Nigel Farage tritt zurück

Ein weiterer Brexit-Sieger stiehlt sich aus der Verantwortung

von Markus M. Haefliger / 04.07.2016

Ohne den Chef der rechtsnationalistischen UKIP, Nigel Farage, wäre es zu keiner Brexit-Abstimmung gekommen. Aber im Moment seines größten Triumphs tritt der politische Außenseiter von der Bühne.

Der Anführer der United Kingdom Independence Party (UKIP), Nigel Farage, hat am Montag sein Amt als Parteichef niedergelegt. Die Nachricht ist mit einer Prise Salz zu genießen; Farage hatte schon letztes Jahr einmal die Politik an den Nagel gehängt, nachdem er bei den Unterhauswahlen persönlich gescheitert war. Kurz darauf überlegte er es sich anders und spielte im Abstimmungskampf um den EU-Austritt eine Schlüsselrolle. Diesmal werde er seine Meinung nicht ändern, versprach Farage – um anzufügen, falls die Regierung den Brexit-Auftrag nicht in seinem Sinne erfülle, werde er sich bei den nächsten Unterhauswahlen einmischen.

Mit dem 52-Jährigen stiehlt sich ein zweiter Anführer der Brexit-Befürworter nach dem Sieg davon. Der frühere Bürgermeister von London, Boris Johnson, hatte es ihm letzte Woche vorgemacht; dieser warf lieber das Handtuch, als den Wettbewerb um den Parteivorsitz der Tories aufzunehmen, nachdem ihn sein engster Verbündeter Michael Gove hintergangen hatte. Farage, ein Außenseiter in Whitehall, kann man nicht im gleichen Maß vorwerfen, die Verantwortung zu scheuen. Aber auch er hatte noch vor kurzem protestiert, als Premierminister David Cameron ankündigte, die UKIP werde nicht zum interministeriellen Brainstorming über das „Wie weiter nach dem Brexit?“ zugezogen. „Skandalös“ sei das, polterte Farage.

Jetzt ist dem Mitbegründer der UKIP das zukünftige Verhältnis der Briten zur EU offenbar doch egal; er hat dazu genauso wenig ein Konzept wie die Faktionen im konservativen Brexit-Lager. Es gebe keinen besseren Zeitpunkt für den Rücktritt, sagte Farage. „Ich habe alles erreicht, jetzt jetzt will ich mein Alltagsleben zurück.“ Seinen Sitz im Europaparlament behält er vorläufig,

Farage ist ein umstrittener Politiker. Im Unterschied zu den liberalen Geistern im Brexit-Lager scheute er sich nicht, im Referendumskampf fremdenfeindliche Emotionen zu schüren. Ein Plakat seiner Kampagne zeigte einen Treck syrischer Flüchtlinge auf der Balkanroute, suggerierend, die Zehntausenden von Unglücklichen marschierten direkt auf den Ärmelkanal zu. Den Mangel an Ironie kompensiert er mit einem breiten Grinsen, seinem Markenzeichen. Man sagt über ihn, er könne nur diejenigen begeistern, die ohnehin auf seiner Seite stünden (bei den letzten Unterhauswahlen 13 Prozent der Wähler), auf andere wirke er abstoßend.

Farage liebt den politisch unkorrekten Auftritt, wozu neben lockeren Sprüchen gehört, dass er er ungeniert raucht und trinkt, Letzteres zuweilen maßlos, seit er 2010 bei einem Flugunfall während des Wahlkampfs nur dank seines Schutzengels überlebte. Sein Vater war Börsianer, er besuchte eine gute Privatschule, aber er studierte nicht, sondern arbeitete als Börsenhändler. Er ist ein Parvenü, getrieben von Ressentiments gegen die sozialen und politischen Eliten. Politisch kennt er nur eineinhalb Themen: die Ablehnung der EU und der ungesteuerten Einwanderung aus der EU. Als seine größte Leistung schreibt er sich zugute, dass er Cameron gezwungen hat, 2013 das EU-Referendum zu versprechen – Cameron befürchtete zu Recht, dass die Tories andernfalls zu viele Stimmen an die UKIP und, in der Folge, Parlamentsmandate an die Labourpartei verlieren würden. Bei den Wahlen 2015 passierte dann das Umgekehrte: UKIP unterhöhlte in den deindustrialisierten Gebieten Nordenglands die Wählerbasis von Labour und ermöglichte den Wahlsieg der Tories. Gedankt haben sie es ihm nie.

Offen ist, welche Politik die UKIP nach dem Brexit-Triumph vertreten will. Wirtschafts- und ordnungspolitisch ist Farage liberal gesinnt. Er lehnte im EU-Parlament eine Allianz mit Marine Le Pen ab, weil ihm der Protektionismus des Front National (FN) nicht geheuer war. Ohne Farage und im Einklang mit ihren Wählern, zunehmend ehemaligen Labourwählern, biegt die UKIP möglicherweise rascher auf einen ähnlichen Weg wie der FN ein.