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Währung nach dem Brexit

Das Pfund ist praktisch zur Schwäche verdammt

von Christof Leisinger / 27.06.2016

Der Abstimmungserfolg der Brexit-Befürworter sorgt für Ungewissheit. Diese belastet die Finanzwerte und das britische Pfund.

Der Brexit verändert die Welt – nur so lassen sich die Kursturbulenzen vom Freitag erklären. An diesem Tag gingen die Börsen in Asien, Europa und auch in Amerika in die Knie, nachdem das britische Volk seinen Willen bekundet hatte, die Europäische Union zu verlassen. Einzelne Indizes, wie der Nikkei, der DAX, der Euro-Stoxx 50, der italienische MIB oder der spanische Ibex, gaben um 8% bis 12% nach. Besonders schlecht schnitten die europäischen Bankaktien ab, viele davon verbuchten zweistellige prozentuale Verluste. An der Spitze des Eisbergs standen die Papiere griechischer Institute, welche um bis zu 30% nachgaben, vor italienischen, britischen, spanischen, französischen und portugiesischen Papieren – und selbst in Deutschland und in der Schweiz tendierten sie schwach.

Finanzwerte als Krisenzeichen

Bankaktien sind die ersten Papiere, denen die Anleger bei Verunsicherung das Vertrauen entziehen. Das gilt vor allem für die Titel jener Institute, die ohnehin zu wenig Eigenkapital und erheblichen versteckten Abschreibungsbedarf haben. Der Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union wird einen nach Ansicht von Fachleuten längeren Anpassungsprozess auslösen, dessen Verlauf alles andere als klar ist und der in Europa auf Jahre hinaus wirksam sein wird. Im Rahmen dieser Ungewissheit wird es für die Banken schwieriger als bisher, auf tiefe Zinsen, Überkapazitäten und sonstige strukturelle Probleme zu reagieren. Ihre Schwäche ist ein Symbol für aufgekommene Zweifel an einer prosperierenden Zukunft in Europa. Wie immer sich die redimensionierte Europäische Union auch entwickeln mag, für das austretende Großbritannien selbst stehen die Zeichen auf Sturm. Die Wirtschaft des Landes ist zu einseitig auf einen überhitzten Immobilienmarkt und auf einen aufgeblähten Finanzsektor ausgerichtet, die Budget- und Leistungsbilanzdefizite sind enorm, und das Land hat sich international von einem Nettogläubiger in einen Nettoschuldner verwandelt (vgl. Grafiken). Der Austritt reduziert zudem die Attraktivität des Finanzstandortes London und des Absatzmarktes Großbritannien. Diese Konstellation lässt viele vermuten, das Land wolle und müsse auf eine schwache Währung setzen, um aus der verfahrenen Situation herauszuwachsen.

Tatsächlich lässt der Kursverlauf der vergangenen Tagen entsprechende Erwartungen erkennen. Die britische Währung hat seit den ersten Hinweisen auf das Ergebnis der britischen Volksabstimmung im Verhältnis zum Yen bis zu 17% ihres Wertes verloren, im Vergleich zum Dollar ging es um bis zu 12% nach unten, zum Franken um bis zu 11% und zur europäischen Einheitswährung Euro um bis zu 9%. Die erste „Ausverkaufswelle“ schien zwar nach kurzer Zeit und auf kurze Sicht rasch den Schwung verloren zu haben, aber das war vor allem auf Interventionen von Notenbanken zurückzuführen. Die Bank of Japan hat am Freitag Yen und die Schweizer Nationalbank Franken verkauft, um jeweils die eigene Währung nicht zu schnell zu stark werden zu lassen.

Zeigt der langfristige Kurstrend des Pfunds ohnehin schon eindeutig nach unten, rechnen Fachleute damit, dass die britische Währung auch künftig und für längere Zeit unter der Brexit-Entscheidung leiden werde. Schließlich erschwere diese die Beziehungen zu den wichtigsten Handelspartnern Großbritanniens. Zudem werde das britische Konsumverhalten negativ beeinflusst – und zwar so lange, bis mehr Klarheit über die Folgen des Austritts bestehe. Manche fürchten sogar, es könne zu einer ausgeprägten Kapitalflucht kommen, die das Pfund weiter schwäche, die Inflationsrate nach oben treibe, den geldpolitischen Spielraum der Bank of England einschränke, die Investitionsbereitschaft beeinträchtige und schließlich in einer Rezession in Großbritannien ende. Im Extremfall sei eine ähnlich schwache Entwicklung wie unmittelbar nach dem Höhepunkt der jüngsten Finanzkrise möglich, meinen die Schwarzmaler unter den Marktbeobachtern.

Wenig spricht für das Pfund

Andere behaupten gerade das Gegenteil. Sie verweisen auf das Wachstum, das Großbritannien nach dem „schwarzen Mittwoch“ vom 16. September des Jahres 1992 erfahren durfte. Damals hatten Spekulationen gegen das britische Pfund in großem Stil dazu geführt, dass Großbritannien das europäische Währungssystem, die „Währungsschlange“, verlassen und das Pfund deutlich abwerten musste. Allerdings führte die schwache Währung in der Folge zu beachtlichem Wirtschaftswachstum, zu einem enormen Aufschwung am britischen Arbeitsmarkt und schließlich zu einem wahren Boom an der Börse des Landes.

Der FTSE-All-Share-Index hat sich in den Folgejahren fast verdreifacht, und das Pfund konnte sich wenigstens vorübergehend von seiner damaligen Schwäche erholen. Allerdings ist die Situation heute mit der damaligen nicht vergleichbar. Vor 23 Jahren lag der britische Leitzins unmittelbar vor der Währungskrise bei gut 10%, und die Leistungsbilanz sah besser aus. Das heißt, die britische Zentralbank konnte geldpolitisch eingreifen, um die Lage zu stabilisieren. Heute ist das so nicht möglich.

Außer mit den volkswirtschaftlichen Schwierigkeiten haben die Unternehmen mit Margenproblemen zu kämpfen – und zahlen trotzdem hohe Dividenden. Das ist ein Zustand, der sich nicht halten lässt und der Anleger nicht weiter anlocken dürfte. So sprechen zurzeit nur wenige Gründe für das Pfund.