AFP PHOTO / ADRIAN DENNIS

Randnotiz

Die Briten sind nicht so blöd, wie selbstherrliche Beobachter glauben

Meinung / von Bernhard Schinwald / 05.07.2016

Wenige Stunden nachdem feststand, dass sich die Briten für den EU-Austritt entschieden haben, kursierte eine Geschichte in den traditionellen und sozialen Medien, wonach „What is the EU?“ und „What happens if we leave the EU“ an diesem Tag zwei der häufigsten Google-Suchen in Großbritannien waren. Anhand einer Trend-Kurve wurde der Eindruck erweckt, dass die Briten offenbar gar nicht wussten, wogegen sie eigentlich abgestimmt haben.

Der amerikanische Datenanalyst Danny Page hat sich in einem interessanten Artikel mit dem Tool Google Trends auseinandergesetzt, auf dessen Daten diese Behauptung beruht. Er kommt dabei zum Ergebnis – und zeigt das auch an anderen Beispielen – dass Google Trends nur Vergleichswerte in einem bestimmten Zeitraum zeigt. Die Behauptung, dass die Suchanfragen nach „What happens if we leave the EU“ um 250 Prozent zugenommen haben, ist erst dann interessant, wenn man auch die absoluten Zahlen dazu kennt oder sie mit anderen Trends vergleicht. Ein Google-Tool, das die absoluten Zahlen zu den Suchtrends ausspuckt, Google AdWords, zeigt, dass es etwa tausend Briten waren, die diese Anfragen stellten. Zum Vergleich: Für den Austritt stimmten über 17 Millionen Briten.

Ein weiterer Eindruck, der die These der unwissenden Briten untermauern soll, waren Einzelaussagen von Wählern. Kontinenaleuropäische und amerikanische Medien interviewten Briten, die ihre Entscheidung für den Brexit mittlerweile bereuen. Aber auch diese Nachrichten dürften eher unter die Kategorie der anekdotischen Evidenz fallen. Denn, wie das Umfrageinstitut IPSOS Mori zeigt, ist die überwältigende Mehrheit der Briten mit sich und ihrer Entscheidung beim EU-Referendum im Reinen.

Zur Demokratie gehört, dass man den Volkswillen auch dann respektiert, wenn das Ergebnis nicht den eigenen Präferenzen entspricht. Die Briten haben eine Entscheidung getroffen. Man kann diese für falsch und kurzsichtig halten. Man hat sie und die Menschen, die sie getroffen haben, dennoch zu respektieren. In diesem Sinne spricht bei der Unterstellung, die Briten hätten nicht gewusst, worüber sie abstimmen, weniger für die Dummheit der Briten und mehr für die Selbstherrlichkeit, die zuweilen in kontinentaleuropäischen und US-amerikanischen Medien anzutreffen ist.