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Porträt des Brexit-Leaders

Boris Johnson: Unberechenbar und unwiderstehlich

von Martin Alioth / 26.06.2016

Der frühere Stadtpräsident von London, Boris Johnson, gilt als Favorit für das Amt des Premierministers. Doch seine Gegner warnen vor ihm.

„Blond Ambition“ – der blonde Ehrgeiz: Das ist der Spitzname des sorgfältig verstrubbelten Politikers, der an der Spitze der Brexit-Kampagne stand. Boris Johnson gilt nun als der aussichtsreichste Anwärter auf die Nachfolge von Premierminister David Cameron, der nach seiner Niederlage im Oktober abtreten wird.

Boris, einer der wenigen Politiker, die nur einen Vornamen brauchen, nennt sich selbst wortgewandt einen „Schmelztiegel in einer Person“. Seine Wurzeln sind türkisch, deutsch, schweizerisch, französisch, englisch und womöglich noch mehr, falls seine Vorfahren die ehebrecherischen Neigungen Johnsons teilten.

Die Popularität dieses Absolventen von Eton und Oxford, der gerne ein lateinisches Zitat in seine Sätze einflicht, ist unbestritten. Zweimal wurde er als Stadtpräsident von London gewählt, obwohl die Metropole links von der Mitte tickt und, wie die jüngsten Resultate zeigten, offenkundig proeuropäisch.

Die krumme Gurke

Boris hat ein Naturtalent für Fototermine. Keine Verrenkung oder Verkleidung ist zu abseitig, als dass er sich nicht darauf einließe. „Er bringt mich zum Lachen“ ist deshalb das am häufigsten gehörte Kompliment. Das bezieht sich auch auf seine Eloquenz. Wenn er gefragt wird, ob er denn Absichten habe, Premierminister zu werden, kennen alle Zuhörer die Antwort. Doch Johnson hat die Lacher auf seiner Seite, wenn er diese Wahrscheinlichkeit ebenso hoch einstuft wie seine Wiedergeburt als Olive.

Der Mann, das sagen alle, die ihn kennen, will geliebt werden. Dieser übermächtige Wunsch führt ihn nicht selten ins Abseits und erklärt seinen sehr prekären Umgang mit der Wahrheit.

So verlor Johnson seine erste Stelle als Journalist, weil er ein Zitat erfunden hatte. Aus Brüssel berichtete er mit Vorliebe über die Krümmung von Gurken und andere bizarre Nebensächlichkeiten aus den Korridoren der EU, ja er gilt geradezu als Erfinder dieses Genres, das zur zunehmenden Euroskepsis unter konservativen Abgeordneten in London beitrug. Alle diese Geschichten waren amüsant, nicht wenige entpuppten sich allerdings nachträglich als allzu phantasievoll.

Als subalterner Minister wurde Johnson von seinem Parteichef entlassen, weil er ihn über einen Seitensprung belogen hatte. Nicht die Affäre selbst kostete ihn sein Amt, sondern die Lüge.

Brexit als Karriere-Kalkül

Obwohl Johnsons lustvolle Kritik an den Auswüchsen der EU notorisch war, erwartete im letzten Februar niemand, dass ausgerechnet der Stadtpräsident des Finanzplatzes London sich für einen Austritt aus der EU aussprechen werde. Doch alle unterschätzten seinen Ehrgeiz: Boris wusste, dass er im Falle eines Brexit der aussichtsreichste Kandidat für die Nachfolge Camerons sein würde. Deshalb brach er 2015 sein Versprechen, sich nicht um einen Unterhaussitz zu bemühen, bevor seine Amtszeit in London ausgelaufen sei. Mit anderen Worten: Die Entscheidung des liberalen Johnson, sich für den Brexit zu engagieren, entsprang dem Karriere-Kalkül.

Der Kolumnist Matthew Parris, selbst ein ehemaliger Tory-Abgeordneter, warnte seine Partei im Frühling vor Boris. Das Grundmuster von Johnsons Leben sei nicht seine Gier nach Ämtern und Applaus und empfänglichen Frauen, schrieb er, sondern „die nachlässige Verlogenheit, die Grausamkeit, der Verrat und, unter dem Verrat, die Leere des echten Ehrgeizes: des Ehrgeizes nämlich, etwas Sinnvolles mit einem Amt anzufangen, wenn es einmal gewonnen ist“. Dafür gibt es Belege. Als Stadtpräsident bestätigte sich Johnsons Widerwille, sich in mühselige Dossiers einzuarbeiten. Er ist kein Mann fürs Detail, was ihm in der Regel keinen Schaden einbringt, weil er unbequeme Frager mit einem eleganten Wortspiel ablenkt und erneut für Gelächter sorgt.

Zahlreiche konservative Abgeordnete bezweifeln seine Eignung als Premierminister. Die Tory-Fraktion hält sein Schicksal in der Hand, denn ein Zweiervorschlag der Fraktion geht an die Parteibasis zur Urabstimmung.

Es ist allerdings schwer denkbar, dass die Fraktion ihren begründeten Bedenken folgt und Boris Johnson einen Platz auf dem Wahlzettel verweigert. Dann hätte er ausgezeichnete Chancen auf einen Sieg, obwohl die Geschichte lehrt, dass Favoriten kaum je gewinnen.

Die Alternative stellt sich in der Person von Innenministerin Theresa May. Sie gilt als stramme Euroskeptikerin, die sich nur halbherzig für die EU aussprach. Und sie gilt als pannenresistent.