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Mehrheiten

Brexit: Wenn Alte über Junge bestimmen

von Thomas Fuster / 28.06.2016

Für den Brexit haben vor allem jene Menschen gestimmt, welche die langfristigen Folgen dieses Entscheides allenfalls gar nie miterleben werden. Für dieses Problem gäbe es Abhilfe.

Zu den vielen Verlierern des Brexit-Votums gehören die jungen Menschen Großbritanniens. Sie stimmten mit klarer Mehrheit für einen Verbleib ihres Landes in der EU: Bei den 18- bis 24-Jährigen waren es 73% und bei den 25- bis 34-Jährigen noch 62%. Klar gegen die EU sprachen sich demgegenüber die über 65-Jährigen aus, und zwar mit 60%. Anders formuliert: Jene Altersgruppe, die am stärksten und längsten vom Brexit betroffen sein wird, hat gegen den Austritt votiert; sie wurde aber überstimmt durch jene Gruppe, welche die langfristigen Folgen ihres Entscheides allenfalls gar nicht mehr miterleben wird.

Das tönt nach einer Ungerechtigkeit. Doch so sind die Spielregeln einer Demokratie, in der das Prinzip „ein Mensch, eine Stimme“ gilt. Zu den ungeschriebenen Spielregeln einer Demokratie gehört zudem, dass die auf ihre Wiederwahl fixierten Politiker sich am Median-Alter der Abstimmenden orientieren, also an jenem Alter, das die Zahl der Abstimmenden in zwei gleich große Hälften teilt. Und dieses Alter steigt und steigt – auch in der Schweiz, wo es derzeit 56 Jahre beträgt, im Jahr 2035 aber schon über 60 Jahre. Da überrascht es nicht, dass kaum ein Politiker noch den Mut aufbringt, ein höheres Rentenalter einzufordern.

Droht den westlichen Demokratien somit eine Gerontokratie, eine Herrschaft der Alten? Völlig abwegig ist ein solches Szenario nicht. Doch es gäbe Abhilfe: So plädiert etwa die liberale Denkfabrik Avenir Suisse für die Einführung eines Kinderstimmrechts. Dieses würde bis zur Volljährigkeit von den Erziehungsberechtigten ausgeübt. Die Annahme hinter der Idee lautet, dass Eltern die ferne Zukunft stärker gewichten als Personen ohne Kinder. Ein solches Stimmrecht wäre zweifellos eine radikale Reform. Doch um sicherzustellen, dass nicht Kurzfristigkeit und Besitzstandwahrung die Politik dominieren, sind mutige Ansätze gefordert, in der Schweiz ebenso wie in Großbritannien.