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Der Mann ohne Charisma stürzt Boris Johnson

von Martin Alioth / 03.07.2016

Die britischen Konservativen galten schon immer als besonders ruchlos im Umgang miteinander. Erst recht jetzt, nach dem Brexit-Entscheid: Wie der farblose Justizminister Michael Gove den schillernden Favoriten Boris Johnson auf seinem Weg nach oben ausbremste, setzt neue Maßstäbe.

Michael Gove pflegte jeweils zu scherzen, er sei stets die zweite Wahl, wenn ein Tischredner gesucht werde. „Auf meinem Grabstein wird dereinst stehen: Sie konnten Boris nicht kriegen.“ Doch nun hat er Boris gekriegt. Der 48-jährige Justizminister Gove kandidiert anstelle des früheren Londoner Bürgermeisters Boris Johnson für das Premierministeramt.

Gove ist in fast jeder Hinsicht das Gegenteil von Johnson. So präsentierte er diese Woche eine wahrlich sonderbare Bewerbung um das höchste Amt: „Ich kenne meine Grenzen. Was auch immer Charisma ist, es geht mir ab. Was auch immer Glamour sein mag, niemand würde mich damit in Verbindung bringen.“ Johnson dagegen hat – zumindest in den Augen seiner Bewunderer – tonnenweise Charisma. Er gehört letztlich gar nicht in die Politikerfamilie, sondern in die Klatschspalten zu den Berühmtheiten. Das zeigte sich am letzten Montag, als er in seiner wöchentlichen Kolumne für den Daily Telegraph (Honorar: 5.000 Pfund) eilig von den Verheißungen der Brexit-Kampagne zurückkrebste. Entgegen den Tatsachen behauptete er, die Sorgen um die Einwanderung seien nicht der ausschlaggebende Grund für das Resultat gewesen.

Bei Gove, einem zutiefst seriösen Reformpolitiker, der bei seinem ersten Bewerbungsgespräch bei den Tories abblitzte, weil er nicht konservativ genug war, schrillten spätestens nach diesem Artikel die Alarmglocken. Er hatte ja in den letzten Monaten reichlich Gelegenheit gehabt, Johnson im politischen Alltag zu beobachten. Denn Gove koordinierte dessen Brexit-Kampagne. So war er auch schon vorgesehen als Wahlkampfleiter für Johnsons vermeintlich unabwendbare Bewerbung als Nachfolger von Premierminister David Cameron. Eben stets der zweite Mann.

Nachdem das überraschende Ergebnis des Referendums vorletzten Freitag bekannt geworden war, formierte sich in der konservativen Fraktion sofort eine „ABB“-Bewegung: „anybody but Boris“. Jeder, nur nicht Boris. In ersten Meinungsumfragen schwang sich Innenministerin Theresa May auf den ersten Platz, welche ebenfalls diese Woche ihre Kandidatur eingereicht hat.

Boris hingegen hat nicht das Zeug zum Premierminister, wie Gove viel zu spät erkannte. Johnson gilt als undisziplinierter Einzelkämpfer ohne jeglichen Teamgeist. Er ist ein schlagfertiger Generalist, dem aber der fürs Aktenstudium nötige Fleiß abgeht. Und er ist ein notorischer Lügner. Und so ergriff Gove den Dolch und erklärte der verblüfften Öffentlichkeit am Donnerstag seine Kandidatur. Tags darauf erinnerten seine Begründungen an Martin Luther, der angeblich in Worms gesagt haben soll: „Hier steh ich nun und kann nicht anders. Gott helfe mir. Amen.“ Gove ist ein bekennender Presbyterianer der Church of Scotland. Seine Berufung auf sein Gewissen sollte den doppelten Verrat rechtfertigen.

Gove war schon seinem engen Freund David Cameron in den Rücken gefallen, als er sich zum Brexit-Lager schlug. In der Rückschau erscheint es pikant: Es war Gove gewesen, der Johnson schließlich für diese Sache gewonnen hatte. Cameron verhüllte seine tiefe Enttäuschung damals nicht. Er wusste, dass die EU-Gegner mit Gove erstmals ein politisches Schwergewicht gewonnen hatten, der etwas Ordnung in die wirre Gedankenwelt von Sektierern und Eiferern bringen konnte. Die Freundschaft mit Cameron indessen war damals bereits abgekühlt, denn der Premierminister hatte seinen Freund bei der Regierungsumbildung vor zwei Jahren gegen dessen Willen als Bildungsminister abgesetzt.

Nachdem Gove zum zweiten Mal in die Rolle von Brutus geschlüpft war, bemerkte ein Mitarbeiter Johnsons: „In der Hölle gibt es eine besonders tiefe Grube für Leute wie Gove.“ Das war wohl eine der wenigen zitierfähigen Äußerungen aus Johnsons Umgebung. Die große Fangemeinde von Boris war erschüttert und empört. Denn sie hatten eine Krönung erwartet. Nicht wenige brachen gar in Tränen aus. Sie werden nun gewiss nicht für Gove stimmen.

Der Kontrast zwischen den beiden Kontrahenten reicht indessen noch tiefer: Gove war als Sohn einer unverheirateten Mutter von einem Unternehmer aus Aberdeens Fischindustrie adoptiert worden. Johnson wurde in die Elite hineingeboren. Ideologisch vertritt Boris ein liberales, weltoffenes Bekenntnis, während Gove einem interventionistischen Staat das Wort redet, der den Alltag der Bürger aktiv und progressiv umgestaltet. Johnsons Distanzierung von der Einwanderungsproblematik kostete ihn vermutlich den Kragen, aber sie war typisch. Gove verkündete knapp, er werde die Freizügigkeit abschaffen.

Damit kann das Drama, das die Handschrift von Shakespeare zu tragen scheint, historisch eingeordnet werden: Es gehört in den Andreasgraben innerhalb der Konservativen Partei. Seit bald zweihundert Jahren teilen sich die Tories in global denkende Freihändler und insulare Protektionisten auf. Damals hießen die Protagonisten Peel und Disraeli, heute Johnson und Gove.

„Wer den Dolch führt, wird die Krone nie tragen“, bemerkte der Tory Michael Heseltine, nachdem er Margaret Thatchers Sturz ausgelöst hatte. Am Donnerstag, nachdem Boris Johnson sich aus dem Rennen zurückgezogen hatte, meldete sich Lord Heseltine erneut zu Wort: Boris sei der General, der seine Armee ins Geschützfeuer führe und beim Anblick des Schlachtfeldes wegrenne.