Nächster Premierminister

Boris Johnson wirft das Handtuch

von Peter Rásonyi / 30.06.2016

Boris Johnson ist aus dem Rennen um das Premierministeramt ausgeschieden. Der ehrgeizige Politstar hat den Machtkampf im Lager der Brexit-Befürworter verloren und ist der überraschenden Kandidatur seines bisherigen Mitstreiters Michael Gove gewichen.

Stets hatten die Medien ihren Liebling Boris Johnson als den aussichtsreichsten nächsten Premierminister verkündet. Dabei ging oft unter, dass Johnson in der konservativen Unterhausfraktion, die ihn für die Nachfolge David Camerons als Parteiführer nominieren müsste, wenig Rückhalt hat.

Die wenigsten Abgeordneten möchten unter einem Parteichef arbeiten, der ein Meister der Selbstinszenierung ist, sich aber für die Details des politischen Geschäfts kaum interessiert, Argumente und Widerreden mit einem Witzchen wegzuwischen pflegt und seine eigenen Positionen wechselt, sooft es ihm gerade opportun erscheint.

„Diese Person kann ich nicht sein“

Johnson erklärte in London wenige Minuten vor Ablauf der Bewerbungsfrist der Kandidaten für die Nachfolge von David Cameron, er sei nicht derjenige, der das Land nach dem EU-Referendum jetzt führen sollte. „Ich bin zu dem Schluss gekommen, diese Person kann ich nicht sein“, sagte er.

Das persönliche Profil des eloquenten und hochbegabten Unterhalters und Wirbelwinds mit dem zerzausten Haarschopf und dem vom Fahrradfahren zerknitterten Anzug, der es allzu oft im Interesse eines knackigen Bonmots nicht so genau mit der Wahrheit nimmt, schien auch nie so richtig mit der Würde des an der Downing Street residierenden Premierministers in Einklang zu bringen.

An die Stelle des vermeintlichen Favoriten Johnson ist raketenartig der amtierende Justizminister und Überraschungskandidat Michael Gove getreten. Gove ist eloquent, ehrgeizig und beschlagen, kaum weniger als Johnson. Er verbindet mit diesen Qualitäten aber viel mehr als Johnson auch einen Habitus von Bürgerlichkeit und Seriosität, der ihn durchaus als Premierminister vorstellbar macht. Mehr als die als eher langweilig geltende Mitfavoritin Theresa May, die mit einem Leistungsausweis als langjährige, kompetente Innenministerin glänzt, vermag Gove in der Öffentlichkeit zu brillieren.

Polarisierender Michael Gove

Der ehemalige Journalist ist hervorragend vernetzt, nicht nur in Westminster, sondern auch mit führenden Zeitungsverlegern wie Rupert Murdoch (The Sun, The Times, Sunday Times). Über seine Ehefrau Sarah Vine, eine bekannte Kolumnistin der Daily Mail, verfügt er auch über beste Beziehungen zu diesem mächtigen Boulevardblatt. Seit der Regierungsübernahme der Konservativen 2010 ist er ein Schwergewicht in der Regierung. Als Erziehungsminister krempelte er mit sehr viel Elan die Organisationen der Schulen um und legte sich mit den einflussreichen Lehrergewerkschaften an. Er polarisierte mit scharfen Angriffen, pointierten Reden und eigenwilligen Entscheiden wie kaum ein anderer.

Er brachte damit so viele Personen gegen sich auf, dass Premierminister Cameron ihn ein Jahr vor der Parlamentswahl 2015 aus dem Verkehr zog und nach dem Wahlsieg in das weniger exponierte Justizministerium versetzte. In der Kampagne zum EU-Referendum kämpfte Gove anders als die Rivalin May als ein führender Exponent für den Austritt aus der EU. Das würde ihn als Strategen und Verhandlungsführer bei den Verhandlungen über die Austrittsmodalitäten und damit für das Premierministeramt empfehlen.