Andy Rain / EPA

Machtkampf bei den Tories

Dem Boris sein Brutus

von Markus M. Haefliger / 01.07.2016

Justizminister Gove, zusammen mit Boris Johnson der Anführer der Brexit-Kampagne, hat laut eigener Aussage nie Premierminister werden wollen. Plötzlich gilt das nicht mehr.

Boris Johnsons politische Freunde haben am Donnerstag gekocht vor Wut. Am Tag, als der ehemalige Bürgermeister von London seine Anwartschaft auf den Vorsitz der Konservativen Partei anmelden wollte, wie versprochen sekundiert von Michael Gove, seinem vermeintlich engsten Verbündeten, ließ ihn dieser fallen. Johnson habe nicht das Zeug, das Land zu führen, so Goves sensationelle Verkündigung am Morgen. Kurz darauf zog sich Johnson aus dem Rennen um die Nachfolge von Premierminister David Cameron zurück.

Bescheidener Hintergrund

Wer ist der Mann, der als schamloser Verräter in die Geschichte eingehen wird? Anfang des Jahres hatte er schon Cameron hintergangen, seinen politischen Mentor. Den Regierungschef und den mit 48 Jahren fast gleichaltrigen Gove verband zu dem Zeitpunkt eine längere politische und persönliche Freundschaft. Gove, der Intellektuelle, lieferte die Ideen, Cameron, der Showman, brachte sie unter die Leute. Nun, im Februar, gab Cameron bekannt, dass das Kabinett für den Verbleib Großbritanniens in der EU eintrat, und setzte die Abstimmung darüber auf Ende Juni fest. Gove fiel Cameron in den Rücken. Er kündigte an, für den Brexit zu werben. Der Premierminister muss sofort erkannt haben, dass der Referendumskampf mit Gove im gegnerischen statt im eigenen Lager härter und schwieriger werden würde.

Gove, der mit seiner hohen Stirn und glatten Haut zuweilen schulbübisch aussieht, spielte auch während der Brexit-Kampagne den vordersten Waggon – die Lokomotive, das war der Populist Boris Johnson. Nach dem Sieg vor Wochenfrist blieb die Formation zusammen. Die Wahl eines Parteichefs, die nach Camerons Rücktritt nötig wurde, zeigt neuerdings Anzeichen einer Amerikanisierung. Kandidaten treten mit einem „Running Mate“ an, obwohl diesem kein fixer Posten winkt wie einem amerikanischen Vizepräsidenten. Gove war Johnsons Gefährte – bis am Mittwoch. Da wurde durch eine „Indiskretion“, vielleicht eine beabsichtigte, bekannt, dass Goves Ehefrau, die politische Klatschkolumnistin Sarah Vine, gegen Johnson stichelte. Gove, ihr Mann, werde „Boris“ mit der Forderung nach „verbindlichen Zusicherungen“ unter Druck setzen, schrieb Vine in einer E-Mail an Freunde und Bekannte.

Ob Gove der Vertrauensbruch, der ihm „schwergefallen“ sein soll, im Rennen um den Parteivorsitz schaden oder nützen wird, ist unklar. Er ist nicht der Einzige, der zunehmend an Johnsons Fähigkeit zweifelte, andere Kandidaten (siehe Zusatzartikel) aus dem Feld zu schlagen und zu gewährleisten, dass ein Brexit-Befürworter Regierungschef wird. Wie Johnson ist Gove unter den Tories beliebt, nicht nur an der Parteibasis, sondern auch – vorläufig entscheidender – in der Unterhausfraktion.

Er gilt als distanzierter Charmeur, aber auch als Intrigant. Er pflege seine Feindschaften, heißt es, und setze dabei nicht selten seine Frau, die Journalistin, ein. Gove entstammt einem bescheidenen, kleinbürgerlichen Haushalt. Er war als Kleinkind zur Adoption freigegeben worden. Der Adoptivvater, ein Fischhändler in Aberdeen, verdiente sein Geld mit geräuchertem Kabeljau, die Mutter war Lehrerin für Behinderte. Beide sparten, damit Gove eine gute Schule besuchen konnte. Er war der Primus, die Lehrer fürchteten sich vor seinen Fangfragen. Aus der Abstammung nimmt Gove den Einsatz für Chancengleichheit und soziale Mobilität mit, eine Leitplanke seiner Überzeugungen. Nirgends würden Privilegien und die Fesseln der Armut so unveränderlich über Generationen vererbt wie in England, sagte er einmal anklagend.

Gove, der zuvor den konservativen Think-Tank Policy Exchange geleitet hatte, wurde nach der Wahl ins Unterhaus Oppositionssprecher für Erziehungsfragen und nach dem Sieg der Tories 2010 Erziehungsminister. Laut einem Interviewer hingen in seinem Büro Fotos von Lenin und Malcolm X, nicht wegen deren Ansichten, sondern wegen ihres politischen Willens. Bei der Umgestaltung des Schulwesens war Gove ungeduldig wie ein Revolutionär. Auf einen Schlag sollten 500 Staatsschulen von (linken) lokalen Schulverwaltungen befreit und in „Academies“, freie Schulen, umgewandelt werden. Gove setzte auch durch, dass im Geschichtsunterricht der britischen Geschichte wieder Priorität beigemessen wurde. Seine Interventionen machten ihn zum Buhmann von Linken und Lehrern.

Dolchstoss in den Rücken

Auch als Justizminister, ein Amt, das Gove seit einem Jahr ausübt, äußert er sich als Sozialreformer, als „One Nation Tory“, also als Befürworter des sozialen Ausgleichs. Gleichzeitig sei Gove in ordnungs- und außenpolitischen Fragen ein konservativer Falke, sagt der Politologe und Kenner der Tory-Partei Tim Bale. Es sind diese beinharten Überzeugungen – mehr als persönlicher Ehrgeiz oder Ranküne –, die Gove zu seinem aufsehenerregenden Schritt getrieben haben. Während sich andere unter dem Motto „Stop Boris“ den Kopf zerbrachen, wie Johnson wahltaktisch verhindert werden könnte, erreichte Gove das gleiche Ziel abrupt mit dem Dolchstoß in den Rücken seines Brexit-Mitstreiters. Johnson ist – zumindest vorläufig – politisch mausetot.


Mehr dazu:

Boris Johnson wirft das Handtuch

Wer nun Regierungschef werden könnte