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Zentralbanken

Der Brexit ist nur die Spitze des Eisbergs

von Claudia Aebersold Szalay / 27.06.2016

Der Brexit stellt Europa vor große Herausforderungen. Doch auch die Weltwirtschaft bereitet Sorgen. Die BIZ ruft zu einem Paradigmenwechsel auf.

Der Austritt Großbritanniens aus der EU ist eine Belastungsprobe für das Land und ganz Europa. Doch für die Weltwirtschaft stellt er nur eines unter vielen Problemen dar. Weltweit wachsen nämlich die Schuldenberge ungebremst weiter, während die Produktivitätsfortschritte gering sind. Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) warnt in ihrem neusten Jahresbericht eindringlich vor dieser explosiven Konstellation. In einer Stellungnahme gab die BIZ am Freitag zwar an, der Brexit würde nur vorübergehend für erhöhte Unsicherheit sorgen. Doch die Kombination aus niedrigem Produktivitätswachstum, einer im historischen Vergleich einmalig hohen Verschuldung sowie einem eingeschränktem Handlungsspielraum seitens der Politik macht die globale Wirtschaft störungsanfällig.

An den Wurzeln packen

Für den gegenwärtig fragilen Zustand der Weltwirtschaft liefert die „Bank der Notenbanken“ eine ganz eigene Erklärung. Die Finanzzyklen, in denen Phasen der übermäßigen Expansion von heftigen Krisen beendet werden, schaden dem weltweiten Wirtschaftssystem im Urteil der BIZ-Experten nachhaltig. So hat auch die jüngste Finanzkrise das weltweite Produktionsniveau dauerhaft gesenkt. Fehlallokationen während der Boom-Phase haben die Kontraktion während der Krise zusätzlich verschärft. Die Reaktion der Politik auf die Krise hat die Lage kurzfristig zwar stabilisiert, sie aber mittelfristig nur noch schlimmer gemacht. Zu viel der Krisenpolitik ist laut der BIZ den Notenbanken aufgehalst worden, während echte Strukturreformen gescheut wurden.

Die Zentralbanken können mit ihrer ultralockeren Geldpolitik nichts gegen die realen Gründe für die Krise und die darauf folgende Wachstumsschwäche ausrichten, namentlich die falsche Allokation der Ressourcen. Stattdessen schafft sie mit dem großzügigen Angebot an Notenbankgeld und den historisch tiefen Zinsen nur neue Probleme, weil Letztere Staaten und Private zu neuer Schuldenaufnahme animieren.

Es droht der Vertrauensverlust

Das Zusammenspiel zwischen wirtschaftlicher und finanzieller Entwicklung birgt große Risiken. Erstens eine abrupte Liquiditätsverknappung, wenn Finanzzyklen ihren Höhepunkt erreichen; zweitens die außerordentlich tiefen Zinsen, die zur Blasenbildung bei den Vermögenswerten führen und das Finanzsystem anfällig auf neue Störungen macht; drittens, und das wiegt heute besonders schwer, ein Vertrauensverlust gegenüber der Politik. Wenn die Erwartungen der Öffentlichkeit an die stabilisierende Wirkung der Geld- und Wirtschaftspolitik während längerer Zeit enttäuscht werden, leidet das Ansehen der politischen Entscheidungsträger.

Laut der BIZ besteht diese Gefahr derzeit vor allem bei den Notenbanken. Trotz außerordentlicher Maßnahmen haben es die großen Zentralbanken der Welt bisher nicht geschafft, die Inflation wieder anzukurbeln. Gleichzeitig sind die Finanzmärkte zunehmend von den Zentralbanken abhängig, und der Handlungsspielraum der Politik hat abgenommen. Kommen die Bürger in dieser Konstellation irgendwann zum Schluss, dass die Politik sowieso nichts mehr ausrichten kann, hat das gravierende Folgen für die Finanzstabilität und auch die Realwirtschaft.

Andere Gewichtung

Laut den BIZ-Experten ist deshalb ein grundlegendes Umdenken nötig. Die Politik muss innerhalb des Finanzzyklus einer Blasenbildung konsequenter und dem darauf folgenden Abschwung dafür weniger energisch und weniger lang entgegenwirken. Die Fiskalpolitik soll sich darauf konzentrieren, mit Investitionen in Sach- und Humankapital die Grundlage für nachhaltiges Wachstum zu schaffen und eine schädliche Schuldendynamik zu vermeiden. Die Geldpolitik sollte von der Rolle als „Weltfeuerwehr“ befreit werden, da die monetäre Lockerung an ihre Grenzen stößt. Nur so erlangt die Politik im Urteil der BIZ ihren Handlungsspielraum zurück.