Jason Alden/Bloomberg

Britisches Abstimmungsresultat im Spiegel der Presse: Der Brexit als Fehlentscheid

von Stephan Ruß-Mohl / 13.08.2016

Leitmedien in Europa und den USA haben die Entscheidung Grossbritanniens, die EU zu verlassen, grossenteils negativ bewertet. Das zeigt eine Analyse von Berichten in der Woche nach dem Referendum.

Der Brexit wird sowohl für Grossbritannien wie auch für die EU negative Folgen haben: Dieser Meinung ist ein Grossteil der Zeitungen in Europa. Sie gehen auch davon aus, dass sich der Ausstieg schädlich auf die jeweiligen nationalen Interessen ihrer Länder auswirkt. Dies legt eine Analyse von führenden Zeitungen in dreizehn europäischen Ländern und in den USA offen. Die Redaktionen waren sich in der ersten Woche nach der Abstimmung auch weithin einig, dass das Referendum gravierende Probleme innerhalb der EU sichtbar werden liess. Dennoch überwog in der Post-Brexit-Berichterstattung über alle politischen Lager hinweg die Ansicht, dass die EU nicht scheitern dürfe, sondern zu reformieren sei. Lediglich in Russland veröffentlichten die analysierten Medien mehr Artikel über den Brexit, die dessen positive Folgen akzentuierten.

Das Europäische Journalismus-Observatorium untersuchte pro beteiligtes Land drei Zeitungen, die zugleich als Leitmedien gelten, und zwar zwischen dem 25. Juni un dem 1. Juli. Erwartungsgemäss erhielt der Brexit auch nach dem Referendum in den britischen Blättern am meisten Aufmerksamkeit – es folgen die EU-Gründungsmitglieder Deutschland und Italien. Dass auch in der Schweiz im Blick auf das eigene schwierige Verhältnis zur EU sehr intensiv berichtet wurde, verwundert kaum.

Auf den ersten Blick überrascht der unterschiedliche Umfang der Berichterstattung anderswo: Die Medien in Portugal und den USA zollten den Brexit-Folgen weit mehr Aufmerksamkeit als jene in Osteuropa. Dafür gibt es eine plausible Interpretation: Für osteuropäische Länder ist Grossbritannien gefühlt weit weg, trotz zahlreichen Emigranten, die dort leben. Die Redaktionen haben kaum Interesse am Ausland, geschweige denn Korrespondenten an Ort und Stelle. Für Portugal und für Amerika ist dagegen das Vereinigte Königreich kulturell sehr nah.

In Grossbritannien hatten vor der Abstimmung zwei der analysierten Zeitungen, der „Daily Telegraph“ und die „Daily Mail“, die Austrittskampagne unterstützt. Nur der „Guardian“ hatte proeuropäisch Position bezogen. Nach dem Referendum akzentuierten die Presseberichte aller drei Zeitungen mehr die negativen Folgen des Brexit (39 Prozent); deutlich weniger Beiträge (27 Prozent) beurteilten die mutmasslichen Folgen positiv, und etwa ein Drittel (34 Prozent) schätzte diese als neutral ein. Das mag der Nachrichtenlage geschuldet sein. Zyniker werden darin hingegen die generelle Neigung der Medien zum Negativismus erkennen – oder auch, dass um Aufmerksamkeit konkurrierende Medien mitunter schneller die Positionen wechseln als die Leser ihre Unterhemden.

Einigkeit über Reformdruck

Mit Blick auf die Hoffnungen vieler Briten, nach dem Ausstieg mit der EU ähnlich komfortable bilaterale Abkommen aushandeln zu können wie die Schweiz, gewinnt die Brexit-Berichterstattung hiesiger Zeitungen besonderes Gewicht. Der Löwenanteil der analysierten Artikel im „Tages-Anzeiger“, der NZZ und im „Blick“ war neutral. Ein knappes Drittel der Beiträge (60 von insgesamt 187) fokussierte auf negative Konsequenzen des Brexit für Grossbritannien, während nur ein einziger Artikel das Gegenteil betonte. Einigkeit herrschte weithin darüber, dass sich die EU ändern und mehr Demokratie wagen müsse.

In Deutschland stimmten „FAZ“, „Süddeutsche Zeitung“ und „Bild“ darin überein, dass der EU-Austritt negative Folgen für Grossbritannien haben werde. Die Blätter werteten zugleich den Brexit als grosse Krise für die EU, die Reformbedarf signalisiere. Nur in einem kurzen Beitrag der „Süddeutschen Zeitung“ wurden positive Auswirkungen thematisiert. Erstaunlich intensiv berichtete die „Bild“-Zeitung über den Ausstieg und seine Folgen – allein an den ersten drei Tagen nach dem Referendum erschienen 58 Beiträge zum Thema.

In Italien und Portugal erkannten nur 12 bzw. 6 Prozent der Beiträge positive Folgen des Brexit. Die Tageszeitung „Il Giornale“, die zum Berlusconi-Imperium gehört, betrachtete den Brexit allerdings als Sieg der Bevölkerung über die EU-Hierarchien. Die portugiesische Presse hob hervor, dass der Austritt Grossbritanniens die wirtschaftlichen Interessen Portugals schädige und negative Konsequenzen für den Tourismus habe. Ein einziger Beitrag befürwortete den Austritt Portugals aus der EU.

In Osteuropa sorgten sich die Zeitungen um das Schicksal der Mitbürger ihres Landes, die sich in Grossbritannien eine Existenz aufgebaut haben. Als „katastrophale Entscheidung“ und „schockierende News“ werteten die beteiligten rumänischen Blätter den Brexit. Selbst in Ungarn teilten die Zeitungen die Besorgnis über den britischen Austritt. Márta Bencsik von Mertek Media Monitor in Budapest sagt, „die als inadäquat angesehene Immigrationspolitik der EU“ sei in vielen Beiträgen als „Hauptgrund für die britische Entscheidung aufgeführt“ worden.

Für Russland konnten nur Online-Portale ausgewertet werden. Diese waren die einzigen, die keine negativen Folgen des Brexit im Blick auf die eigenen nationalen Interessen sahen. Für die konservative Website „Regnum“, die Putin nahesteht, ist der Brexit gut für Russland. Die oppositionelle „Novaya Gazeta“ zeigte sich dem Brexit gegenüber so gut wie neutral, wies aber auf die Gefahren eines erstarkenden Rechtspopulismus in Europa hin.

In den USA erstaunte der schiere Umfang der Berichterstattung des „Wall Street Journal“ und der „New York Times“. „Der Brexit machte Tag für Tag Schlagzeilen – es ist ungewöhnlich für die sehr aufs eigene Land fokussierte US-Presse, dass sie Europa so viel Platz einräumt“, sagt Scott Maier (University of Oregon). Bei der Frage, ob der Brexit den US-Interessen zugutekommen könne, war die Berichterstattung allerdings gespalten: Acht Artikel bejahten diese Frage, sechs verneinten sie.

Auffälligkeiten

Eine quantitative Analyse stösst allerdings an Grenzen. Weil wir Forscher uns auf drei Titel pro Land beschränken mussten, entgingen uns bemerkenswerte Beispiele der Berichterstattung. So haben etwa die „Schweiz am Sonntag“ und in Deutschland das Magazin „Focus“ in einem Anflug von „konstruktivem Journalismus“ ihre Post-Brexit-Berichterstattung stark auf die Chancen des Ausstiegs ausgerichtet. Ausserdem kann eine auf die Kriterien positiv, negativ und neutral fokussierte Analyse nicht alle Stimmungslagen erfassen.

Mit welcher Emotionalität der Brexit auch nach der Abstimmung medial verhandelt wurde, zeigt etwa der Kommentar mit dem Titel „Aufschrei voller Wut und Frustration“, den die „New York Times“ publizierte: „Die Erwartung einer Katastrophe“, heisst es da, „ist nie dasselbe wie die Katastrophe selbst. Alles, was gesagt und geschrieben wurde im Hinblick auf ein britisches Votum für den Ausstieg aus der EU, ist nichts im Vergleich zum Schock und zur Bestürzung, die Grossbritannien und die Welt am heutigen Freitag fühlten.“