Dichtester britischer Wirtschaftsnebel

Meinung / von Gerald Hosp / 22.07.2016

Die britische Wirtschaftslage hat sich laut dem Einkaufsmanager-Index seit der Brexit-Entscheidung dramatisch verschlechtert. Es ist aber noch zu früh, von einer Rezession zu sprechen.

„Es ist erwiesen …, dass die Dinge nicht anders sein können, als sie sind, denn da alles zu einem Zweck geschaffen worden ist, muss es natürlich zum besten Zweck sein.“ Die Wirtschaftsdiskussion in Grossbritannien läuft derzeit häufig frei nach den Worten des Professors Pangloss aus dem Roman „Candide“ von Voltaire. Sowohl bei Brexit-Befürwortern als auch -Gegnern kann nicht sein, was nicht sein darf. Einen ersten konkreteren Hinweis auf mögliche wirtschaftliche Folgen der Entscheidung Grossbritanniens am 23. Juni, die EU zu verlassen, gibt der Einkaufsmanager-Index von Markit/CIPS, der ein vorauslaufender Wirtschaftsindikator ist: Das Stimmungsbarometer ist von 52,4 Zählern im Vormonat auf 47,4 Punkte im Juli gesunken, den niedrigsten Wert seit 2009. Weniger als 50 Punkte deuten in der Regel eine schrumpfende Wirtschaft an. Sowohl in der Industrie als auch im Dienstleistungssektor werden geringere Wirtschaftsaktivität und Bestelleingänge wahrgenommen. Die Exporte haben aber wegen des schwächeren Pfunds zugelegt.

Die Wahrscheinlichkeit eines wirtschaftlichen Rückschlags in der kurzen Frist in Grossbritannien steigt damit. Der Wechselkurs des Pfunds ist gegenüber den wichtigen Währungen abermals gesunken. Dennoch ist es noch zu früh, von einer Rezession zu sprechen, auch wenn Ökonomen von einer Verlangsamung ausgehen. Umfragen kurz nach dem Referendum könnten die Lage düsterer zeichnen, als sie tatsächlich ist. Die Stürme der ersten Chaostage an den Finanzmärkten und in der Politik haben sich gelegt. Die fundamentale Unsicherheit ist aber erst überwunden, wenn klar sein wird, welche Handelsbeziehungen Grossbritannien dereinst mit der EU und dem Rest der Welt haben wird. Bis dahin müssen weitere Daten zeigen, ob und in welchem Ausmass Unternehmen und Haushalte Investitionen und Konsum zurückfahren. Harte Fakten sollen auf Professor Pangloss‘ Aussage antworten.