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Rennen um Tory-Führung

Eine neue „eiserne Lady“

von Markus M. Haefliger / 11.07.2016

Bringt das Erdbeben nach dem Brexit eine rechts außen politisierende Premierministerin hervor? Möglich wäre es – wenn sich Andrea Leadsom an der Parteibasis nicht gerade sehr unbeliebt machen würde.

Am Wochenende ist ein Sturm der Entrüstung über Andrea Leadsom niedergegangen. Die Anwärterin auf die Nachfolge David Camerons als Parteichefin der britischen Tories und nächste Premierministerin hatte beim Versuch, gegen ihre Widersacherin Theresa May zu punkten, das unterste Register gezogen. In einem Interview machte sie eine Anspielung auf Mays Kinderlosigkeit und rückte ihr eigenes, heiles Familienleben in den Vordergrund. In den eigenen Reihen hagelte es Kritik. Leadsom müsse sich mindestens entschuldigen, sagten Parteifreunde.

Pro Woche ein Fettnapf

Theresa May, eine gemäßigt auftretende Konservative, machte aus ihrem Bedauern, dass sie und ihr Mann aus medizinischen Gründen kinderlos blieben, nie ein Hehl; die 53-jährige Andrea Leadsom selber hat zwei Söhne und eine Tochter. Die eigenen Kinder machten sie für die großen Zukunftsfragen empfänglich und stärkten ihr politisches Urteil, gab sie der Samstagsausgabe der Times zu verstehen. Das grobe Foul wurde dadurch nicht besser, dass Leadsom ihr angebliches Bedauern über Mays „trauriges“ Los ausdrückte.

Einige Anhänger Mays forderten am Sonntag sogar Leadsoms Verzicht auf die Kandidatur. Dazu wird es nicht kommen – zu sehr brennen die etwa 150.000 Basismitglieder der Partei darauf, bei der Auswahl der Parteichefin ein Wort mitzureden. Statutengemäß hatte die Unterhausfraktion der Tories letzte Woche das Feld der Anwärterinnen auf May, eine Brexit-Gegnerin, und Leadsom, die für den Austritt aus der EU geworben hatte, ausgedünnt; die Siegerin soll in den nächsten zwei Monaten in einer Urabstimmung unter den Parteimitgliedern erkoren werden.

Die Bemerkung über das Familienglück ist schon der zweite Fettnapf, in den Leadsom trat, seitdem sie vor ebenso vielen Wochen praktisch aus dem Nichts zur Kandidatin mit Außenseiterchancen aufgestiegen war. Zuvor hatte sie ihre „große“ Erfahrung als Investmentbankerin und Fondsmanagerin in die Waagschale geworfen; die Rede war von „Hunderten“ von Untergebenen und „Milliarden“ von Pfund, die sie beaufsichtigt haben wollte. Frühere Mitarbeiter stellten dies jedoch in Abrede. Leadsom musste tiefer stapeln: In einem revidierten Lebenslauf war sie statt „Direktorin“ nur noch „Stellvertreterin“. Sie stammt aus einem Elternhaus von Kleinunternehmern und ging im Landkreis Buckinghamshire bei London in Staatsschulen. Vor zwei Jahren war sie – wegen der geschönten Erfahrung als Finanzexpertin – zur Juniorministerin im Schatzamt ernannt worden, musste den karriereträchtigen Posten jedoch räumen, nachdem sie früh für den Austritt Großbritanniens aus der EU eingetreten war. Seither war sie Juniorministerin für Energie.

Lauter radikale Parteichefs?

Leadsoms Empfehlung für den Parteivorsitz enthält vor allem einen Eintrag: Sie hielt sich bei Fernsehdebatten vor dem EU-Referendum vom Juni gut. Noch vor zwei Wochen nützte ihr das nichts, sie lag im Rennen um Camerons Nachfolge abgeschlagen hinter Boris Johnson zurück. Dann zündete dessen Verbündeter Michael Gove das, was einige seinen „Sprengstoffgürtel“ nannten: Er fiel Johnson in den Rücken und disqualifizierte mit dem Verrat sowohl diesen wie sich selber. Leadsom wurde an die Oberfläche gespült.

Falls sie das Rennen macht, wird nicht nur die Labourpartei von einem Vertreter des radikalen Flügels (in jenem Fall der Linksaußen Jeremy Corbyn) angeführt, sondern Ähnliches würde auch für die Tories gelten. Leadsom versteht das Klischee, eine „eiserne Lady“ wie Maggie Thatcher zu sein, als Lob. Als Regierungschefin würde sie „sofort“ den Austrittsartikel 50 der EU-Verträge anrufen und in der Einwanderungsfrage, der voraussichtlichen Knacknuss der Verhandlungen mit Brüssel, eine harte Position vertreten. Außerdem tritt sie für die Gewinnung von Schieferöl durch Fracking ein. Arron Banks, ein Gönner der nationalkonservativen UKIP, hat erklärt, er werde Leadsoms Kampagne für den Parteivorsitz unterstützen.

Auch auf sozialpolitischer Ebene nimmt Leadsom vom Mitte-Rechts-Kurs Camerons Abstand. So verweigerte sie dessen Gesetz zur Legalisierung der Schwulenehe die Zustimmung und soll in ihrem Blog gegen Vormundschaftsbehörden geschimpft haben, wenn diese Kinder homosexuellen Paaren zur Adoption überließen. Sie gehört einer Bibelgruppe im Parlament an und wurde mehrmals von der amerikanischen Tea Party in die USA eingeladen.

Tories suchen einigende Kraft

Rechtskonservative Positionen sind unter Tory-Wählern verbreitet, bei der Wahl der Parteivorsitzenden haben aber nur die Parteimitglieder eine Stimme. Sie sind mehrheitlich pragmatisch eingestellt. Eine Umfrage ergab kürzlich, dass die Parteibasis Kompetenz und die Fähigkeit, die Partei zu einen, höher gewichtet als den Wunsch, dass eine Brexit-Befürworterin die Partei anführt. Obwohl die Tories bei der Wahl des Parteichefs in der Vergangenheit oft für Überraschungen sorgten, favorisieren die Umstände Theresa May.