskeptiker, in deren Reihen sich auch Fremdenhasser und Nostalgiker tummeln.

Als Johnson vor die Kameras trat, wollte er staatsmännische Gravitas zeigen, aber die Vorstellung missriet. Sein Schalk, meist ein willkommener Farbtupfer im Londoner Politikbetrieb, schien im Zimmer auf einer Vorhangstange zu sitzen und sein Alter Ego auszulachen. Schmunzelte „Boris“, wie ihn alle nur nennen, als er davon sprach, dass die Briten die demokratische Kontrolle über ihr Schicksal zurückgewonnen hätten? Oder lag das Lächeln im Auge des Betrachters, weil man sich Johnson nicht mehr anders vorstellen kann?

Vielleicht war er über den eigenen Mut erschrocken. Er wäre nicht der Einzige, der für den Brexit warb, aber nicht glaubte, dass er die Abstimmung gewinnen würde. Plötzlich gilt es ernst. In seiner regelmäßigen Kolumne im Daily Telegraph, dem Leibblatt der Tories, versuchte sich Johnson mit der Quadratur des Kreises. Grossbritannien werde weiterhin Einwanderung kennen, Zugang zum Binnenmarkt haben, in europäische Programme eingebunden sein, aber keinen EU-Gesetzen mehr folgen müssen. Für einen ehemaligen Journalisten, der weiss, wie die EU funktioniert, ist der Artikel ein Armutszeugnis.

Der 52-jährige Johnson nahm es mit der Wahrheit oft nicht so genau. Als Brüssel-Korrespondent des Daily Telegraph in den neunziger Jahren produzierte er halbwahre und ganz falsche Geschichten über Bürokraten, deren Regulierungswut überbordete. Als er nach London zurückkehrte, reimten seine Brüsseler Kollegen zum Abschied sinngemäß: „Boris erzählt so viele Lügen, dass sich schon die Balken biegen.“ Johnson wird darüber gelacht haben, wie auch über die Anekdote, nach der er sich an der Oxforder Universität als Sozialdemokrat ausgegeben hatte, um Präsident der Studentengewerkschaft zu werden.

Johnson tritt gerne flapsig auf, sein ungekämmter Haarschopf oder dass er als Velofahrer manchmal vergisst, die Anzugshose aus den Socken zu ziehen, sind das Kapital seiner Popularität. Dass er auch mit der Wahrheit flapsig umgeht, ist dagegen seine größte Schwäche. Die Buchmacher sehen ihn als Favoriten um die Nachfolge Camerons, aber will Großbritannien von jemandem regiert werden, der die EU mit Hitler gleichsetzt? Der Vergleich fiel in der Hitze des zurückliegenden Referendumskampfes. Johnson, der eine lesenswerte Churchill-Biografie geschrieben hat, kennt die historischen Fakten. Aber er lässt sich durch sie nicht stören, wenn sie einer guten Geschichte im Weg stehen.

Er besuchte die Eliteschule von Eton, schmückt seine Äußerungen mit lateinischen Zitaten und ist ein Liebhaber der Poesie. Dass er damit nicht nur bei den Bildungsschichten gut ankommt, sondern auch bei Bauern und Werftarbeitern, erscheint paradox. Aber die Engländer hatten schon immer ein Flair für schillernde Figuren, die die sozialen Klassengrenzen zu überbrücken scheinen. Johnsons Geheimnis ist die Selbstironie. Vor vier Jahren, während der Olympischen Spiele von London, blieb er unvorteilhaft in einem Seilzug hängen. Der misslungene PR-Gag wäre bei jedem anderen zum Desaster geworden, nicht bei Johnson. Die Videos vom Missgeschick erhöhten seine Popularität nur noch.

Kann Boris ernsthaft sein? Die Meinungen gehen auseinander. Als er 2008 Londoner Stadtpräsident wurde, glaubten Kritiker, er werde scheitern. Dann gelang es ihm, trotz Finanzkrise und Austeritätspolitik der Zentralregierung die Einnahmen der Stadt zu erhöhen. Sein Leistungsausweis lässt sich sehen. Johnson wurde den Ruf los, Detailkenntnisse langweilten ihn. Mitarbeiter sprechen umgekehrt von einer raschen Aufnahmefähigkeit und effizienten Arbeitsweise. Es war rasch klar, dass er das Amt als Sprungbrett für größere Aufgaben nutzen wollte. Der Ehrgeiz ist erbbedingt. Ein Großvater väterlicherseits war türkischer Edelmann, die Mutter halbe Amerikanerin mit jüdischen Vorfahren. Die Johnsons hatten Zugang zu den Eliten, ohne selber dazuzugehören – das sichere Rezept für erfolgreiche, von Ehrgeiz und Sorgen um den flüchtigen Status getriebene Karrieren.

Johnson dürfte die Kandidatur für den Parteivorsitz in den nächsten Tagen anmelden. Unglücklicherweise für ihn wird er von denjenigen nicht sonderlich geschätzt, die ihn aufs Schild heben müssen, den konservativen Unterhausabgeordneten. In Westminster machte er sich weder während eines ersten Abgeordnetenmandats vor 2008 noch seit der Wiederwahl vor einem Jahr Freunde. Für den Aufbau persönlicher Beziehungen sei er zu ungeduldig, sagt der Politologe Tim Bale von der Londoner Queen-Mary-Universität.

Nach den Statuten wird ein Parteiführer von den Abgeordneten der Fraktion selektioniert und von allen Parteimitgliedern in einer Urabstimmung gewählt. Mehrfachkandidaturen sind möglich. Die Tories halten die schöne Tradition hoch, gerade nicht die Favoriten zu küren: David Cameron 2005 und Iain Duncan Smith vor ihm waren zunächst Außenseiter im Rennen um den Parteivorsitz gewesen. Bale glaubt jedoch, dass die Tories nicht um Johnson herumkommen. Er ist ein Wahlschlager, und die Einsicht, dass nach dem Brexit ein Euroskeptiker die Partei führen sollte, lässt nicht viele Optionen offen.

Premierminister Boris Johnson? Bei dem Gedanken erschreckt Johnson selber vielleicht am meisten. Im Abstimmungskampf merkte man, dass ihm Konflikte nicht liegen. Er sonnt sich lieber in der Beliebtheit. Als Bürgermeister hatte er kaum je harte Entscheide zu fällen, mit denen er sich Feinde geschaffen hätte. Als Premierminister, wenn er es denn wird, ist es damit vorbei; dann bekommt er täglich neue Gegner.